Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Brennpunkte

Sextortion und Cybergrooming per Smartphone: Schüler leiden

Soziale Medien haben auch eine dunkle Seite. Besonders Kinder und Jugendliche machen immer wieder auch negative Erfahrungen. Sie werden nicht nur gedisst, sondern kommen ungewollt auch mit Sex und Gewalt in Berührung. Vieles davon fällt unter das Strafrecht.



Schüler leiden unter sozialen Medien
Ein Smartphone liegt vor einem Mann auf dem Tisch. Soziale Medien haben auch eine dunkle Seite. Besonders Kinder und Jugendliche machen immer wieder negative Erfahrungen.   Foto: Sina Schuldt

Es sind nur ein paar wenige Klicks, schon ist der Kopf der Klassenkameradin auf den Körper der Pornodarstellerin montiert und das Sex-Video an die ganze Jahrgangsstufe verschickt.

Die Betroffene wird kurz darauf mit Nachrichten bombardiert - mit Worten und Aufforderungen, die üblicherweise nicht in einem Zeitungsartikel stehen. Die Folgen für die Jugendliche kann sich jeder ausmalen. Ein Einzelfall? Bei weitem nicht, betonen Lehrer und Polizisten unisono.

Beleidigung, Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung sowie Erpressung per Smartphone gibt es den Experten zufolge an nahezu jeder Schule. Doch oft genug bekommen die Erwachsenen diese Fälle gar nicht mit. Die Täter polieren auf diese Weise ihr Selbstbewusstsein auf, die Mitwisser halten aus Angst lieber die Klappe, die Opfer schweigen aus Scham - und allen zusammen ist oftmals nicht bewusst, dass Grenzen verletzt werden, die zu überschreiten noch vor kurzem undenkbar schien.

«Die Welt da draußen, so verroht sie manchmal ist, so schlampig und vulgär, so sexistisch und rassistisch und antisemitisch, ist in der Welt der Kinder angekommen», schildert Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Eine große Rolle spielen dabei die sozialen Medien, die die Kommunikation in der Gesellschaft verändert haben - und damit auch die Kommunikation in den Schulen.

«Wenn man früher Konflikte zwischen Schülern hatte, dann hat man das gesehen, dann gab es eine Prügelei oder einen lautstarken Streit. Da konnte man als Pädagoge eingreifen», schildert Ilka Hoffmann, die Schulexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW. «Jetzt läuft das alles verdeckt ab.»

Doch während die Täter sich tatsächlich immer wieder in der Anonymität des Netzes verstecken können, sieht es für die Opfer ganz anders aus: «Derjenige, der dieses Nacktbild mit meinem Kopf gestern in die Klassenchatgruppe gestellt hat, begegnet mir am nächsten Tag im Klassenzimmer, und alle anderen begegnen mir auch. Damit ist die digitale Anonymität überschritten, und das packen die Jugendlichen nicht», berichtet Fleischmann.

Das Fatale ist: «Die Opfer suchen die Ursachen bei sich. Das führt zu ganz massiven Selbstwertschädigungen», erklärt Schulexpertin Hoffmann. Die meisten zögen sich stark zurück. Während Jungs manchmal aggressiv würden, komme es bei Mädchen häufiger zu selbstverletzendem Verhalten.

Das erleben auch Esther Papp und Cem Karakaya immer wieder. Sie befassen sich am Polizeipräsidium München mit Prävention und haben täglich mit Sexting, Sextortion, Cybermobbing und Cybergrooming zu tun - Begriffe, die viele Eltern noch nie gehört haben, im Leben vieler Kinder aber Alltag sind.

Unter Sexting versteht man die zunächst freiwillige, sexuell motivierte Kommunikation - also das gegenseitige «Scharfmachen» durch Chatnachrichten oder freizügige Aufnahmen, die unter Jugendlichen oft als Liebesbeweis eingefordert werden. Sextortion wird daraus, wenn diese Bilder oder Videos zur Erpressung eingesetzt werden.

Cybermobbing ist das Fertigmachen und Bloßstellen Einzelner über digitale Medien, meist über einen längeren Zeitraum. Und Cybergrooming ist die digitale Kontaktaufnahme zu Minderjährigen mit dem Ziel, ein digitales oder reales sexuelles Verhältnis zu beginnen. Oft geben sich dabei erwachsene Pädophile als Jugendliche aus.

Exakte Zahlen zu diesen Phänomenen gibt die Polizeiliche Kriminalstatistik laut Bundeskriminalamt nicht her. Doch alle Experten sind sich einig, dass die bekannt werdenden Fälle lediglich die Spitze des Eisbergs sind und es eine riesige Dunkelziffer gibt.

«Wir könnten als Polizei pro Tag pro Schule mindestens 400 Handys beschlagnahmen und Anzeigen erstellen», ist Karakaya überzeugt. Der Beamte geht regelmäßig an Münchner Schulen, um das Bewusstsein der Heranwachsenden zu schärfen.

Völlig nüchtern resümiert er, dass Pornos für Siebtklässler inzwischen Alltag sind, die Zwölfjährigen zugleich aber kein Bewusstsein dafür hätten, dass vieles von dem, was ihnen täglich in den sozialen Netzwerken begegnet, Straftaten sind: etwa Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung oder die Verletzung des Rechts am eigenen Bild oder des höchstpersönlichen Lebensbereiches.

Den jungen Opfern gibt Karakaya den Ratschlag, sich so früh wie möglich an einen verantwortlichen Erwachsenen zu wenden, Übergriffe etwa per Screenshot zu dokumentieren und im Zweifel auch Anzeige zu erstatten, «um zu zeigen, dass du dir nicht alles gefallen lässt, dass du nicht das Opfer bist, dass du dich wehrst».

«Das sind knallharte Sachen, die die Jugendlichen psychisch gar nicht verarbeiten können», erlebt auch Papp immer wieder. Die Folgen reichten bis hin zum Suizid. Die Beamten raten den Schülern deshalb, sich immer zwei Fragen zu stellen, bevor sie etwas posten: «Muss das sein? Und kann es sein, dass ich es später - vielleicht schon morgen - bereue?» Oft erleben sie, dass die Schüler regelrecht schockiert sind, wenn sie gezeigt bekommen, welche Informationen Facebook & Co. über sie preisgeben.

Karakaya und Papp wissen, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Sie sehen in erster Linie die Eltern in der Verantwortung - doch die setzten sich mit den Gefahren der digitalen Welt viel zu selten auseinander, geschweige denn, dass sie den Weg mit ihren Kindern gemeinsam beschreiten würden. «Es ist ja bequem, wenn die Kinder mit ihren Smartphones in ihrem Zimmer verschwinden», bilanziert Papp. «Doch hinterher ist das Geschrei groß, wenn was passiert ist.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 06. 2019
16:31 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bundeskriminalamt Cyber-Grooming Erpressung Facebook Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Nötigung Polizei Polizeipräsidium München Polizistinnen und Polizisten Pornographie Schülerinnen und Schüler Sexismus Sexvideos Social Media Verbrecher und Kriminelle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Smartphone

18.08.2019

Porno im Klassenchat - Mehr Ermittlungen gegen Minderjährige

Das Smartphone ist bei den meisten Jugendlichen immer dabei - auch beim Entdecken der eigenen Sexualität. Dies erhöht das Risiko, Opfer und Täter zu werden. Experten fordern mehr Aufklärung über Cybergrooming - am besten... » mehr

Mafia-Morde von Duisburg 2007

03.11.2019

Polizei zählt in Deutschland 30 Mafia-Morde seit 1990

Von italienischen Staatsanwälten kommt oft der Vorwurf, die deutsche Polizei nehme Mafia-Clans nicht genügend ins Visier. Neben dem Kokain-Handel ist der «Verkauf» von Lebensmitteln an Gastronomen ein beliebtes Geschäfts... » mehr

Kunstraub an der Grundschule am Fuchsberg

16.05.2019

Gestohlenes Goldnest - «Machtdemonstration» der Clans?

Das goldene Nest leuchtete durch die Scheibe direkt neben der Eingangstür der Grundschule. Möglicherweise sollte das Kunstwerk der Schule ein wenig Glanz verleihen. Es entwickelte aber auch Anziehungskraft auf ganz ander... » mehr

Demonstration gegen Rechtsextremismus in Hamburg

30.10.2019

Neun Punkte gegen den Hass

NSU - Lübcke - Halle: Der Innenminister sieht in Deutschland eine Kontinuität rechter Hassverbrechen. Mit einem Neun-Punkte-Plan will das Kabinett nun Lehren daraus ziehen - mit schärferen Strafen und strengeren Vorgaben... » mehr

Schutz von jüdischen Einrichtungen

18.10.2019

Bundesländer wollen jüdische Einrichtungen besser schützen

«Ihr könnt uns nicht schützen», dieser Zuruf eines Bürgers nach dem Terroranschlag in Halle habe ihn betroffen gemacht, sagt Seehofer. Ihm sei es wichtig, dass auf die vielen Worte jetzt Taten folgten. » mehr

Gewalttat in Finnland

01.10.2019

Frau bei Gewalttat in finnischer Schule getötet

Bewaffnet mit einer Stich- und einer Schusswaffe dringt ein Mann in eine Berufsschule ein. Eine Frau kommt ums Leben, mehrere Menschen werden verletzt - darunter der mutmaßliche Täter. Sein Motiv? Unklar. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Festakt 30 Jahre Mauerfall in Ludwigsstadt

Festakt 30 Jahre Mauerfall | 13.11.2019 Probstzella
» 25 Bilder ansehen

Neugestaltung Bahnhof Coburg

Neugestaltung Bahnhof Coburg | 13.11.2019 Coburg
» 6 Bilder ansehen

Queen of Sand in der NP

Queen of Sand in der NP | 13.11.2019 Coburg
» 11 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 06. 2019
16:31 Uhr



^