Lade Login-Box.
Topthemen: Coronavirus in BayernDie Videos der WocheDer BachelorCotubeBlitzerwarner

Brennpunkte

Hirnforscher: Schenkt den Kindern Zeit und Erfahrungen

Noch ein Päckchen, noch eins und noch eins: Ohne Spielzeug und Süßes für die Kleinen ist Heiligabend für viele Menschen kaum vorstellbar. Ein Hirnforscher hat andere Vorschläge.



Bescherung
Eine Junge packt hinter einem geschmücktem Christbaum Weihnachtsgeschenke aus.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Was schenke ich bloß? Und wie viel, wenn der Wunschzettel endlos ist? Vor Weihnachten kennen gerade Eltern diese Fragen. Der Entwicklungsforscher Gerald Hüther appelliert, Kindern Zeit und gemeinsame Erfahrungen anstelle von materiellen Dingen zu schenken.

«Viele Eltern schenken gedankenlos Spielzeug oder Süßes, weil man es immer so gemacht hat und es alle so machen», sagte Hüther der Deutschen Presse-Agentur. Dies gelte es auch angesichts von Erkenntnissen aus der Hirnforschung zu hinterfragen.

Es habe sich gezeigt, dass Erfahrungen für die Gehirnentwicklung von Kindern maßgeblich seien, sagt der frühere Professor für Neurobiologie der Universität Göttingen. «Diese Erfahrungen werden in Form von Netzwerkstrukturen im Hirn verankert.» Es gelte, Kinder so zu begleiten, dass möglichst viele dieser Strukturen angelegt würden.

Legten Erwachsene jedoch früh einen Fokus auf Materielles, werde der angeborene offene Blick der Kinder verengt: «Das ganze Denken, Fühlen und Handeln dreht sich dann nur noch darum, was man alles bekommt und was man sich beschaffen kann.» Durch Besitz glücklich zu werden, sei jedoch ein Irrglaube - und Konsum meist eine Ersatzbefriedigung.

Erwachsene seien sich zudem oft nicht bewusst, welche Absichten hinter ihren Geschenken steckten, bemängelt Hüther. Kinder würden etwa mit pädagogisch wertvollem Spielzeug zum Objekt eigener Erwartungen und Vorstellungen gemacht: Der Schenkende will zum Beispiel erreichen, dass das Kind sich mit einem bestimmten Thema beschäftigt. Oder er will eher sich selbst eine Freude bereiten. Aus Sicht Hüthers ist es für Kinder schädlich, auf diese Weise zum Objekt gemacht zu werden: Grundbedürfnisse nach Geborgenheit und nach autonomen Entscheidungen würden dadurch verletzt.

Letztlich würden viele Geschenke nach kurzer Zeit weggeworfen, oder sie würden für Kinder schnell uninteressant, weil sie deren Entdeckerfreude wenig förderten, sagt Hüther. In seinem Buch «Was schenken wir unseren Kindern» beschreibt er die meisten materiellen Geschenke als «fragwürdige Verführungen», die Kindern die Kraft raubten, ihre Begabungen zu entfalten. Ein Anlass zum Schreiben sei auch der Klimawandel gewesen, der durch Konsum befeuert werde, sagt Hüther. «Es ist Zeit umzudenken.»

Ein besonderes Geschenk, an das Hüther sich bis heute erinnere, sei ein Erlebnis in der Kindheit gewesen: Sein Onkel habe ihm auf einer Wiese Schritt für Schritt gezeigt, wie man Feuer macht. «Dann hat er mich das anzünden lassen, nicht ohne vorher noch einen Eimer Wasser zum Löschen bereitzustellen.» Wenn er heutzutage beim Laternenumzug Kinder mit LED-Lämpchen sehe, tue ihm das leid: «Das heißt doch, dass man Kindern nicht zutraut, dass sie verantwortungsvoll mit gefährlichen Dingen umgehen können.»

Nach Jahren mit einer Flut an Geschenken auf einen Schlag Leere unterm Baum herrschen lassen - das müsse wiederum auch nicht sein, betont Hüther. «Es geht nicht darum, dass man sofort sein Verhalten ändert. Aber mehr darüber nachdenkt.» Ein sinnvolles Geschenk sei zum Beispiel ein Gutschein für einen gemeinsamen Radausflug im Frühling. Kinder könnten auch solche Geschenke schätzen lernen.

Die Psychologin Svenja Lüthge aus Kiel teilt die Einschätzung, dass Zeit und Aufmerksamkeit für Kinder mehr Wert haben als materielle Geschenke. «Aus der christlichen Tradition heraus, mit der Vorfreude auf Weihnachten während der Adventszeit, finde ich aber, dass ein Herzenswunsch von Kindern auch erfüllt werden sollte», sagt sie. Es gehe nicht um Masse. Jedoch sei das Schenken etwas Schönes und gehöre zum Fest dazu.

«Eltern dürfen auch gern sagen, dass nicht alles erfüllt werden kann», sagt die Expertin. Den einen «Herzenswunsch» müssten Eltern auf langen Wunschzetteln teils auch erst identifizieren: Oft seien es Wünsche, die schon lange und immer wieder geäußert würden. Wenn man sich für weniger oder keine Geschenke entscheide, solle das vorab angesprochen werden, um die Absicht dahinter zu erklären und Enttäuschungen zu vermeiden, sagt Lüthge. «Ich würde solche Sachen immer an den Familientisch holen.»

Veröffentlicht am:
13. 12. 2019
09:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten Bücher Deutsche Presseagentur Freude Georg-August-Universität Göttingen Geschenke und Geschenkartikel Hirnentwicklung Hirnforschung Kinder und Jugendliche Professoren Weihnachten Weihnachtsgeschenke
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Rebhuhn

28.11.2019

Experten: «Das Rebhuhn verschwindet»

Das Rebhuhn gehörte früher «im Grunde auf jeden Acker», erzählt ein Naturschutzbiologe. Doch der Vogel wird selten. Er gehört zu den am stärksten zurückgehenden Arten. Nach Ansicht von Experten kann ihm lokal geholfen we... » mehr

Zolgensma-Patient

03.02.2020

Gentherapie für todkranke Babys: Novartis verlost Behandlung

Es klingt zynisch: Das Pharmaunternehmen Novartis hat ein Medikament gegen tödlichen Muskelschwund bei Babys entwickelt - aber es soll Millionen kosten. Und so wird ausgelost, wer damit behandelt wird. » mehr

Im Tierheim

18.12.2019

Appell vor Weihnachten: «Tiere sind keine Geschenke»

Die Kosten höher als gedacht, die verlorenen Haare nerven, die Unterbringung ist zu kompliziert: Noch immer werden Haustiere häufig unüberlegt oder spontan gekauft. Viele werden ihren Besitzern wieder lästig - mit trauti... » mehr

Buschbrände in Australien

25.12.2019

Weihnachten bringt Australien etwas Regen - aber nicht genug

An Weihnachten beschert Regen einigen Ortschaften im brandgeplagten Australien etwas Entlastung. Doch in den kommenden Tagen und Wochen dürfte es eher noch schwieriger werden für Feuerwehr und Bewohner. » mehr

Voynich-Manuskript

19.05.2019

Forscher will Voynich-Manuskript entschlüsselt haben

Seit mehr als 100 Jahren rätseln Forscher über dem geheimnisvollen Voynich-Manuskript. Keiner konnte bislang die Schrift oder den Inhalt entschlüsseln. Nun verkündet ein Brite in einer Fachzeitschrift den Durchbruch. Die... » mehr

Bernd Lucke

30.07.2019

AfD-Gründer Lucke lehrt zum Wintersemester wieder

Bernd Lucke war 2013 maßgeblich an der Gründung der AfD beteiligt. Nun kehrt der Wirtschaftswissenschaftler in den Lehrbetrieb der Uni Hamburg zurück - trotz Kritik der Studierenden. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Büttenabend Ludwigsstadt

Büttenabend Ludwigsstadt | 17.02.2020 Ludwigsstadt
» 10 Bilder ansehen

Faschingsumzug Baunach

Faschingsumzug Baunach | 17.02.2020 Baunach
» 11 Bilder ansehen

BBC Coburg - Baunach Young Pikes 57:90 Coburg

BBC Coburg - Baunach Young Pikes 57:90 | 15.02.2020 Coburg
» 39 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
13. 12. 2019
09:14 Uhr



^