Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Brennpunkte

Streit über Tempo bei Schul- und Kitaöffnungen

Noch vor wenigen Wochen schienen sich alle einig: An normalen Unterricht in den Schulen mit vollen Klassen wird noch lange nicht zu denken sein und an einen schnellen Regelbetrieb in den Kitas auch nicht. Jetzt scheint aber doch alles schneller zu gehen.



Schule mit Mundschutz
Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums mit Mundschutz.   Foto: Arne Dedert/dpa » zu den Bildern

Der Streit über das Tempo bei Schul- und Kitaöffnungen hat am Donnerstag weiter Fahrt aufgenommen. Mehrere Bundesländer haben inzwischen angekündigt, dass zumindest an Grundschulen die Schüler bald nicht mehr getrennt, sondern wieder in voller Klassenstärke unterrichtet werden sollen.

Kritiker wiesen vor diesem Hintergrund auf mögliche gesundheitliche Gefahren hin. Befürworter hoben dagegen hervor, welche negativen Folgen ein dauerhaft eingeschränkter Schul- und Kitabetrieb für Kinder und Jugendliche haben könnte. Auch die Frage, ob es wenigstens nach den Sommerferien an den Schulen wieder halbwegs normal weitergehen soll, bleibt umstritten.

MEHRERE LÄNDER GEHEN VORAN

Sachsen hatte schon am vergangenen Montag als erstes Bundesland Grundschulen und Kitas im eingeschränkten Regelbetrieb wieder geöffnet. Statt auf kleine Gruppen und Abstandsregeln zu setzen, werden Gruppen und Klassen voneinander getrennt. Schleswig-Holstein hatte nun am Mittwoch ebenfalls entschieden, dass dort alle Grundschüler ab dem 8. Juni wieder zur Schule gehen sollen - ohne Abstandsregeln. Ab Mitte Juni peilt auch Sachsen-Anhalt für Grundschüler wieder einen Betrieb in gesamter Klassenstärke an. In Baden-Württemberg ist das ab Ende Juni geplant. Auch vollständige Kita-Öffnungen rücken vielerorts immer näher.

ANSTECKUNGS- UND INFEKTIONSGEFAHR

Unklar bleibt, welche gesundheitlichen Risiken eine beschleunigte Öffnung in der Corona-Pandemie birgt. «Die Wahrheit ist, dass wir aktuell eine Studienlage haben, die keine echten Schlüsse zulässt, inwieweit Kinder zur Verbreitung des Virus beitragen», sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn der «Augsburger Allgemeinen» (Donnerstag). «Da gibt es sehr unterschiedliche Bewertungen - und das macht es besonders schwer, politische Entscheidungen zu treffen.»

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sorgt sich um die Gesundheit von Erzieherinnen und Lehrkräften. Je größer die Kita-Gruppe oder die Lerngruppe in der Schule, desto größer sei die Gefahr für die Gesundheit der Pädagogen, sagte die Landesvorsitzende der GEW in Schleswig-Holstein, Astrid Henke.

Der Deutsche Philologenverband forderte regelmäßige Tests für Schüler und Lehrer. «Was für die Fußballer recht und billig ist, muss für Lehrer und Schüler erst recht richtig und gerecht sein», sagte die Verbandsvorsitzende Susanne Lin-Klitzing der Deutschen Presse-Agentur.

Solche Tests - auch in Kitas - sollen nach den Plänen der Bundesregierung künftig verstärkt möglich sein, selbst wenn Menschen keine Symptome zeigen. Angeordnet werden müssen sie von den örtlichen Gesundheitsämtern. «Die Ausweitung macht Sinn», sagte die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentliche Gesundheitsdienstes, Ute Teichert. «Wir wollen ja nicht überrascht werden. Wir wollen keine zweite Welle.» Sie verwies aber darauf, dass Tests immer nur eine Momentaufnahme seien. «Ein negativer Test heißt ja nicht, dass der oder diejenige in ein paar Tagen nicht doch infiziert sein könnte.» Man müsse dann regelmäßig testen.

NEGATIVE FOLGEN FÜR KINDER UND JUGENDLICHE

Den gesundheitlichen Bedenken bei einer schnellen Öffnung stehen auf der anderen Seite große Bedenken mit Blick auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bei weiter eingeschränktem Kita- und Schulbetrieb gegenüber: «Die Schäden durch unterbliebene Bildung, unterbliebene Förderung sind immens», sagte FDP-Chef Christian Lindner am Donnerstag. Das Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, sprach in der «Welt» von einem «schweren Eingriff» in die Lebenswelt und Grundrechte von Kindern und Jugendlichen und von einer Beeinträchtigung ihrer psycho-sozialen Entwicklung. Gesundheitsökonom Martin Karlsson warnte bei n-tv vor massiven Folgen für das spätere Erwerbsleben der Kinder.

Nach Ansicht des Grundschulverbands sollten die Erwartungen bei einer schnellen Rückkehr zu voller Klassenstärke dennoch nicht zu groß sein. Zwar werde Betreuung gewährleistet, «aber ob Bildungssituationen daraus entstehen können, bleibt fraglich», sagte die Vorsitzende Maresi Lassek. Die Kinder würden, um Mindesthygienestandards zu erfüllen einen «antiquierten Unterricht erleben, der Kontakte, soziales Miteinander und vieles, was lebendiges Lernen und Schule ausmacht und wie sie Schule kennen, unterbindet».

SPÄTESTENS NACH DEM SOMMERFERIEN ALLES WIEDER NORMAL?

Nach Einschätzung mehrerer Bildungsexperten sollten die Schulen nicht mit Normalbetrieb im nächsten Schuljahr planen. Eine 22-köpfige Kommission um den Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Kai Maaz, hat für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung Empfehlungen aufgestellt. «Die Planungen des neuen Schuljahres sollten nicht von einer Wiederkehr des gewohnten «schulischen Regelbetriebs» ausgehen», heißt es darin.

Das steht allerdings Äußerungen aus einzelnen Bundesländern entgegen. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) oder Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hatten für das nächste Schuljahr wieder einen regulären Schulbetrieb in Aussicht gestellt. Die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) hatte die Zielvorgabe gemacht, im Sommer an Schulen und Kitas wieder zum Normalbetrieb zurückzukehren.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
28. 05. 2020
18:04 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bodo Ramelow Bundesgesundheitsminister CDU Christian Lindner Deutsche Presseagentur Friedrich-Ebert-Stiftung Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Gewerkschaften Grundschulkinder Jens Spahn Lehrerinnen und Lehrer Malu Dreyer Michael Kretschmer Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland SPD Schulbetrieb Schulen Schülerinnen und Schüler Sächsische Ministerpräsidenten Thomas Krüger Thüringische Ministerpräsidenten n-tv
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Schule in Corona-Zeiten

18.09.2020

Neues Schuljahr - erste Zwischenbilanz durchwachsen

Rund 11 Millionen Schüler sind zurück in den Klassenzimmern. Das neue Schuljahr läuft in allen Bundesländern - und bisher insgesamt relativ reibungslos. Lehrervertreter bleiben aber skeptisch, ob der Plan unter Pandemieb... » mehr

Schulstart

10.08.2020

Schulstart in weiteren Bundesländern

Das Experiment Schulstart in Corona-Zeiten geht weiter. Mitten in der Sommerhitze hat in drei weiteren Bundesländern das neue Schuljahr begonnen. Die Debatte, ob die Hygieneregeln an den Schulen ausreichen werden, hält a... » mehr

"Schulgipfel"

21.09.2020

«Schulgipfel» vereinbart schnelle Anschaffung von Laptops

Bund und Länder wollen die Schuldigitalisierung unter dem Eindruck der Corona-Krise vorantreiben. Bei einem Treffen im Kanzleramt wurde dafür eine weitere Finanzzusage gemacht. Konkrete Beschlüsse gab es ansonsten nicht. » mehr

Hygienemaßnahmen vor Schulbeginn

10.06.2020

Schulen: Kritik wegen geplanter Aufhebung von Abstandsregel

Nach den Sommerferien könnte es in den Schulen wieder relativ normal und ohne Abstandsregel weitergehen, das wird zumindest angestrebt - Lehrergewerkschafter sehen das aber kritisch. Die GEW fordert nun einen «runden Tis... » mehr

Schule während der Pandemie

22.09.2020

Nach «Schulgipfel» im Kanzleramt Kritik an Ergebnissen

Bund und Länder wollen bei der Schuldigitalisierung vorankommen und haben bei einem Treffen im Kanzleramt die nächsten Schritte vereinbart. Es bleiben aber Fragen offen und es gibt viel Kritik. » mehr

Beherbergungsverbot

15.10.2020

Beherbergungsverbot bereits in vier Bundesländern ausgesetzt

Der Ärger über die Beherbergungsverbote für Urlauber aus deutschen Corona-Hotspots ist groß. Nun zeigt sich: Sie haben keinen Bestand vor Gericht. In der Kritik stehen aber auch die Beschlüsse von Bund und Ländern zur we... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lastwagen-Unfall auf der B 303 bei Ebersdorf Ebersdorf

Lastwagen-Unfall auf der B 303 bei Ebersdorf | 20.10.2020 Ebersdorf
» 9 Bilder ansehen

Unfall bei Eschenau

Unfall bei Eschenau | 20.10.2020 Ebern
» 6 Bilder ansehen

HSC 2000 Coburg - Nordhorn-Lingen 26:29 Coburg

HSC 2000 Coburg - Nordhorn-Lingen 26:29 | 18.10.2020 Coburg
» 94 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
28. 05. 2020
18:04 Uhr



^