Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Brennpunkte

Jeder Fünfte findet: Zu viel Raum für Holocaust-Gedenken

75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz wird in vielen Veranstaltungen an die deutschen Gräueltaten und die Millionen Ermordeten erinnert. Eine Umfrage zeigt nun, wie die Deutschen den Umgang mit dem Thema beurteilen. Das löst Besorgnis aus.



Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Holocaust-Mahnmal vor dem Reichstag in Berlin.   Foto: Christoph Soeder/dpa

Mehr als jeder Fünfte in Deutschland findet, der Holocaust spiele in der deutschen Erinnerungskultur eine zu große Rolle.

In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Deutsche Presse-Agentur stimmten 22 Prozent der Aussage zu, das Holocaust-Gedenken nehme im Vergleich zu anderen Themen zu viel Raum ein. Auf der anderen Seite sind allerdings auch 24 Prozent der Meinung, das Gedenken sollte noch ausgebaut werden. 45 Prozent vertreten die Ansicht, so, wie es gehandhabt wird, ist es genau richtig.

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Eva Högl, zeigte sich beunruhigt über die Zahlen. Deutschland trage eine «historische Verantwortung», an die «grausamen Taten der Deutschen» während des Holocaust zu erinnern, erklärte sie. Dass dies offenbar jeder fünfte Deutsche nicht so sehe, sei Grund zur Besorgnis. FDP-Fraktionsvize Stephan Thomae mahnte: «Die Erinnerung an den Holocaust ist wichtig, die Ermordung von Millionen Juden darf nicht in Vergessenheit geraten.» Die Zahlen der bundesweiten Meldestelle zeigten, dass Antisemitismus immer noch ein großes Problem sei.

Bei den AfD-Wählern ist der Anteil derjenigen, die ein Zuviel an Gedenken und Erinnerung sehen, besonders groß. Mehr als jeder Zweite (56 Prozent) ist dieser Meinung. Die meisten Anhänger der anderen im Bundestag vertretenen Parteien stimmen der Aussage zu, dass Gedenken beziehungsweise das Erinnern an den Holocaust sei in Deutschland genau richtig.

Der damalige AfD-Chef Alexander Gauland hatte im Juni 2018 mit einer Äußerung zur Nazi-Zeit für Empörung gesorgt: «Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte», sagte er. Später bezeichnete Gauland seine Äußerung als «missdeutbar und damit politisch unklug». AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch betonte nun: «Das Unrecht und das Leid, das sich millionenfach hinter dem Synonym Auschwitz verbirgt, darf niemals in Vergessenheit geraten.»

Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, warnte davor, einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen zu wollen. «Auschwitz ist die Verpflichtung jeder Bundesregierung, aber auch der Zivilgesellschaft, an die nationalsozialistischen Verbrechen zu erinnern», sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Samstag). «Diese Verpflichtung hört nie auf. Daran müssen wir arbeiten, auch abseits von Gedenktagen, im Alltag.»

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, hatte vor wenigen Tagen gewarnt, immer mehr Menschen wollten einen Schlussstrich ziehen, um in ihrer Komfortzone zu bleiben. Um die Erinnerung wach zu halten, seien Bildung und Erziehung unverzichtbar. Nur so könne die «monströse Aufgabe» gelingen, jungen Menschen das Geschehene - den nationalsozialistischen Völkermord an Millionen Menschen - zu vermitteln.

Nach Einschätzung des früheren israelischen Botschafters in Deutschland, Avi Primor, gibt es in Deutschland heute nicht mehr Antisemitismus als früher. «Der Antisemitismus in Deutschland und Europa hat in den letzten Jahren nicht zugenommen», sagte er im Inforadio des rbb. Die Judenfeindlichkeit werde zwar oft von Zuwanderern aus dem Nahen Osten geschürt, sagte Primor. Die meisten Deutschen seien aber keine Antisemiten.

Gleichwohl gebe es einen konstanten Bodensatz von Antisemiten. «Diese Menschen, die früher geschwiegen haben, trauen sich jetzt wieder, ihre Ansichten zu verbreiten, weil Israel wegen der Besetzung der palästinensischen Gebiete an Ansehen eingebüßt hat», so Primor.

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee gibt es immer weniger direkt Betroffene, die über die Geschehnisse berichten können. 67 Prozent der Deutschen glauben der YouGov-Umfrage zufolge, dass die Erinnerung an den Holocaust und die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges stärker in Vergessenheit geraten werden, wenn die Generation der Zeitzeugen nicht mehr leben wird. 24 Prozent sind nicht dieser Ansicht.

Ihr Wissen über den Holocaust - also den Völkermord an Millionen europäischen Juden - haben die meisten Menschen aus Filmen, Büchern und anderen Medien (43 Prozent). 37 Prozent nennen die Schule als Hauptwissensquelle, 9 Prozent die Familie und den Bekanntenkreis. Mehr als jeder zweite Befragte (55 Prozent) hat nach eigenen Angaben schon mit älteren Familienmitgliedern über deren Erinnerungen an die Zeit während des Zweiten Weltkrieges gesprochen.

Am Montag, dem 27. Januar, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen durch die Rote Armee. Allein dort brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben. Sie wurden von den Deutschen erschossen und in Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 01. 2020
13:23 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alexander Gauland Antisemitismus Avraham Primor Beatrix von Storch Das dritte Reich Deutsche Presseagentur Deutscher Bundestag Eva Högl Felix Christian Klein Gewaltdelikte und Gewalttaten Holocaust Josef Schuster Juden Mord Nationalsozialismus Nationalsozialisten Rote Armee SPD-Bundestagsfraktion Stephan Thomae Vernichtungslager Völkermord Zentralrat der Juden in Deutschland
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Gedenken an die Opfer des Anschlags von Halle

09.10.2020

Halle gedenkt der Terror-Opfer

In der früheren Tür der Synagoge von Halle sind die Einschusslöcher deutlich zu sehen. Sie erinnert an den Terroranschlag vor einem Jahr - und ist jetzt nur eines von mehreren Denk- und Erinnerungszeichen, die zum Jahres... » mehr

Absperrung

05.10.2020

Attacke in Hamburg vermutlich versuchter Mord aus Judenhass

Der Verdacht liegt nahe und er allein sorgt für Entsetzen: Schon wieder eine antisemitische Gewalttat. Denn der Hintergrund für die Attacke auf einen Studenten in Hamburg ist vermutlich Judenhass. Am Abend gibt es eine M... » mehr

Jörg Radek

01.09.2020

Polizeigewerkschafter: Rechte «kapern» Corona-Proteste

Reichsflaggen an historischem Ort in Berlin: Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen liefen am Wochenende in beispielloser Weise aus dem Ruder. Unterwandern Rechtsextremisten den Protest? » mehr

Auschwitz

26.01.2020

Mehrheit für Pflichtbesuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten

Wird die Erinnerung an den Holocaust verblassen, wenn die letzten Zeitzeugen verstorben sind? 75 Jahre nach der Befreiung des KZs Auschwitz mehren sich die Forderungen gegenzusteuern - gerade vor dem Hintergrund eines wa... » mehr

Frank-Walter Steinmeier

23.01.2020

«Es ist dasselbe Böse» - Steinmeiers Mahnung in Yad Vashem

Die Weltgemeinschaft gedenkt der Befreiung des KZ Auschwitz vor 75 Jahren. Rund 50 Staats- und Regierungschefs sind dazu nach Yad Vashem gekommen. Erstmals darf dort das Staatsoberhaupt aus dem Land der Täter sprechen. S... » mehr

Merkel in Auschwitz

06.12.2019

Merkel warnt in Auschwitz vor Antisemitismus und Hassreden

Ihr erster Besuch im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz-Birkenau fiel Kanzlerin Merkel ganz offensichtlich alles andere als leicht. Die Gedenkstätte sei Mahnung gegen Vergessen und Relativieren. Merkel wandte sich klar ge... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Tödlicher Bahnunfall in Kronach Kronach

Tödlicher Bahnunfall in Kronach | 24.10.2020 Kronach
» 4 Bilder ansehen

Lastwagen-Unfall auf der B 303 bei Ebersdorf Ebersdorf

Lastwagen-Unfall auf der B 303 bei Ebersdorf | 20.10.2020 Ebersdorf
» 9 Bilder ansehen

Unfall bei Eschenau

Unfall bei Eschenau | 20.10.2020 Ebern
» 6 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
25. 01. 2020
13:23 Uhr



^