Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Brennpunkte

Mutmaßlicher Drahtzieher des Völkermords von Ruanda gefasst

Ein wichtiger Drahtzieher des Völkermords in Ruanda ist festgenommen worden. Der Geschäftsmann entwischte immer wieder seinen Ermittlern. Angehörige der Opfer des Völkermords hoffen auf Aufklärung und Gerechtigkeit.



Gesuchter Ruander in Paris festgenommen
Gesamtansicht des Wohnhauses (r), in dem der als Finanzier des Völkermords bekannte ruandische Verdächtige Félicien Kabuga festgenommen wurde.   Foto: Francois Guillot/AFP/dpa

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Völkermord im ostafrikanischen Ruanda ist ein steckbrieflich gesuchter Drahtzieher der Massenmorde festgenommen worden.

Der 84-jährige Félicien Kabuga hatte damals die Interahamwe-Miliz aufgebaut, die 1994 für einen Großteil der Morde an mindestens 800.000 Tutsi und gemäßigten Hutu verantwortlich war. Die Hutu machen in Ruanda die Mehrheit der Bevölkerung aus, die Tutsi sind in der Minderheit. Kabuga war auch verantwortlich für den in den Genozid verstrickten Radio- und TV-Sender RTLM, der offen zu Morden an Tutsi aufgerufen hatte.

Kabuga soll zu Beginn der Woche der Generalstaatsanwaltschaft in Paris vorgeführt werden, wie diese der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Die Justizbehörden in Ruandas Hauptstadt Kigali begrüßten die zuvor von den französischen Behörden bekanntgegebene Festnahme am Samstagmorgen. Kabuga habe unter falscher Identität in einem Apartment in Asnières-sur-Seine im Norden der französischen Hauptstadt gewohnt, teilte die Gendarmerie mit. Seine Kinder seien dabei Komplizen gewesen. Die Festnahme habe nun den Weg frei gemacht für ein Gerichtsverfahren in Paris. Am Ende müsse Frankreich Kabuga an den Strafgerichtshof in Den Haag überstellen.

Vorangegangen war eine internationale Fahndungsoperation, an der auch belgische und britische Ermittler beteiligt waren. Auf seiner langen Flucht vor den Justizbehörden hatte Kabuga sich nach Angaben zufolge auch in Deutschland, Belgien, Kenia, der Schweiz und dem Kongo aufgehalten. Trotz einer ausgelobten Belohnung in Höhe von fünf Millionen Dollar war es ihm dabei immer wieder gelungen, den Fahndern zu entwischen.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres nannte die Festnahme ein starkes Signal dafür, dass Täter auch nach Jahrzehnten zur Rechenschaft gezogen werden können. Die Internationale Vereinigung für die Menschenrechte (FIDH) mit Sitz in Paris forderte, dass Kabuga schnell strafrechtlich belangt werde. Die Überlebenden hätten seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf diesen Moment gewartet, teilte die Organisation mit. Das Vermögen Kabugas müsse nun den Opfern und deren Familien zugute kommen, verlangte FIDH.

Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sprach von einem «Meilenstein in der Aufarbeitung des Völkermords in Ruanda». GfbV-Direktor Ulrich Delius meinte jedoch: «Es ist beschämend, dass es 26 Jahre gedauert hat, einen der bedeutendsten Hintermänner des Genozids in Ruanda zu fassen.» Für die Angehörigen der Opfer des Völkermords sei es wichtig, dass Kabuga trotz seines hohen Alters noch zur Rechenschaft gezogen werde.

Kabuga stand auch einem Fonds zur nationalen Verteidigung vor, der Gelder für die Finanzierung der berüchtigten Interahamwe-Miliz beschaffte. Er soll zudem große Mengen an Macheten importiert haben, mit denen später Massaker verübt wurden. Sein starker Einfluss hätte es ihm nach Ansicht von Experten möglich gemacht, die Massaker zu verhindern.

Nach Ansicht von Jean Damascene Bizimana, dem Leiter von Ruandas Kommission zur Bekämpfung von Völkermord-Ideologien, nutzte er auch seinen Wohlstand, um sich der Justiz zu entziehen. Allerdings warf der frühere Generalstaatsanwalt Martin Ngoga zudem die Frage auf, wer seine jahrzehntelang erfolgreiche Flucht ermöglicht habe.

Der Völkermord hat lange die Beziehungen zwischen Frankreich und Ruanda getrübt. Präsident Paul Kagame hatte Paris eine Verwicklung in den Genozid sowie Fluchthilfe für die Drahtzieher vorgeworfen. Im Vorjahr hatte der französische Präsident Emmanuel Macron daher die Einberufung einer Expertenkommission angekündigt, um die Staatsarchive auf entsprechende Hinweise zu durchsuchen.

1994 hatten in Ruanda Vertreter der Hutu-Mehrheit etwa 800.000 Angehörige der Tutsi-Minderheit sowie gemäßigte Hutu getötet. Das Massaker wurde erst nach rund 100 Tagen beendet, als die im Exil von Tutsi gegründete Ruandische Patriotische Front (RPF) mit dem heutigen Präsidenten Paul Kagame an der Spitze aus Uganda einmarschierte. Der Binnenstaat Ruanda war bis zum Ersten Weltkrieg Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Auch rund 26 Jahre nach dem Völkermord dort leben viele Beteiligte noch immer frei in Deutschland und anderen Ländern. Immer wieder müssen sie sich vor Gerichten verantworten.

Veröffentlicht am:
17. 05. 2020
21:25 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
António Guterres Deutsche Presseagentur Die Internationale Emmanuel Macron Ermittlerinnen und Ermittler Festnahmen Massaker Massenmord Mord Paul Kagame Staatsarchive Völker der Erde Völkermord Völkermord in Ruanda Weltkriege
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Prozess in Paris

27.05.2020

Mutmaßlicher Völkermord-Drahtzieher von Ruanda vor Gericht

26 Jahre lang konnte Félicien Kabuga sich vor der Polizei verstecken. Doch der Völkermord in Ruanda ist nicht vergessen - und so war es für viele eine Genugtuung, als er in Paris verhaftet wurde. Dort muss ein Gericht en... » mehr

Ratko Mladic

25.08.2020

Srebrenica: Ex-General Mladic will Freispruch

Der serbische Ex-General Mladic gilt als einer der schlimmsten Kriegsverbrecher in Europa nach 1945. Das UN-Tribunal verurteilte ihn zu lebenslanger Haft. Jetzt hat er eine letzte Chance auf Freiheit. » mehr

UN-Generaldebatte - Trump

22.09.2020

Trump greift China vor den UN scharf an

Peking habe das «China-Virus» nicht gestoppt, wettert Wahlkämpfer Trump. Chinas Präsident Xi spricht sich in Richtung USA gegen Alleingänge aus. Im Streit der Großmächte bei der UN-Generaldebatte geht die Warnung vom UN-... » mehr

Unruhen in Mali

18.08.2020

Meuterei in Mali: Streitkräfte begehren auf

Mali ist eine der brenzligsten Konfliktherde der Welt. Extremisten terrorisieren seit Jahren die Bevölkerung, jüngst entwickelte sich noch eine innenpolitische Krise. Nun scheint die Lage zu eskalieren. » mehr

Prozess in Maastricht

28.09.2020

Mordfall Nicky - Nach 22 Jahren steht ein Mann vor Gericht

Sommer 1998: Ein Junge wird tot gefunden. Er wurde missbraucht. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht. Aber er will es nicht gewesen sein - trotz DNA-Spuren. Er hat dafür seine eigene Erklärung. » mehr

Ratko Mladic

26.08.2020

Lebenslang einzig gerechte Strafe für Ex-General Mladic

Wegen schlimmster Verbrechen wie den Völkermord in Srebrenica 1995 wird er der «Schlächter vom Balkan» genannt. Zehntausende Opfer soll Ex-General Mladic auf dem Gewissen haben. Er aber will Freispruch. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg | 26.09.2020 Coburg
» 111 Bilder ansehen

Busfahrer streiken in Coburg Coburg

Streik der Busfahrer in Coburg | 25.09.2020 Coburg
» 10 Bilder ansehen

ICE kollidiert mit Schafherde Sonneberg

ICE kollidiert mit Schafherde | 23.09.2020 Sonneberg
» 23 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 05. 2020
21:25 Uhr



^