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Proteste nach Polizeischüssen in den USA

Nach Schüssen der Polizei auf einen Afroamerikaner in der US-Stadt Kenosha bleibt die Wut groß. In der Nacht zum Mittwoch starben bei einem Vorfall am Rande der Proteste zwei Menschen. Ein 17-Jähriger soll nun des Mordes angeklagt werden. Derweil gehen die Proteste weiter.



Proteste in Kenosha
Eine US-Flagge weht vor einem Feuer, das bei Protesten vor dem Gebäude einer Strafvollzugsanstalt in Kenosha lodert.   Foto: Morry Gash/AP/dpa » zu den Bildern

Vier Tage nach den Schüssen eines Polizisten in den Rücken eines schwarzen Amerikaners stürzen die USA tiefer in die Kontroverse um Rassismus und Polizeigewalt.

Wenige Stunden nach einem tödlichen Vorfall am Rande von Protesten in der Stadt Kenosha (Wisconsin) nahm die Polizei am Mittwoch einen 17-Jährigen wegen Mordverdachts fest. In der Nacht zum Donnerstag waren Demonstranten vielerorts auch außerhalb Kenoshas auf den Straßen unterwegs. Auch US-Sportler machten ihrer Empörung in einer beispiellosen Geste Luft.

In der Nacht zum Mittwoch waren am Rande von Protesten in Kenosha zwei Menschen durch Schüsse gestorben, einer wurde verletzt. Der 17-Jährige Tatverdächtige sei festgenommen worden und solle wegen Mordes angeklagt werden, teilte die Polizei von Antioch im benachbarten Bundesstaat Illinois mit. In einer Anhörung solle über eine Auslieferung von Illinois nach Wisconsin entschieden werden, hieß es weiter.

Augenzeugenberichten zufolge waren in der Nacht zum Mittwoch neben Polizei und Nationalgarde auch bewaffnete Zivilisten auf der Straße, die nach eigenen Angaben Eigentum beschützen wollten. Auf im Internet veröffentlichten Videos ist zu sehen, wie ein junger Mann mit einem Gewehr vor mehreren Leuten wegläuft, zu Boden geht und aus nächster Nähe auf die herannahenden Menschen schießt. Der Polizeichef von Kenosha, Daniel Miskinis, sagte, man sei dabei festzustellen, ob der 17-Jährige der Schütze aus dem Video sei. Der Teenager trat auf seinen - inzwischen zum Teil gelöschten - Accounts in sozialen Medien der Website «Buzzfeed» zufolge als Unterstützer der Polizei und von Präsident Donald Trump in Erscheinung.

Auslöser der Proteste war ein Vorfall am Sonntag, bei dem Polizisten dem 29-jährigen Afroamerikaner Jacob Blake in Kenosha in den Rücken geschossen hatten. Auf einem Video ist zu sehen, wie der Familienvater zu seinem Auto geht, gefolgt von zwei Polizisten mit gezückten Waffen. Eine der Waffen ist auf seinen Rücken gerichtet. Als Blake die Fahrertür öffnet und sich ins Auto beugt, fallen die Schüsse. Nach Angaben des Anwalts der Familie, Ben Crump, saßen in dem Auto Blakes Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren. Blake liegt mit zahlreichen Organverletzungen im Krankenhaus, nach Angaben seiner Familie ist er von der Hüfte abwärts gelähmt.

Von den Ermittlungsbehörden kamen unterdessen neue Informationen zu dem Polizeieinsatz am Sonntag, die Auswirkungen auf die Entwicklung des Falls haben könnten. Blake habe ein Messer in seinem Fahrzeug gehabt, sagte der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates Wisconsin, Joshua Kaul. Das Messer sei auf dem Boden des Innenraums auf der Fahrerseite sichergestellt worden. Der Mann habe den Polizisten zuvor «zu einem bestimmten Zeitpunkt» gesagt, dass er ein Messer habe, sagte Kaul. In dem Auto seien keine weiteren Waffen gefunden worden.

Die Polizei in Kenosha ist nicht mit Kameras am Körper ausgestattet. Der von Augenzeugen auf Video festgehaltene Ablauf des Zwischenfalls hatte Vorwürfe ungerechtfertigter Polizeigewalt und zum Teil gewaltsame Proteste in Kenosha ausgelöst. Kaul sagte, die Polizisten hätten zuvor versucht, Blake mit einem Elektroschocker zu betäuben, dies sei aber fehlgeschlagen. Die Polizei sei von einer Frau zum Einsatz gerufen worden, die gesagt habe, dass ihr Freund unerlaubterweise anwesend sei, sagte Kaul. Der Generalstaatsanwalt wollte nicht die Frage beantworten, ob damit Blake gemeint gewesen sei. Sein Anwalt hatte zuvor gesagt, Blake habe einen Streit geschlichtet.

In der Nacht zum Donnerstag kam es erneut vielerorts zu Protesten, darunter in Los Angeles, Oakland (Kalifornien) und Portland (Oregon). In Kenosha blieb es zunächst weitgehend friedlich. Gouverneur Tony Evers hatte den Einsatz von 500 weiteren Mitgliedern der Nationalgarde in der Stadt angeordnet. Es galt erneut eine nächtliche Ausgangssperre.

Auch Präsident Trump hatte am Mittwoch Sicherheitskräfte der Bundesregierung nach Kenosha beordert. Er werde «Plünderungen, Brandstiftung, Gewalt und Gesetzlosigkeit auf amerikanischen Straßen nicht tolerieren». Recht und Ordnung ist ein zentrales Thema von Trumps Wahlkampf um das US-Präsidentenamt.

In Minneapolis gab es in der Nacht zum Donnerstag Berichte über Plünderungen und Ausschreitungen am Rande von Protesten. Minnesotas Gouverneur Tim Walz erklärte den Notstand in der Stadt und entsandte in der Nacht Mitglieder der Nationalgarde, um örtliche Einsatzkräfte zu unterstützen. Bürgermeister Jacob Frey ordnete eine Sperrstunde bis zum Donnerstagmorgen an. Der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis Ende Mai hatte die landesweiten Proteste ausgelöst.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden forderte Gerechtigkeit und ein Ende der Gewalt. Er sprach nach eigenen Angaben am Mittwoch mit der Familie Blakes. «Was ich in diesem Video gesehen habe, macht mich krank», sagte er danach. Zugleich rief er zu friedlichen Protesten auf.

Nach den Vorfällen der vergangenen Tage machten auch US-Sportler ihre Wut und Enttäuschung über die Polizeigewalt im Land so deutlich wie nie zuvor. Ausgelöst von einem historischen Playoff-Boykott des Basketball-Teams Milwaukee Bucks verzichteten am Mittwoch Teams und Spieler in mehreren US-Ligen auf ihre Wettkämpfe. Die stärkste Frauen-Basketball-Liga der Welt, die WNBA, verzichtete wie die NBA auf alle geplanten Partien für den Tag. In der Major League Soccer fanden fünf der sechs geplanten Spiele des Tages nicht statt. Auch in der Major League Baseball wurden am Mittwoch Begegnungen abgesagt.

«Wir sind die, die getötet werden», sagte der hoch angesehene Trainer des NBA-Teams Los Angeles Clippers, Doc Rivers. «Es ist erstaunlich für mich, warum wir dieses Land weiterhin lieben - und dieses Land gibt uns keine Liebe zurück», sagte Rivers unter Tränen.

© dpa-infocom, dpa:200827-99-323014/5

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Veröffentlicht am:
27. 08. 2020
18:27 Uhr

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27. 08. 2020
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