Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Brennpunkte

Saudi-Arabien: Frauen sollen ohne Erlaubnis reisen dürfen

Das islamisch-konservative Saudi-Arabien öffnet seine Gesellschaft. Die junge Generation bejubelt deswegen Kronprinz Mohammed bin Salman. Doch über den neuen Freiheiten hängt ein dunkler Schatten.



Frauen am Bahnhof von Medina
Saudische Frauen mit Ganzkörperschleier ziehen ihre Rollkoffer über einen Bahnsteig in Medina.   Foto: SPA

Rund ein Jahr nach dem Ende des umstrittenen Autofahrverbots erhalten Frauen im streng islamisch-konservativen Königreich Saudi-Arabien auch mehr Reisefreiheit. Sie brauchen künftig keine Erlaubnis eines männlichen Vormunds mehr, wenn sie ins Ausland wollen.

Ein von König Salman erlassenes Dekret legt fest, dass Frauen ab dem Alter von 21 Jahren das Recht auf einen Pass und Reisefreiheit bekommen, wie das staatliche Kommunikationszentrum am Freitag mitteilte. Sie seien damit den Männern gleichgestellt.

Damit fällt eine der international am heftigsten kritisierten Regelungen, die die Rechte der Frauen in Saudi-Arabien beschneiden. Die Maßnahme gehört zu einer Reihe von Schritten, mit denen Riad die Gesellschaft liberalisiert. Gleichzeitig geht die saudische Führung jedoch mit harter Hand gegen Menschenrechtler und Kritiker vor.

Nutzer sozialer Medien feierten die Reformmaßnahme. «Endlich, Glückwunsch an alle Frauen», hieß es in einem Eintrag auf Twitter. Gelobt wurde insbesondere der 33 Jahre alte Kronprinz Mohammed bin Salman, der eigentlich starke Mann des Königreichs. Er gilt als derjenige, der die gesellschaftliche Öffnung vorantreibt.

Die saudische Botschafterin in den USA, Rima Bandar Al Saud, erklärte, die neuen Regularien seien «Geschichte in der Entstehung». Auf Twitter schrieb sie: «Unsere Regierung hat ihren eindeutigen Einsatz für die Gleichberechtigung der Geschlechter bewiesen.»

Menschenrechtsorganisationen reagierten hingegen zunächst zurückhaltend. «Wir begrüßen diesen Schritt natürlich», sagte die Expertin für die Golfstaaten von Amnesty International in Deutschland, Regina Spöttl. «Aber er muss auch umgesetzt werden.» Nach Angaben der saudischen Regierung soll die neue Reisefreiheit Ende August in Kraft treten. Die Nahostdirektorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), Sarah Leah Whitson, erinnerte auf Twitter daran, dass Frauen weiter die Zustimmung eines männlichen Vormunds bräuchten, wenn sie heiraten wollten.

Kronprinz Mohammed bin Salman, oft auch kurz «MbS» genannt, gilt nicht nur als künftiger König, sondern auch als eine der umstrittensten Führungsfiguren der Region. Vor allem junge Saudis gehören zu seinen Anhängern, weil er ihnen mehr Freiheiten verschafft. Seit dem vergangenen Jahr dürfen Frauen in Saudi-Arabien endlich Auto fahren, was ihnen bis dahin verboten war. Kinos und Konzerte sind ebenfalls wieder erlaubt. Mittlerweile treten internationale Stars im Königreich auf. Frauen durften im vergangenen Jahr auch erstmals ein öffentliches Fußballspiel besuchen.

Auch auf dem Arbeitsmarkt sollen sie stärker Fuß fassen. MbS will zudem die Wirtschaft reformieren, um ihre Abhängigkeit vom Öl zu verringern, das irgendwann versiegen wird. Die Reformen sind dringend notwendig, sollen die jungen Generationen eine Perspektive haben. Immerhin sind mehr als 40 Prozent der Saudis unter 25.

Im ultrakonservativen Saudi-Arabien gilt mit dem Wahhabismus eine der striktesten Lesarten des Islams. Zahlreiche Regelungen beschneiden die Rechte der Frauen. Sie unterliegen etwa strengen Kleidungsvorschriften: So ist in der Öffentlichkeit ein langes Gewand, die Abaja, generell ebenso Pflicht wie ein Kopftuch.

Die Reisebeschränkungen für Frauen waren international besonders scharf kritisiert worden. Vor einigen Monaten sorgte die Flucht der 18-jährigen Rahaf Mohammed al-Kunun für Schlagzeilen. Sie hatte sich während eines Besuchs in Kuwait heimlich von der Familie ins Ausland abgesetzt, wurde jedoch in Thailand festgehalten. Erst eine Twitter-Kampagne konnte ihre Abschiebung in die Heimat verhindern. Kanada gab ihr schließlich Asyl. Menschenrechtler kritisierten damals, der Fall zeige, dass saudische Frauen «von der Geburt bis zu ihrem Tod» von ihrem männlichen Vormund kontrolliert würden.

Die gesellschaftlichen Reformen gehen jedoch einher mit einer harten Hand der Führung in Riad gegen Menschenrechtler und Kritiker - die dunkle Seite des Wandels in Saudi-Arabien. Im Frühjahr vergangenen Jahres ließ das Königreich etwa 17 Frauenrechtler festnehmen. Gegen mehrere begann in diesem März unter dubiosen Vorwürfen ein Prozess. Amnesty-Expertin Spöttl fordert deren unverzügliche Freilassung. Sie hätten sich für die neuen Freiheiten der Frauen eingesetzt. Die Botschaft Riads ist jedoch klar: Gesellschaftliche Reformen ja - aber darüber will allein das Königshaus entschieden. Kritiker werden mundtot gemacht. Oder sogar umgebracht, wenn sie zu laut werden.

So wie der Journalist Jamal Khashoggi, den ein aus Riad angereistes Spezialkommando im vergangenen Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul brutal ermordete. Wer den Befehl dafür gab, ist unklar. Doch die Spuren führen in das direkte Umfeld des Kronprinzen. Ein Expertenbericht an den UN-Menschenrechtsrat sieht etwa «glaubhafte Hinweise» auf eine persönliche Verantwortung des Thronfolgers. Saudi-Arabien aber weist jede Schuld des Kronprinzen zurück.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
02. 08. 2019
15:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abschiebungen Amnesty International Asyl Emanzipation Human Rights Watch Jamal Khashoggi Journalisten Kritiker Menschenrechtler Menschenrechtsorganisationen Mohammed bin Salman Mord Regierungen und Regierungseinrichtungen Twitter Tötung UN-Menschenrechtsrat
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
1. Jahrestag der Ermordung von Jamal Khashoggi

02.10.2019

Angehörige und Aktivisten erinnern in Istanbul an Khashoggi

Sie ist hochkarätig besetzt, die Trauerfeier zum Jahrestag des Mordes am saudischen Regierungskritiker und Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul. Der Tatort, das saudische Konsulat, liegt in Sichtweite. » mehr

Erdogan

30.09.2019

Kronprinz übernimmt Verantwortung für Khashoggi-Mord

Verantwortlich, aber nicht schuldig? Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman spricht über die Ermordung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi. Er übernimmt Verantwortung, will von dem Verbrechen aber ... » mehr

Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner

27.11.2019

Türkischer Staatsanwalt fordert Freispruch für Steudtner

Mangel an Beweisen - selbst die türkische Staatsanwaltschaft sieht keinen Grund mehr für die Verurteilung des Deutschen Steudtner. Dafür droht einem anderen Menschenrechtler eine lange Gefängnisstrafe. » mehr

Saudischer Kronprinz

30.09.2019

Riad warnt vor weiterer Eskalation im Iran-Konflikt

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman fordert die internationale Gemeinschaft zu einem entschlossenen Vorgehen gegen den Iran auf. Ansonsten drohe Eskalation. » mehr

G20-Gipfel in Osaka

01.12.2019

Umstrittene G20-Präsidentschaft Saudi-Arabiens beginnt

Khashoggi-Mord, Menschenrechtslage und Krieg im Jemen: Saudi-Arabien steht international massiv in der Kritik. Trotzdem darf der umstrittene Kronprinz Mohammed bin Salman nächstes Jahr Trump, Putin, Xi, Merkel und Co. in... » mehr

Proteste in Hongkong

02.12.2019

China verbietet Besuche von US-Kriegsschiffen

Die USA haben ein Gesetz verabschiedet, mit dem der Protestbewegung in Hongkong der Rücken gestärkt wird. China ist darüber verärgert - und hat nun Gegenmaßnahmen verkündet. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Frankenwald-Advent in Nordhalben

Frankenwald-Advent in Nordhalben | 04.12.2019 Nordhalben
» 18 Bilder ansehen

Weihnachtsmarkt in Mitwitz

Weihnachtsmarkt in Mitwitz | 30.11.2019 Mitwitz
» 33 Bilder ansehen

Krippenausstellung in Kronach

Krippenausstellung in Kronach | 01.12.2019 Kronach
» 19 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
02. 08. 2019
15:47 Uhr



^