Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Brennpunkte

Viele «Unwort»-Vorschläge drehen sich um Flüchtlingspolitik

Von «Lügenpresse» bis «Alternative Fakten»: Eine sprachkritische Jury macht jedes Jahr auf problematische Wortschöpfungen aufmerksam. Diesmal wurden «Asyltourismus» und «DSGVO» bislang am häufigsten als «Unwort des Jahres» vorgeschlagen.



Unwort des Jahres
Das Wort «Unwort» ist in einem Wörterbuch markiert.   Foto: David-Wolfgang Ebener

Die Wortwahl zur Flüchtlingspolitik prägt in diesem Jahr erneut die eingereichten Vorschläge für das «Unwort des Jahres».

Unter den mehr als 700 Vorschlägen sei der vom CSU-Politiker Markus Söder benutzte Begriff «Asyltourismus» am häufigsten genannt worden, sagte die Sprecherin der sprachkritischen Jury, Nina Janich, der Deutschen Presse-Agentur in Darmstadt. Als weitere Beispiele nannte sie «Anti-Abschiebe-Industrie» und «sicherheitsgefährdende Schutzsuchende». Das «Unwort des Jahres» wird am 15. Januar 2019 verkündet. Bis Ende 2018 werden noch Vorschläge angenommen.

In der vergangenen Woche hatte die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) «Heißzeit» zum «Wort des Jahres» gekürt. Der Begriff umschreibe nicht nur den heißen und trockenen Sommer dieses Jahres, sondern schlage mit seiner Ähnlichkeit zu «Eiszeit» auch eine Brücke zu «einem der gravierendsten globalen Phänomene des frühen 21. Jahrhunderts», dem Klimawandel, hieß es.

Für die Wahl des «Unworts des Jahres» sind laut Janich bis Anfang Dezember 722 Mails und Postsendungen mit 417 verschiedenen Begriffen eingegangen. «Das ist noch ein bisschen wenig. Es kann sein, dass wir die Grenze von 1000 bis zum Jahresende diesmal nicht erreichen», sagte sie. Erfreulicherweise seien eine Reihe von Schulklassen unter den Einsendern, die sich im Unterricht auf eine Wortschöpfung geeinigt hätten.

Nicht nur der heutige bayerische Ministerpräsident Söder erregte mit seiner Wortwahl Anstoß. Auch die von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt gebrauchte Formulierung «Anti-Abschiebe-Industrie» ist unter den Einsendungen - ebenso die «Abschiebeverhinderungsindustrie», eine Wortschöpfung, die dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, zugeschrieben wird. Vorgeschlagen wurde zudem «Flüchtlingsindustrie».

Neben «Asyltourismus» sei «DSGVO» (für europäische Datenschutz-Grundverordnung) besonders oft vorgeschlagen worden, sagte Janich. Dies sei jedoch ein klassisches Missverständnis, weil sich die Einsender eigentlich über die Sache ärgerten. Die Jury entscheidet aber ohnehin nicht nach der Häufigkeit eines Vorschlags. Sie kritisiert vielmehr Formulierungen, die «gegen das Prinzip der Menschenwürde» und «Prinzipien der Demokratie» verstoßen, weil sie «einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren» oder «euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend» sind.

Dabei solle nicht unbedingt ein einzelnes Wort herausgestellt werden - wie etwa «Blutaustausch», mit dem eine Verjüngung von Personal gemeint sei. Die Jury küre in der Regel vielmehr bedenkliche Begriffe, die für einen Trend oder eine Haltung stünden, sagte Janich.

Spannend findet die Sprachwissenschaftlerin beispielsweise den vorgeschlagenen Begriff «Deutungshoheit», der ähnlich wie «alternativlos» zwar nicht per se, aber in der politischen Debatte problematisch sei. Im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Hambacher Forst stehe «Ökoterrorist». Auch «Klima-Nazi» wurde vorgeschlagen - ein Begriff, den die stellvertretende AfD-Bundestagsfraktionschefin Beatrix von Storch verwendet haben solle.

«Gesinnungsterror» gehe in eine ähnliche Richtung wie die ebenfalls vorgeschlagenen Begriffe «Hypermoralist» und «Menschenrechtsfundamentalist», sagte Janich. Aus der Gender-Debatte stammt die Formulierung «Feminismus-Flausen». «Klageindustrie» sei im Zusammenhang mit dem Verbraucherschutz eingereicht worden. Auch «linksgrünversifft» wurde vorgeschlagen.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
17. 12. 2018
17:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alexander Dobrindt Beatrix von Storch Begriffe Deutsche Presseagentur Flüchtlingspolitik Gesellschaft für deutsche Sprache Markus Söder Polizeigewerkschaft Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Flüchtlinge

15.09.2020

Deutschland nimmt 408 Flüchtlingsfamilien auf

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria hat die Bundesregierung angeboten, auch noch mehr als 400 Familien mit Kindern von den griechischen Inseln aufzunehmen. Auf Lesbos sollen neue Unterkünfte entstehen, unter Beteili... » mehr

Einigung

26.08.2020

Scharfe Kritik am Koalitionskompromiss zur Wahlrechtsreform

Die Ausgangspositionen lagen meilenweit auseinander. Kein Wunder, dass die große Koalition froh ist, dass ihr beim Thema Wahlrecht doch eine Einigung gelungen ist. Nur was für eine? Die Kritik daran fällt jedenfalls vern... » mehr

Corona-Tests am Flughafen

27.07.2020

Künftig Corona-Testpflicht bei Einreise aus Risikogebieten

Aus dem Flieger zum Corona-Test: Für Touristen und andere Reisende, die aus bestimmten Regionen mit erhöhten Infektionsgefahren wieder nach Deutschland kommen, soll das bald vorgeschrieben werden. » mehr

Andreas Kalbitz

18.05.2020

Trotz AfD-Rauswurf: Kalbitz bleibt in Brandenburger Fraktion

Der AfD-Bundesvorstand hat Andreas Kalbitz mit Mehrheitsentscheidung aus der Partei geworfen. In Potsdam bleibt er dennoch in der Landtagsfraktion, die er bisher geführt hat. Das könnte den Streit in der Partei weiter an... » mehr

Greta Thunberg

21.09.2020

Kevin und Alexa sind «verdorbene Vornamen» - Greta auch?

Es gibt Ereignisse, die haben Einfluss auf die Namenswahl von Eltern. Tolle Kinofilme oder leuchtende Vorbilder aus der Politik zum Beispiel. Das funktioniert allerdings nicht nur im positiven, sondern auch im negativen ... » mehr

Bundeskanzlerin besucht Bayerisches Kabinett

19.07.2020

Unionsspitze will Kanzler-Debatte runterkochen

Der Zeitplan steht. Anfang Dezember wird ein neuer CDU-Chef gewählt, dann der Kanzlerkandidat für CDU und CSU gekürt, anschließend geht es in die Bundestagswahl. Doch nicht zuletzt die Corona-Krise bringt die Frage nach ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Auto macht sich selbstständig Coburg

Auto macht sich selbstständig | 30.09.2020 Coburg
» 6 Bilder ansehen

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg | 26.09.2020 Coburg
» 111 Bilder ansehen

Busfahrer streiken in Coburg Coburg

Streik der Busfahrer in Coburg | 25.09.2020 Coburg
» 10 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
17. 12. 2018
17:47 Uhr



^