Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Brennpunkte

Wer wusste von Högels Morden? Anklage gegen Ex-Vorgesetzte

Jahrelang spritzte Niels Högel Patienten zu Tode - und niemand informierte die Polizei. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ehemalige Führungskräfte des Klinikums Oldenburg sehr wohl wussten, welche Gefahr von dem Krankenpfleger ausging.



Klinikum Oldenburg
Wegen Totschlags durch Unterlassen hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg fünf ehemalige Vorgesetzte von Niels Högel am Oldenburger Klinikum angeklagt.   Foto: Hauke-Christian Dittrich

Die juristische Aufarbeitung der wahrscheinlich größten Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte geht weiter.

Knapp vier Monate nach dem Urteil gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel wegen 85 Morden hat die Oldenburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen fünf frühere und aktuelle Führungskräfte des Klinikums Oldenburg erhoben. Sie wirft vier Männern und einer Frau Totschlag durch Unterlassen vor, wie ein Sprecher der Behörde am Donnerstag sagte.

Zu den Beschuldigten gehören ein früherer Geschäftsführer, eine ehemalige Pflegedirektorin und ein früherer Chefarzt. Diese arbeiten nicht mehr in dem Krankenhaus. Außerdem sollen sich zwei aktuelle Führungskräfte des Klinikums vor Gericht verantworten. Diese beiden Männer wurden bis auf weiteres freigestellt, wie eine Sprecherin des Klinikums sagte. Dies geschehe auch zu deren Schutz: «Das Klinikum versteht diese Maßnahme nicht als Vorverurteilung der betroffenen Personen. Die Gerichte werden klären, ob und in welcher Form eine strafrechtliche Verantwortlichkeit vorliegt.»

Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Geschäftsführer des

Klinikums und der ehemaligen Pflegedirektorin Totschlag durch Unterlassen in 63 Fällen vor. Einem weiteren Beschuldigten werden 60 Fälle zur Last gelegt. Die beiden anderen sollen sich laut Anklage in drei Fällen wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten. Über die Anklage hatte zuvor die «Nordwest-Zeitung» berichtet.

Högel hat vom Jahr 2000 bis 2005 Intensiv-Patienten in Oldenburg und Delmenhorst mit Medikamenten zu Tode gespritzt. Viele brachte er in lebensbedrohliche Lagen, um bei der Reanimierung Lob von Kollegen zu bekommen. Anfang Juni verurteilte das Landgericht Oldenburg den Deutschen zu lebenslanger Haft. Der 42-Jährige hat gegen das Urteil Revision eingelegt. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofs dazu wird 2020 erwartet. Högel wurde schon mehrfach verurteilt, 2015 unter anderem wegen zweifachen Mordes an Patienten zu lebenslanger Haft.

Die Frage, warum der Krankenpfleger ungehindert morden konnte, steht seit langem im Raum. Viele Beobachter des Prozesses fragten sich, ob es im Klinikum Oldenburg eine Mentalität des Wegschauens gab.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg will nun damalige Vorgesetzte Högels vor Gericht stellen. Sie geht davon aus, dass vier der Beschuldigten spätestens ab Ende Oktober 2001 erkannten, dass von dem damaligen Krankenpfleger Gefahr ausging. Demnach soll es eine intern erstellte Liste gegeben haben, aus der hervorging, dass es in Anwesenheit des Pflegers übermäßig viele Todesfälle nach Reanimationen gab.

Laut Anklage meldeten sich die Führungskräfte nicht bei der Polizei, weil sie sich um ihren Ruf und das Ansehen des Klinikums sorgten.

Nachdem es auch auf der Anästhesiestation zu Auffälligkeiten kam, sollen drei der Beschuldigten dafür gesorgt haben, dass Högel freigestellt wurde und das Klinikum mit einem guten Zeugnis verlassen konnte. Laut Anklage haben die Führungskräfte dem Mann ermöglicht, in Delmenhorst zu arbeiten. Die Staatsanwaltschaft kommt daher zu dem Schluss, dass die drei Beschuldigten auch für die 60 Morde beziehungsweise Mordversuche in Delmenhorst wegen Totschlags durch Unterlassen verantwortlich sind.

Wann das Landgericht über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheidet, war unklar. Totschlag durch Unterlassen wird mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 5 und höchstens 15 Jahren bestraft. Der Prozess wird kaum der einzige bleiben, in dem sich Ex-Kollegen Högels verantworten müssen. Vier frühere Mitarbeiter der Klinik Delmenhorst sind auch wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
26. 09. 2019
14:46 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Chefärzte Krankenhäuser und Kliniken Krankenpfleger Landgericht Oldenburg Mord Mordversuche Niels Högel Polizei Staatsanwaltschaft Totschlag Öffentliche Behörden
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Niels Högel

06.06.2019

Lebenslange Haft für Serienmörder Niels Högel

Die Mordserie dürfte die größte der deutschen Nachkriegsgeschichte sein. Ex-Pfleger Niels Högel tötete so viele Patienten, dass er sich selbst längst nicht an alle erinnern können will. Mit dem Urteil gegen ihn ist der F... » mehr

Landgericht Oldenburg

16.05.2019

Anklage will lebenslang für Patientenmörder Högel

Die Liste der mutmaßlichen Todesopfer von Högel ist lang. An die meisten Morde kann er sich nicht mehr erinnern. Doch die Staatsanwaltschaft legt ihm die grausame Rechnung vor, auf der 97 Morde stehen. » mehr

Niels Högel

05.06.2019

Späte Reue: Patientenmörder Högel bittet um Entschuldigung

Auch die Verteidigung fordert Lebenslang für den Patientenmörder Högel. Sie kann nicht anders. Zu klar sind Beweise und Geständnisse. Doch ging es bei dem Prozess nie in erster Linie um das Strafmaß. » mehr

Walter Lübcke

26.07.2019

Fall Lübcke: Stephan E. soll Asylbewerber attackiert haben

Der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke wird von den Behörden auch verdächtigt, im Jahr 2016 einen Asylbewerber verletzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem ungelösten Fall. » mehr

Nach Attacke im Frankfurter Hauptbahnhof

29.08.2019

Tödliche Gleisattacke: Tatverdächtiger kommt in Psychiatrie

Die Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof, bei der ein kleiner Junge ums Leben kam, sorgte für Entsetzen. Jetzt muss der Tatverdächtige in die Psychiatrie. Er sei eine «Gefahr für die Allgemeinheit». » mehr

Rocker-Prozess in Berlin

02.10.2019

Lebenslange Haft für Hells Angels - Revierkämpfe befürchtet

In einem der bundesweit größten Rocker-Prozesse werden in Berlin acht Männer zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Schuldsprüche sind noch nicht rechtskräftig - und die Organisierte Kriminalität noch lange nicht bekämpft. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Rathaussturm Coburg Coburg

Rathaussturm in Coburg | 16.11.2019 Coburg
» 41 Bilder ansehen

Viva Voce in Coburg

Viva Voce in Coburg | 15.11.2019 Coburg
» 27 Bilder ansehen

Schwerer Unfall bei Ebensfeld Ebensfeld

Schwerer Unfall in Ebensfeld | 14.11.2019 Ebensfeld
» 9 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
26. 09. 2019
14:46 Uhr



^