Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Brennpunkte

Vor 25 Jahren wurde Kaufhaus-Erpresser «Dagobert» gefasst

Der Mann hat einen Spitznamen, der einfach nicht verschwindet. Dabei erinnert er an ein kriminelles Kapitel in seinem Leben. Doch aus «Dagobert» wird ein Karikaturist und Satiriker. Ist die Vergangenheit vergessen?



Arno Funke
Arno Funke bei einem Gespräch anlässlich seiner Festnahme als Kaufhauserpresser "Dagobert" vor 25 Jahren.   Foto: Christoph Soeder » zu den Bildern

Nachts im Gefängnis kamen die Alpträume. Alles sei damals dunkel und verschwommen gewesen, Angst habe sich ausgebreitet, erzählt Arno Funke.

Etliche Details seiner Festnahme vor 25 Jahren (22. April 1994) seien verblasst, viele Nächte in seiner Zelle aber nicht, sagt der frühere Kaufhaus-Erpresser «Dagobert». Damals sorgte er bundesweit für Schlagzeilen und narrte über Monate die Polizei mit seinen ausgeklügelten Tricks. Heute sagt der 69-Jährige: «Ich bin ein resozialisierter Bürger.»

Der eloquente und gute Laune ausstrahlende Ur-Berliner geht offen mit seiner Vergangenheit um, möchte aber auch nicht mehr dauernd daran erinnert werden. Den Spitznamen «Dagobert» ist er jedoch nie ganz losgeworden. Polizei und Medien nannten ihn so, weil er mit «Onkel Dagobert grüßt seine Neffen» in Zeitungsannoncen das Signal zur Geldübergabe geben wollte. Mal deponierte Funke dafür über offenem Gully eine Streusandkiste. Oder er baute eine ferngesteuerte Lore für die Übergabe. Wie der Tüftler die Polizei überlistete, brachte «Dagobert» auch Sympathien ein.

Der gelernte Schilder- und Lichtreklamehersteller wurde endgültig 1996 wegen Erpressung des Berliner KaDeWe (Kaufhaus des Westens) und mehrerer Sprengstoff-Anschläge auf Karstadt-Filialen zu neun Jahren Haft verurteilt. Das Gericht bescheinigte ihm eine hirnorganisch bedingte Depression und verminderte Schuldfähigkeit. Im Sommer 2000 kam er vorzeitig frei.

Er sei von seinen Gefühlen wie abgeschnitten gewesen, erzählt Funke der Deutschen Presse-Agentur. Durch das Einatmen giftiger Dämpfe bei der Arbeit sei er krank gewesen. Das habe ihn zu seinen Taten getrieben, bei denen niemand schwer verletzt wurde. Erleichtert stellt Funke fest: «Ich bin froh, dass alles vorbei ist und das Leben seinen normalen Gang geht.» Auch die Schulden sei er inzwischen los, Einzelheiten könne er aber nicht nennen. Das Gericht hatte ihn zu Schadenersatz verurteilt.

Die Hamburger Kriminalpsychologin Claudia Brockmann, die damals in dem Fall mit ermittelte, beschrieb vor einiger Zeit im Magazin «Crime», wie ein taktisches Konzept entwickelt wurde, um «Dagobert» auch anhand seiner Persönlichkeit auf die Schliche zu kommen. «Wir wussten, dass er von seinen technischen Fähigkeiten überzeugt war.» Er sei bei seinen Planungen einsam gewesen und habe trotz der Bomben als der Gute dastehen wollen. Funke habe eine ausgeprägte Freude daran gehabt, die Polizei vorzuführen. Doch er sei eingekreist worden. Zum Schluss habe man sich auf Telefonzellen konzentriert - und in einer Telefonzelle wurde «Dagobert» schließlich festgenommen.

Beim Neuanfang hätten ihm seine vielen Interessen geholfen, sinniert der geläuterte Erpresser. «Ich habe im Gefängnis gelesen, was ich immer schon lesen wollte.» Augenzwinkernd setzt er hinzu: «Angefangen habe ich mit "Schuld und Sühne" von Dostojewski.» Und noch in Haft kam dann die Anfrage des «Eulenspiegels», ob er für das Satiremagazin zeichnen wolle.

Er wollte, und das ist bis heute so geblieben. Auf dem aktuellen Titelbild hat er die britische Premierministerin Theresa May nach «Malle» (Insel Mallorca) geschickt. «Man bekommt noch Geld dafür, dass man Politiker vera...», sagt der Zeichner lachend.

Der Mann, der sich wohl vorläufig nicht zur Ruhe setzen wird, kommt auf sein nächstes Projekt zu sprechen. Bis zum 70. Geburtstag soll ein neues Buch fertig werden. «Man lebt ja nicht ewig, die Reihen lichten sich schon», meint Funke ironisch. Mülleimer runtertragen, lesen, politische Diskussionen verfolgen, sich fit halten - er werde ständig abgelenkt. Das Joggen klappe mittlerweile wegen mehrerer Stents nicht mehr so gut.

Aber seine selbst entworfene 3-D-Kamera sei fertig, erzählt der stolze Tüftler. Wandern mit Zelt und Rucksack in Norwegen würde er gern, aber seine Frau befürchte, dass er mit Bänderriss oder dicker Wade zurückkomme, klagt Funke nicht ganz ernst. Im Sommer soll es in Weimar eine neue Ausstellung mit seinen Karikaturen geben. Eine ganze Giebelwand würde er auch mal gern bemalen.

Für das neue Buch «mit gesellschaftskritischen Ansätzen» sinniert der Satiriker auch darüber, wie ein Geschlechtertausch in arabischen Ländern wäre und Männer plötzlich verschleiert herumlaufen müssten und nicht Fahrradfahren dürften. «Das kommt einem ja dann noch absurder vor», freut er sich. Auch die Schwarze Witwe könnte eine Rolle spielen: Die Spinnenfrau frisst nach der Paarung das Männchen.

Jungen Menschen will Funke keine Ratschläge erteilen. «Wenn ich als alter Mann was sage, hört keiner hin», ist er überzeugt. Vielmehr sei wichtig: Die Gesellschaft müsse mehr tun, um Jugendliche von der Straße zu holen und gegen Bildungsdefizite angehen. Auf der anderen Seite gebe es engagierte junge Menschen, die gegen den Klimawandel demonstrierten.

Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
14:02 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Araber Arno Funke Bücher Cartoon Deutsche Presseagentur Erpresser Erpressung Freizeitradsport Justizvollzugsanstalten Karikaturistinnen und Karikaturisten Kaufhaus des Westens Polizei Theresa May Verbrechen und Kriminalität Wandern
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Lügde-Prozess

05.09.2019

Hohe Haftstrafen und Sicherungsverwahrung im Lügde-Prozess

«Abscheulich, monströs, widerwärtig»: Zwei Männer haben auf einem Campingplatz jahrelang und Hunderte Male Kinder vergewaltigt. Dafür müssen sie nun viele Jahre ins Gefängnis. Auch danach soll die Allgemeinheit vor ihnen... » mehr

Mohammed bin Salman

30.09.2019

Kronprinz übernimmt Verantwortung für Khashoggi-Mord

Verantwortlich, aber nicht schuldig? Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman spricht über die Ermordung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi. Er übernimmt Verantwortung, will von dem Verbrechen aber ... » mehr

Saudischer Kronprinz

30.09.2019

Riad warnt vor weiterer Eskalation im Iran-Konflikt

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman fordert die internationale Gemeinschaft zu einem entschlossenen Vorgehen gegen den Iran auf. Ansonsten drohe Eskalation. » mehr

Clauvino da Silva

05.08.2019

Drogenhändler wollte als Frau aus Gefängnis in Rio fliehen

73 Jahre hinter Gittern? Das erschien dem Brasilianer Clauvino da Silva dann doch als etwas lang. Und wäre es rein nach der Optik gegangen, wäre sein Fluchtplan möglicherweise aufgegangen. » mehr

Angehörige vor brasilianischem Gefängnis

30.07.2019

Dutzende Tote bei Kämpfen in brasilianischem Gefängnis

Die Haftanstalten im größten Land Lateinamerikas sind hoffnungslos überfüllt. Zudem haben hinter Gittern oft mächtige Gangs das Sagen. Revierkämpfe zwischen zwei verfeindeten Banden enden im Norden des Landes nun in eine... » mehr

Beratungen zu Flüchtlingspakt in Ankara

03.10.2019

Seehofer in der Türkei: Abkommen mit der Türkei stärken

Die Probleme sind groß, die Zeit kurz: Nur einen Abend und einen Morgen hat Horst Seehofer in der Türkei für Diskussionen rund um den wackelnden Flüchtlingspakt. Er beginnt ihn mit dem Versuch, die Wogen zu glätten. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Gallus-Kirchweih in Küps

Gallus-Kirchweih in Küps | 22.10.2019 Küps
» 25 Bilder ansehen

25 Jahre Eigenständigkeit Untermerzbach

25 Jahre Eigenständigkeit Untermerzbach | 21.10.2019 Untermerzbach
» 13 Bilder ansehen

Ausstellung "Bunte Palette" Steinwiesen

Ausstellung "Bunte Palette" | 20.10.2019 Steinwiesen
» 32 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
14:02 Uhr



^