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Kirche ringt um Antworten auf Missbrauchsskandal

Wie will die katholische Kirche herausfinden aus der Krise um den massenhaften Missbrauch von Kindern? Auf dem Gipfeltreffen im Vatikan gibt es Vorschläge, Diskussionen, klare Schuldeingeständnisse. Doch gefordert wird noch mehr.



Katholische Kirche
Beim Gipfel zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche sitzen seit Donnerstag rund 190 Kirchenvertreter zusammen.   Foto: Evandro Inetti/ZUMA

Führende Vertreter der katholischen Kirche haben am zweiten Tag des Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan dazu aufgerufen, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und Reue zu zeigen.

Kein Bischof dürfe annehmen, dass ihn sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch Geistliche nichts angehe oder in «seinem Teil der Welt» nicht stattfinde, sagte der indische Kardinal und Erzbischof von Mumbai, Oswald Gracias, am Freitag in Rom. «Wir müssen bereuen und dies gemeinsam und kollegial tun. Denn auf dem Weg haben wir versagt. Wir müssen um Verzeihung bitten.»

Papst Franziskus hat die viertägige Konferenz einberufen, um den lange vertuschten sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche künftig zu verhindern und die Bischöfe auf der ganzen Welt für das Problem zu sensibilisieren. Mit dabei sind die Chefs der 114 Bischofskonferenzen weltweit sowie Vertreter der römischen Kurie, von Orden und Religionsgemeinschaften.

Der deutsche Pater Hans Zollner rief den 190 Teilnehmern erneut die Stimme der Opfer in Erinnerung. «Als ich von einem Geistlichen missbraucht wurde, hat mich meine Mutter Kirche alleine gelassen», las er vor. «Als ich jemanden aus der Kirche brauchte, um über den Missbrauch und meine Einsamkeit zu reden, haben sich alle versteckt und ich habe mich noch einsamer gefühlt, da ich nicht wusste, an wen ich mich wenden soll.»

Der US-amerikanische Kardinal Blase Cupich beklagte «systemisches» und «massives Versagen» und forderte «unaufhörliche Anstrengung, um sexuellen Missbrauch durch Geistliche in der Kirche auszurotten». Der Erzbischof von Chicago plädierte dafür, verstärkt Nicht-Kleriker in die Aufklärung einzubeziehen. Zugleich machte er Vorschläge, wie gegen Bischöfe vorgegangen werden kann, die Missbrauch vertuscht haben. Nach seiner Vorstellung sollten dabei die Metropolitan-Erzbischöfe die Rolle des Ermittlers übernehmen. Später machte er aber auch klar: «Wir können noch so viele Gesetze durchsetzen, aber wenn es keine Motivation gibt (...), werden wir nirgendwohin kommen.»

Während in Ländern wie Deutschland, den USA oder Irland Missbrauchsfälle schon vor Jahren ans Licht kamen und die Aufarbeitung zumindest begonnen hat, wird Missbrauch etwa in vielen Ländern Afrikas und Asiens nicht als Problem anerkannt. Um der Diskussion eine Linie vorzugeben, hatte der Papst zum Beginn der Konferenz selbst eine Reihe von Vorschlägen vorgelegt, welche Maßnahmen zum Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche beitragen könnten. Er nannte zum Beispiel den verpflichtenden Einsatz unabhängiger Ansprechpartner für Opfer sexueller Gewalt sowie die Einbeziehung von Experten bei der Auswahl von Kandidaten für das Priesteramt.

Die insgesamt 21 Punkte könnten jedoch nur erste Schritte sein, um weltweit verbindliche Standards für Prävention und den Umgang mit Verdachtsfällen festzulegen, erklärte die Laienorganisation «Wir sind Kirche». In der «jetzigen existenziellen Krise» sei eine fundamentale Neuausrichtung der Kirche nötig. Dazu gehörten die Abschaffung des Pflichtzölibats, die Weihe von Frauen, eine andere Sexualmoral und eine echte Gewaltenteilung in der römisch-katholischen Kirche. Der massive Missbrauch habe sich aus der «gegenwärtigen hierarchischen Grundstruktur» der Kirche ergeben, heißt es in der Erklärung. Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte die katholische Kirche auf, jahrhundertealte Machtstrukturen zu überdenken.

Doch es ist fraglich, ob die Konferenz diesen Forderungen auch nur ansatzweise gerecht werden kann. Opfervertreter verlangen zudem eine Änderung des Kirchenrechts, damit pädophile Geistliche nicht mehr als Priester arbeiten dürfen. Andere wollen Einsicht in Akten über pädophile Täter beim Vatikan. Bindende Beschlüsse können die Teilnehmer des Gipfels allerdings nicht fassen. Auch eine Abschlusserklärung steht bisher nicht auf der Agenda.

Einige Gipfelteilnehmer äußerten sich unterdessen vorsichtig optimistisch, dass am Ende der Konferenz am Sonntag doch etwas Konkretes stehen könnte. «Innerhalb der Bischofskonferenzen und unter allen Teilnehmern möchte man konkrete Schritte unternehmen, die man auf der ganzen Welt teilen kann», sagte der Erzbischof von Boston, Sean Patrick O'Malley. Alle verstünden, «wie gravierend das Thema ist». Der deutsche Kardinal Reinhard Marx, der ebenfalls an der Konferenz teilnimmt, sagte am Donnerstagabend in den ARD-Tagesthemen: «Der Gipfel, der jetzt einberufen wurde, soll ja die ganze Weltkirche zusammenholen, und es wird nicht ohne Ergebnis sein, das spüre ich jetzt schon.»

Wie verfahren die Lage ist, wurde ausgerechnet am Beispiel von Kardinal Gracias deutlich, der den zweiten Gipfeltag doch mit so starken Worten eröffnet hatte. Ihm selbst wird Fehlverhalten im Umgang mit zwei mutmaßlichen Missbrauchsfällen vorgeworfen, wie die BBC im Rahmen des Anti-Missbrauchsgipfels berichtete. Demnach hat Gracias dem Sender gegenüber eingeräumt, dass er besser mit zwei an ihn herangetragenen Fällen hätte umgehen haben müssen.

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22. 02. 2019
16:32 Uhr

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