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Schuld der 68er: Benedikts Antwort auf die Missbrauchskrise

Der frühere Papst Benedikt meldet sich aus dem Off zum heikelsten Thema für die katholische Kirche zurück. In einem Schreiben macht er die Liberalisierung der Sexualität für die Missbrauchskrise verantwortlich - und erntet Kritik.



Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Für Benedikt sind die 68er Jahre eine Ursache für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche.   Foto: Daniel Karmann

Der emeritierte Papst Benedikt hat die sexuelle Revolution der 1968er Jahre und die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche verantwortlich gemacht.

Theologen kritisierten den Aufsatz des früheren Katholiken-Oberhauptes, der unter anderem von dem katholischen Nachrichtennetzwerk CNA veröffentlicht wurde. Darin heißt es, Benedikt habe den Text nach Rücksprache mit dem amtierenden Papst Franziskus für das bayerische «Klerusblatt» geschrieben. Der Vatikan äußerte sich dazu zunächst nicht.

Wenige Tage vor seinem 92. Geburtstag sorgt der gebürtige Bayer wieder mit einer Veröffentlichung für Aufsehen. Seit seinem spektakulären Rücktritt als Papst im Jahr 2013 lebt er zurückgezogen hinter den Vatikan-Mauern. Er hatte damals versprochen, «für die Welt verborgen» zu bleiben. Doch daran hält er sich nicht immer.

Sein Aufsatz erscheint in einer Zeit, in der sein Nachfolger unter einem enormen Druck steht. Die Missbrauchskandale in Ländern wie Deutschland, Chile und den USA haben nicht nur die katholische Kirche, sondern auch Franziskus' Pontifikat in eine Krise gestürzt. Vor eineinhalb Monaten hatte der Argentinier deshalb die Bischöfe aus aller Welt zu einem Gipfel in den Vatikan eingeladen.

Benedikt führt die Krise vor allem auf außerkirchliche Entwicklungen zurück. Er nennt die Liberalisierung der Sexualität und die «Abwesenheit» von Gott in der heutigen Gesellschaft. Eine Welt ohne Gott sei eine Welt ohne Moral: «Es gibt dann keine Maßstäbe des Guten oder des Bösen.» Von Machtstrukturen, die Franziskus immer wieder als Grund für Missbrauch anführt, ist nicht die Rede.

Die Revolution von 1968 habe «völlige sexuelle Freiheit» erkämpfen wollen, «die keine Normen mehr zuließ», schreibt der Ex-Papst. «Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.» In den Jahren von 1960 bis 1980 seien «die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen der Sexualität vollkommen weggebrochen» und eine «Normlosigkeit entstanden, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat».

Unabhängig davon habe sich zeitgleich «ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte». Erst jetzt erkenne man mit «Erschütterung, dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen».

Katholische Theologen äußerten Kritik. Es sei «verblüffend», «eine freizügige Kultur und progressive Theologie für ein internes und strukturelles Problem verantwortlich zu machen», erklärte Julie Hanlon Rubio, Professorin an der kalifornischen Privatuniversität Santa Clara, auf Twitter. Sie bezeichnete Benedikts Analyse als «zutiefst fehlerhaft» und «zutiefst beunruhigend».

Brian Flanagan, Dozent an der Marymount University im amerikanischen Virginia, twitterte: «Das ist ein beschämendes Schreiben.» Die Annahme, dass der Missbrauch von Kindern durch Geistliche ein Ergebnis der 1960er Jahre und eines angeblichen Zusammenbruchs der Moraltheologie sei, sei eine «peinliche, falsche Erklärung für den systematischen Missbrauch von Kindern und dessen Verschleierung».

Benedikts Schreiben sei ein «entlarvender Text», sagte Matthias Katsch von dem deutschen Opferverband Eckiger Tisch dem Bayerischen Rundfunk. Eigene Fehler und die «Verantwortung der Institution» Kirche würden darin nicht benannt. Während der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. war ans Licht gekommen, dass weltweit zahlreiche Kinder von Geistlichen missbraucht wurden. Papst Franziskus räumte zuletzt ein, dass die Vertuschung der Taten in der Vergangenheit üblich war.

Im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise wird immer wieder gefordert, die Sexualmoral der Kirche und die Ehelosigkeit der Priester zur Diskussion zu stellen. Benedikt aber warnt in seinem Schreiben davor, das Problem mit der Erneuerung der Kirche lösen zu wollen. «Die Krise, die durch die vielen Fälle von Missbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Missratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neu gestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein.»

Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
19:33 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
19:33 Uhr



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