Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Brennpunkte

Warum an Wochenenden mehr Menschen im Krankenhaus sterben

Aussuchen kann man es sich meist nicht, doch klar ist: Am Wochenende aufgenommene Patienten haben in Kliniken oft ein höheres Sterberisiko. Dass wie häufig angenommen eine schlechtere Versorgung die Hauptursache ist, bezweifeln Experten nun.



Notaufnahme
Ein Patient wird durch Sanitäter direkt in die Notaufnahme gebracht.   Foto: Andreas Arnold/Illustration

Am Wochenende aufgenommene Klinikpatienten haben ein höheres Risiko zu sterben. Das haben zahlreiche Studien in den vergangenen Jahren für verschiedene Länder gezeigt.

Dieser Wochenendeffekt wird vor allem auf eine schlechtere Versorgung in Kliniken an Samstagen und Sonntagen zurückgeführt - Experten zweifeln das nun in einer neuen Analyse an.

Das britische Forscherteam hatte Studien zum Wochenendeffekt aus verschiedenen Ländern überprüft. Aus den Daten lasse sich keine klare Ursache für die höhere Sterblichkeitsrate ableiten, schließen sie im Fachmagazin «BMJ Open». Erforscht werden müsse vor allem, ob Menschen, die am Wochenende in die Notaufnahme kommen, im Mittel schwerer erkrankt sind als die unter der Woche.

Versorgungsqualität

Deutsche Experten allerdings halten die Versorgungsqualität weiter für entscheidend. Wissenschaftliche Nachweise für den Wochenendeffekt gibt es hierzulande zwar nicht, Experten gehen aber davon aus, dass er ebenfalls eine Rolle spielt. Die schlechtere Personalstruktur am Wochenende sei offensichtlich, sagte Anna Slagman, Professorin für notfallmedizinische Versorgungsforschung an der Charité Berlin.

Wenn dann an Wochenenden zudem Patienten mit schwerwiegenderen Krankheiten kämen, wie die Forscher der Studie es annehmen, verstärke dies das Problem, so Slagman. «Natürlich besteht die Möglichkeit, dass Patienten am Wochenende vielleicht länger abwarten, bevor sie in die Notaufnahme gehen. Aber gerade vor dem Hintergrund, dass diese Patienten eine schlechtere Prognose haben, müssen wir mit der entsprechenden Versorgung darauf reagieren können.»

Auch Ruth Hecker, Stellvertretende Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, wies auf Versorgungsdefizite an Samstagen und Sonntagen hin. «Es arbeiten ja vor allen Dingen junge Ärzte am Wochenende, häufig genug stehen die Fachärzte nur als Rufdienst zur Verfügung und es stehen auch weniger OP- und andere diagnostische Ressourcen zur Verfügung.» Die Politik habe bereits einiges getan, um Personal und Ressourcen zu stärken, der Stand von Wochentagen sei aber nicht erreicht, so Hecker.

Der Wochenendeffekt

Yen-Fu Chen von der University of Warwick und sein Team hatten für ihre Analyse die Daten von 68 Studien zum Wochenendeffekt berücksichtigt. Diese wurden zwischen 2000 und 2017 größtenteils in den USA und Großbritannien durchgeführt. Insgesamt waren darin 640 Millionen Krankenhausaufenthalte an Wochenenden erfasst. Der Wochenendeffekt bestätigte sich: Die Wahrscheinlichkeit zu sterben lag bei dann aufgenommenen Patienten um 16 Prozent höher als an Werktagen.

Die Daten zeigten aber große Unterschiede abhängig davon, aus welchem Grund die Patienten ins Krankenhaus kamen. So war zum Beispiel für Schwangere kaum ein Wochenendeffekt nachweisbar, bei geplanten Operationen zeigte er sich hingegen sehr stark. Eine andere Studie, die an der Aston University durchgeführt wurde, zeigt aktuell, dass der Wochenendeffekt nicht bei Patienten auftrat, die mit einem Kreislaufstillstand eingeliefert wurden.

Die Forscher um Chen warnen davor, die höhere Sterblichkeitsrate allein mit schlechterer Versorgung zu erklären. Dagegen spreche zum einen, dass nicht alle Patientengruppen betroffen seien, zum anderem reiche die Datenlage nicht aus. So sei in kaum einer Studie mit untersucht worden, wie viel Personal vor Ort war und mit welchem Gesundheitszustand die Patienten ins Krankenhaus kamen.

Unterschiedliche Profile

«Es werden weniger Patienten am Wochenende in Krankenhaus aufgenommen und ihre Profile unterscheiden sich von denen, die unter der Woche kommen: Sie sind kränker und mehr von ihnen werden intensivmedizinisch behandelt», so Julian Bion, Co-Autor der Studie. Auch sei es wahrscheinlich, dass komplizierte Operationen öfter für das Wochenende geplant werden, so die Forscher.

Um den Wochenendeffekt zu ergründen und geeignete Maßnahmen dagegen zu ergreifen, müsse auch die Krankheitsgeschichte einbezogen werden, so die Autoren. Zum Beispiel können viele Patienten am Wochenende keinen niedergelassenen Arzt besuchen, bevor sie ins Krankenhaus kommen. «Die Krankenhaussterblichkeit ist ein Signal, aber es liegt im Dunkeln, wo es genau herkommt, und es ist unwahrscheinlich, dass es ein geeigneter Maßstab für die Versorgungsqualität während des Aufenthalts ist», so Erstautor Yen-Fu Chen.

Die Forscher möchten mit den Ergebnissen auch Ängste von Patienten entkräften: «Im Endeffekt sollte niemand, der am Wochenende erkrankt, davor zurückschrecken, ins Krankenhaus zu gehen oder das aufschieben», so Bion.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 06. 2019
08:58 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arztpraxen Daten und Datentechnik Intensivmedizin Kranke Krankenhauspatienten Krankenhäuser und Kliniken Notfallmedizin Patienten Professoren University of Warwick Ärzte
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Pflegekräfte

11.09.2019

Untergrenzen für Pflegekräfte in Kliniken werden erweitert

Die Personalnot in der Pflege macht auch Kliniken zu schaffen. Doch um wie viele Patienten können sich Mitarbeiter überhaupt kümmern? Die Regierung will Untergrenzen ausweiten - unumstritten ist das nicht. » mehr

Klinikum

15.07.2019

Bessere Versorgung durch weniger Krankenhäuser?

Sind kleine Krankenhäuser ein Risiko für die Patienten? Fachleute sehen das so. In einer Studie für die Bertelsmann Stiftung melden sie sich mit einem radikalen Vorschlag zu Wort. » mehr

Universitätsklinikum

24.06.2019

Arzt soll Kinder an Uni-Klinik missbraucht haben

Ein zurückliegender Fall von möglichem Kindesmissbrauch erschüttert die Uni-Klinik des Saarlandes. Gegen einen Arzt wurde ermittelt, weil er Behandlungen von Kindern dazu genutzt haben soll. Die Eltern der betroffenen Ki... » mehr

Arztpraxis

21.06.2019

Häufig beim Doktor? Ärztepräsident fordert Selbstbeteiligung

Gehen die Menschen in Deutschland zu oft zum Arzt? Der Ärztepräsident meint, es gebe viele unnötige Arztbesuche - und wartet mit einem umstrittenen Vorschlag auf, dies zu ändern. » mehr

Masern-Impfpflicht

18.10.2019

Kinderärzte unterstützen geplante Masern-Impfpflicht

Um Masern-Infektionen rigoroser einzudämmen, soll eine Impfpflicht für Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen kommen. Dazu starten nun die Beratungen im Bundestag. Mediziner fordern zusätzliche Instrumente. » mehr

Klinikärzte streiken in Frankfurt am Main

10.04.2019

Tausende Ärzte an kommunalen Kliniken im Warnstreik

Protest in weißen Arztkitteln: Mehrere Tausend Klinikärzte aus ganz Deutschland haben während eines eintägigen Warnstreiks in Frankfurt demonstriert. Ihnen geht es vor allem um den Bereitschaftsdienst. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Gallus-Kirchweih in Küps

Gallus-Kirchweih in Küps | 22.10.2019 Küps
» 25 Bilder ansehen

25 Jahre Eigenständigkeit Untermerzbach

25 Jahre Eigenständigkeit Untermerzbach | 21.10.2019 Untermerzbach
» 13 Bilder ansehen

Ausstellung "Bunte Palette" Steinwiesen

Ausstellung "Bunte Palette" | 20.10.2019 Steinwiesen
» 32 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 06. 2019
08:58 Uhr



^