Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

Brennpunkte

Rebecca seit einem Jahr verschwunden

Für die Familie der Berliner Schülerin Rebecca hält die Tragödie unvermindert an. Das Mädchen verschwand vor einem Jahr spurlos. Die Polizei geht von einem Mord aus - und will nicht aufgeben.



Vermisste Schülerin Rebecca
Ein junges Mädchen klebt in einem Park in Berlin Flugblätter an einen Laternenpfahl.   Foto: Christoph Soeder/dpa

Einer der spektakulärsten Vermisstenfälle der vergangenen Jahre in Deutschland begann mit einer unauffälligen Polizeimitteilung.

Unter der Überschrift «15-Jährige vermisst» hieß es: «Mit der Veröffentlichung eines Fotos erhofft sich die Polizei Berlin Hinweise aus der Bevölkerung. Seit den Morgenstunden des 18. Februar 2019 wird die 15-jährige Rebecca (...) aus Berlin-Britz vermisst.» Sie habe sich zuletzt bei Familienangehörigen aufgehalten und sei nicht zur Schule gekommen.

Dazu stellte die Polizei das Foto eines blonden Mädchens, das in den folgenden Monaten fast täglich in Zeitungen, im Fernsehen und Internet zu sehen sein wird. Das war am 21. Februar, drei Tage nach dem Verschwinden Rebeccas.

Zahlreiche Menschen werden jeden Tag in einer Großstadt wie Berlin als vermisst gemeldet. Die allermeisten werden schnell gefunden. Weil es bei Rebecca keine Hinweise auf ein freiwilliges Abtauchen gab, das Mädchen sich nicht meldete und Rebeccas Handy stumm blieb, landete der Fall bei der Kriminalpolizei.

Am 23. Februar wird dann auch öffentlich klar, dass es um etwas Ernstes geht: «Schülerin weiterhin vermisst - Mordkommission übernimmt die Ermittlungen», schreibt die Polizei in ihrer zweiten Mitteilung. Es könne nicht mehr ausgeschlossen werden, «dass das Mädchen einer Straftat zum Opfer gefallen ist».

Bis zum 25. März geben Polizei und Staatsanwaltschaft sieben Mitteilungen zu Rebecca heraus. Trotz intensiver Ermittlungen ist eine Lösung des Falls bis heute nicht in Sicht.

Schnell stößt die Mordkommission auf den 27-jährigen Mann von Rebeccas älterer Schwester, der zuletzt mit Rebecca im Haus war. Nach seiner Aussage soll die 15-Jährige das Haus verlassen haben. Das kann die Polizei anhand der Handydaten aber nicht feststellen. Am 28. Februar, zehn Tage nach dem Verschwinden, nimmt die Polizei den Schwager wegen Mordverdachts fest. Einen Tag später wird er wieder freigelassen, am 4. März erneut verhaftet und in Untersuchungshaft gebracht.

Gleichzeitig untersuchen Kriminaltechniker das Haus der Schwester. Die Polizei durchkämmt die Umgebung. Hunde und ein Hubschrauber werden eingesetzt. Rebeccas Familie postet im Internet Hilferufe.

Am 6. März veröffentlicht die Polizei Fotos des Mannes und des Familienautos, das am Tag von Rebeccas Verschwinden auf der Autobahn zwischen Berlin und Polen erfasst wurde. Über das Fernsehen sucht die Mordkommission Zeugen. Schnell gehen mehr als Tausend Hinweise ein.

In den folgenden Wochen bietet die Kripo fast alles auf, was möglich ist: Im dünn besiedelten Brandenburg 50 Kilometer südöstlich von Berlin durchsuchen Hunderte Polizisten Wälder. Leichenspürhunde schnüffeln im Unterholz, Mantrailer-Hunde werden an der Autobahn entlang geführt. Taucher steigen von Booten in Seen.

Rebecca bleibt verschwunden, eine Leiche wird nicht gefunden. Am 22. März wird der Haftbefehl gegen den Schwager aufgehoben, er wird aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen. Gleichwohl betont die Staatsanwaltschaft: «Er ist weiterhin Beschuldigter des Verfahrens.» Die Fakten deuteten weiter darauf hin, dass Rebecca das Haus des Schwagers nicht lebend verlassen habe.

Was fehlt, sind Beweise. Die Polizei sucht im April und Mai erneut in Brandenburg, ein weiteres Mal im September. Die Zahl der Hinweise liegt da längst über 2300. Der heiße Tipp ist bis heute nicht dabei.

«Unter dem Strich gibt es nichts Neues», sagt der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, der Deutschen Presse-Agentur. «Es ist bei weitem kein Cold Case, denn hier laufen noch Ermittlungen, es werden noch Hinweise abgearbeitet.» Der Schwager sei «nach wie vor in Verdacht, es gibt keinen anderen Verdächtigen derzeit», sagte er dem Sender RTL. Aber die Beweislage sei eben sehr schwierig. Als Cold Case (wörtlich: kalter Fall) werden Fälle bezeichnet, die vorerst zu den Akten gelegt werden.

«Wir gehen weiterhin davon aus, dass Rebecca das Haus des Schwagers nicht lebend verlassen hat», erklärte Staatsanwalt Martin Glage am Montag in einem auf Twitter verbreiteten Video. Für ein freiwilliges Verlassen der häuslichen Umgebung gebe es keine Hinweise. Auch eine Entführung von dritter Seite aus dem Haus könne ausgeschlossen werden, ebenso weitgehend ausgeschlossen sei eine Entführung auf dem Weg zur Schule. Die Staatsanwaltschaft halte wenig von Verschwörungstheorien. Bei den Ermittlungen würden auch keine Tipps von Wahrsagern helfen.

Das größte Problem der Polizei ist die fehlende Leiche. Eine Todesursache lässt sich so nicht feststellen, und es gibt keine DNA-Spuren. Sollte die Leiche irgendwo in einem Wald oder See liegen, verschlechtert sich die Situation von Monat zu Monat. Nach einem Jahr sind oft nur noch Überreste vorhanden.

Die Tragödie belastet die Familie Rebeccas massiv. «Natürlich kann sie auch tot sein, aber dieses Gefühl habe ich nicht», sagt die Mutter dem Sender RTL. Rebecca sei vermutlich entführt worden. «Jetzt ist es ein Jahr vorbei, man hat nichts gefunden. Und ich denke, sie ist wirklich eingesperrt. (...) Mit dem Tod könnte ich umgehen, aber die Ungewissheit, das ist furchtbar.»

Die Polizei will noch nicht aufgeben. «Natürlich wird nicht mehr mit dem gleichen personellen Aufwand ermittelt wie damals», sagt Steltner. «Aber sobald sich neue Hinweise ergeben, werden wir wieder mit dem früheren Personalaufwand einsteigen, um das Schicksal von Rebecca aufzuklären.»

Veröffentlicht am:
17. 02. 2020
16:59 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Der Polizeipräsident in Berlin Deutsche Presseagentur Entführung Entführungsopfer Kriminalpolizei Mordkommissionen Polizei Polizistinnen und Polizisten RTL Television Staatsanwaltschaft Staatsanwälte Twitter Verhaftungen Zeugen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Vergewaltiger verurteilt

12.06.2020

Studentin verschleppt und vergewaltigt: Zwölf Jahre Haft

Er entführt, vergewaltigt und lässt sie dann auf einem Feldweg liegen. Dafür muss ein 43-Jähriger jetzt viele Jahre hinter Gitter. Die Verteidigerin ist mit dem Urteil nicht einverstanden. » mehr

Tödlicher Streit in Berliner U-Bahn

03.11.2019

Erneute Festnahme nach tödlichem Stoß vor U-Bahn in Berlin

Vor den Augen von Zeugen wird ein Mann vor eine U-Bahn gestoßen - und stirbt. Die Polizei muss einen ersten Verdächtigen wieder frei lassen. Nun gibt es einen Haftbefehl. » mehr

Pk im Jahr 2007

04.06.2020

Fall Maddie: Vorbestrafter Deutscher unter Mordverdacht

Seit dem spurlosen Verschwinden der kleinen Maddie wollten die Eltern nur eins: die Wahrheit über das Schicksal ihrer Tochter herausfinden. Möglicherweise sind sie ihr nun ein Stück näher gekommen. Ein Deutscher ist ins ... » mehr

Khashoggi

03.07.2020

Türkische Justiz rollt brutalen Mord an Khashoggi auf

Auch nach anderthalb Jahren und mehreren Urteilen wirft der Mord an Jamal Khashoggi viele Fragen auf. Ein Istanbuler Gericht nimmt den Fall wieder auf - die Erwartungen an den Prozess gehen auseinander. » mehr

Verschwinden von 43 Studenten in Mexiko

30.06.2020

43 verschwundene Studenten: Menschliche Überreste gefunden

Auch nach fast sechs Jahren wissen die Familien nicht, was den 43 verschleppten Studenten in Mexiko passiert ist. Eine Festnahme, neue Haftbefehle und ein Fund von menschlichen Überresten könnten nun helfen, der Wahrheit... » mehr

Suche nach Maddie

11.07.2020

Medien: Portugals Polizei suchte auch in Brunnen nach Maddie

Die portugiesische Polizei hat Medienberichten zufolge auch in drei Brunnen nach der seit mehr als 13 Jahren verschwundenen Madeleine «Maddie» McCann gesucht. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lkw bleibt in Unterführung stecken

Lkw bleibt in Unterführung stecken | 09.07.2020 Coburg
» 13 Bilder ansehen

Lagerhalle in Geiselwind brennt völlig aus Geiselwind

Lagerhalle brennt völlig aus | 23.06.2020 Geiselwind
» 31 Bilder ansehen

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen Redwitz an der Rodach

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen | 23.06.2020 Redwitz an der Rodach
» 8 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 02. 2020
16:59 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.