Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Brennpunkte

Resistente Keime in jedem zweiten Discounter-Hähnchen

Kann es Menschen das Leben kosten, wenn Nutztiere viele Antibiotika bekommen - und sich resistente Keime später in ihrem Fleisch finden? Die Umweltorganisation Germanwatch ist nach einer Stichprobe alarmiert.



Hähnchenfleisch im Einzelhandel
Geflügelprodukte in einem Supermarkt.   Foto: Patrick Seeger

Gerd-Ludwig Meyer ist seine Wut auf industrielle Tierhaltung und ihre Folgen anzumerken. Der Facharzt für Innere Medizin und Nierenspezialist behandelt auch schwerkranke Patienten, bei denen Antibiotika kaum noch oder gar nicht mehr anschlagen. Manchmal sterben sie deshalb.

Schuld daran können für Meyer auch Lebensmittel sein - wenn sie Keime enthalten, die resistent gegen Antibiotika sind, sagt der Arzt aus Nienburg (Niedersachsen). Dabei geht es etwa um Fleisch, wenn Nutztiere diese Medikamente während der Mast bekamen.

Wie hoch das Ausmaß dieser potenziellen Belastung ist, wollte die Umweltorganisation Germanwatch in einer neuen Stichprobe für Hähnchenfleisch wissen. Testkäufer gingen bundesweit in Discountern einkaufen. 59 Proben analysierte die Universität Greifswald im Auftrag von Germanwatch ohne Unterbrechung der Kühlkette im Labor.

Im Ergebnis war rund die Hälfte der Proben (56 Prozent) mit antibiotikaresistenten Keimen besiedelt, wie die Umweltorganisation am Dienstag in Berlin mitteilte. Darunter waren zum Beispiel Erreger, die unempfindlich gegen viele Antibiotika sind (MRSA). Bei jeder dritten Hähnchenprobe fanden sich sogar Keime mit Resistenzen gegen Antibiotika, die nur eingesetzt werden, wenn andere versagen.

«Diese Befunde halten wir für alarmierend», sagt Reinhild Benning, Agrarexpertin bei Germanwatch. Bei Testkäufen in Schlachtereien, die nicht industriell arbeiteten, sei in elf Proben lediglich neun Prozent des Hähnchenfleischs mit solchen Keimen belastet gewesen. Germanwatch fordert deshalb eine Kennzeichnung von Fleisch aus industrieller Tierhaltung - um Verbrauchern eine Entscheidung wie bei Eiern zu ermöglichen.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) nimmt die Ergebnisse des Tests ernst. «Zu viel Antibiotika haben in Ställen und vor allem in den Tieren nichts zu suchen», unterstrich ein Sprecher. Die vorgelegten Zahlen legten die Vermutung nahe, dass zu viele Antibiotika in der Geflügelmast eingesetzt würden.

Dabei sei Vieles bereits klar geregelt. Der Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer und auch zur routinemäßigen Prophylaxe bei Nutztieren sei unzulässig. Antibiotika dürften grundsätzlich nur nach tierärztlicher Diagnose und Verschreibung eingesetzt werden. «Wir erwarten von der Wirtschaft, dass geltende Vorschriften und Regeln eingehalten werden», ergänzte der Sprecher.

Vor allem der Nachweis mehrerer verschiedener Antibiotika-Resistenzen im Hähnchenfleisch macht den Arzt Gerd-Ludwig Meyer wütend. Er hat auch Landwirtschaft studiert. Er sei nicht dagegen, wenn ein einzelnes krankes Tier ein Antibiotikum bekomme, sagte er auf der Pressekonferenz von Germanwatch. Aber wenn massenweise Tiere erkrankten, stimme für ihn etwas mit den Haltungsbedingungen nicht. Er richte sich mit seiner Kritik nicht gegen Landwirte generell, betont er. «Mir geht es um Agrarökonomen, Hedgefonds und um die Politik.» Es gehe aber auch um Supermarkt-Kunden, die nur wenig Geld für ein Stück Fleisch ausgeben wollten.

Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist nach einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung vom vergangenen November generell rückläufig. Seit 2011 wurden in Deutschland die Mengen antimikrobieller Tierarzneimittel erfasst, die an Tierärzte abgegeben werden. Seither gingen diese Mengen von 1706 Tonnen im Jahr 2011 auf etwa 733 Tonnen im Jahr 2017 zurück, heißt es. Auch die Therapiehäufigkeit mit Antibiotika nehme bei Nutztieren in Deutschland ab.

Allerdings zeigte die BfR-Studie auch, dass in einigen Mastgeflügelketten weiterhin hohe Resistenzraten bestehen. Sie könnten als Quelle für resistente Keime und deren Resistenzgene beim Menschen weiter von erheblicher Bedeutung sein, folgerte das BfR.

«Die Resistenzrate auf Hähnchenfleisch hat sich seit Jahren nicht verringert», sagt Reinhild Benning von Germanwatch. Während es für Schwein- und Kalbfleisch ein Monitoring gebe, werde Hähnchenfleisch gar nicht systematisch erfasst. Das müsse die Politik auch ändern.

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) vergleicht EU-Länder beim Verkauf von Veterinär-Antibiotika für Nutztiere. Mit im Schnitt rund 89 Milligramm pro Kilogramm Nutztier lag Deutschland nach den jüngsten Zahlen für 2016 weit oben - in Schweden waren es zum Beispiel nur 12,1 Milligramm pro Kilogramm.

Wie viele Menschen durch antibiotikaresistente Keime im Fleisch Schaden nehmen, ist unklar. Denn übertragen werden die Erreger nicht durch das Essen, wenn Fleisch gut durchgegart ist. Risiken gibt es laut Germanwatch eher bei der Küchenhygiene in Restaurants und auch zuhause. Beim Waschen des Fleischs mit Wasser unter 70 Grad Celsius könnten zum Beispiel Spitzer auf Schneidbretter gelangen. Wenn dann dort auch Lebensmittel geschnitten würden, die roh gegessen werden, könnten die resistenten Keime über Mahlzeiten in den Darm gelangen.

Dort richteten sie oft keinen direkten Schaden an. Doch wenn ein Mensch mit resistenten Keimen schwer erkranke und ein Antibiotikum brauche, könnten Resistenzen die Wirkung verhindern, erläutert Germanwatch. Wenn es um Resistenzen gegen Reserveantibiotika gehe, werde es besonders kritisch.

Das BMEL hat die Resistenzsituation bei Geflügel für eine Novelle seines Antibiotika-Minimierungskonzept im Blick. Ein Bericht solle demnächst veröffentlicht werden. «Aus den Ergebnissen werden wir gegebenenfalls gesetzgeberische Schlussfolgerungen ziehen», erläuterte der Sprecher.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
16. 04. 2019
17:17 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Agrarökonomen Antibiotika BMEL Europäische Arzneimittelagentur Fleisch Landwirte und Bauern Landwirtschaft Lebensmittel Nierenspezialisten Resistenz gegen Antibiotika Tierärztinnen und Tierärzte Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Fleischtheke

07.06.2019

Lebensmittelherkunft ist für Deutsche wichtiger als Preis

«Du bist, was Du isst» - das haben viele Menschen in Deutschland verinnerlicht und achten beim Kauf ihrer Lebensmittel darauf, woher die Sachen stammen. Ethische Bedenken spielen beim Beladen des Einkaufswagen dagegen nu... » mehr

Snacks

03.06.2019

Trendforscherin: Snacks lösen traditionelle Mahlzeiten ab

Suppe, Hauptgericht, Nachtisch - das war einmal. Trendforscherin Hanni Rützler sieht in ihrem «Food Report» einen Umbruch bei den Essgewohnheiten. Individualität wird auch beim Essen groß geschrieben. » mehr

Antibiotikaresistente Keime

06.11.2018

33.000 Tote jährlich durch resistente Keime allein in Europa

Seit langem beklagen Experten, dass die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionen stumpf werden: Viele Bakterien entwickeln Resistenzen gegen Antibiotika. Nun zeigt eine Studie, wie groß die Bedrohung durch die widerstand... » mehr

Im Müll gelandet

13.06.2019

Bremer Kaufhaus erlaubt das Containern

Containern ist in Deutschland illegal. Ein Bremer Kaufhaus findet das falsch. Es erlaubt ausdrücklich, dass Menschen verwertbare Sachen aus den Mülltonnen nehmen. » mehr

Wursthersteller Wilke

14.10.2019

Wilke Wurst scheitert mit Eilantrag

Der wegen Listerienkeimen geschlossene Wursthersteller Wilke wehrt sich vor Gericht gegen Behördenanordnungen. Doch er scheitert mit seinem Eilantrag. Dabei werden erstmals Details bekannt, was die Prüfer bei ihren Kontr... » mehr

Lebensmittelkontrolle

12.10.2019

Lebensmittelkontrollen: Klöckner nimmt Länder in die Pflicht

Ob Eier, Wurst, Käse oder Kekse: Dass Lebensmittel in Deutschland kontrolliert werden, ist Alltag. Regelmäßig gibt es Rückrufe. Was könnte noch verbessert werden? » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

25 Jahre Eigenständigkeit Untermerzbach

25 Jahre Eigenständigkeit Untermerzbach | 21.10.2019 Untermerzbach
» 13 Bilder ansehen

Ausstellung "Bunte Palette" Steinwiesen

Ausstellung "Bunte Palette" | 20.10.2019 Steinwiesen
» 32 Bilder ansehen

HC Elbflorenz Dresden - HSC 2000 Coburg 28:32 (13:16) Dresden

HC Elbflorenz Dresden - HSC 2000 Coburg 28:32 (13:16) | 20.10.2019 Dresden
» 141 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
16. 04. 2019
17:17 Uhr



^