Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Faktencheck

Gerüchte und Wahrheiten zur Masernimpfung

Soll ich mein Kind gegen Masern impfen lassen? Diese Entscheidung will der Bundestag Eltern mit einer Pflicht beim Besuch von Kindergärten und Schulen abnehmen. Viele sind trotzdem verunsichert. Einige Fakten für den Durchblick.



Impfung
In diesem Jahr sind in Deutschland bisher 501 Menschen an Masern erkrankt.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archivbild

Mit einer Impfpflicht in Kindergärten und Schulen sollen Masern-Erkrankungen in Deutschland im kommenden Jahr stärker eingedämmt werden. Der Bundestag beschloss am Donnerstag ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Denn mancherorts sind zu wenige Kinder immunisiert. Doch auch bei Erwachsenen gibt es Impflücken. Geht es ums Masern, wird es auch schnell emotional. Argumente von Impfbefürworten treffen auf Äußerungen von Impfgegnern. Was stimmt und was stimmt nicht?

BEHAUPTUNG: Masern muss man durchmachen, das stärkt auch den Körper.

BEWERTUNG: Das ist falsch.

FAKTEN: Masern sind keinesfalls harmlos. Ein Drittel bis zur Hälfte der Fälle, die bisher an das Robert Koch-Institut gemeldet wurden, mussten im Krankenhaus behandelt werden. Denn Masernviren unterdrücken die Immunabwehr, so dass andere Krankheitserreger zum Zug kommen und zum Beispiel eine Lungenentzündung verursachen können. Pro Jahr werden in Deutschland laut Gesundheitsberichterstattung durchschnittlich 4 bis 7 Todesfälle registriert, die auf eine Maserninfektion zurückzuführen sind. Vor Einführung der Impfung wurden in Deutschland um die 100 Todesfälle pro Jahr registriert.

BEHAUPTUNG: Sein Kind impfen zu lassen, hilft der Gesellschaft.

BEWERTUNG: Das stimmt.

FAKTEN: Der Gemeinschaftsschutz, die sogenannte Herdenimmunität, ist nach Angaben auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts (RKI) ein wichtiger Vorteil beim Impfen. Ein Mensch schütze auch mit einer Masernimpfung nicht nur sich selbst, sondern indirekt auch die anderen. Wenn ausreichend viele Menschen gegen Masern geimpft seien, könne sich der Erreger nicht mehr in der Bevölkerung verbreiten.

Erst dann seien auch Säuglinge oder Schwangere geschützt, die zum Beispiel nicht gegen Masern geimpft werden können. Noch ist das nicht der Fall. Die Impflücken bei Masern sind nach Angaben des RKI weiterhin zu groß. Zwar haben nach den jüngsten Zahlen für 2017 rund 97 Prozent der Schulanfänger die erste Impfung bekommen.

Aber bei der entscheidenden zweiten Masernimpfung wird auf Bundesebene die gewünschte Impfquote von 95 Prozent noch immer nicht erreicht. Sie liegt bei rund 93 Prozent. 2018 registrierte das RKI 543 Masernerkrankungen, im laufenden Jahr sind es bereits mehr als 300 Fälle. Fast die Hälfte der Erkrankten sind junge Erwachsene. «Das weist auf die großen Impflücken in diesen Altersgruppen hin», betont RKI-Präsident Lothar Wieler.

BEHAUPTUNG: Wenn man sich gegen Masern impfen lässt, kann man erst recht krank werden.

BEWERTUNG: Das ist selten, kann aber passieren.

FAKTEN: Eine Masern-Impfung enthält einen Lebendimpfstoff, der eine abgeschwächte Variante des Erregers enthält. «Dieser Erreger kann sich begrenzt vermehren», sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Die Infektionskrankheit selbst, die Masern, könne er aber nicht mehr auslösen.

Bei der Impfung gegen die Masern gebe es jedoch eine Besonderheit. So zeigten etwa 5 bis 15 Prozent der Geimpften besonders nach der ersten Masern-Immunisierung eine Reaktion mit mäßigem Fieber, flüchtigem Ausschlag und Symptomen im Bereich der Atemwege, gelegentlich begleitet von einem maserntypischen Ausschlag. Meist passiere das in der zweiten Woche nach der Impfung. Diese Reaktion wird als «Impfmasern» bezeichnet.

Diese seien aber nicht ansteckend und verursachten nur milde Symptome, die von selbst abklingen, ergänzte Cichutek. Im Vergleich zu den Spätfolgen von echten Masern, die in seltenen Fällen auch zum Tod von Kindern führen können, seien die Impfmasern unangenehm, aber nicht gefährlich.

BEHAUPTUNG: Eine Masern-Impfung kann Autismus verursachen.

BEWERTUNG: Das ist falsch.

FAKTEN: «Das Gerücht, insbesondere die Masernimpfung könne Autismus verursachen, geht auf eine Untersuchung an nur zwölf Kindern zurück», sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Die Studie eines britischen Arztes sei jedoch methodisch so fehlerhaft gewesen, dass das Fachmagazin «The Lancet» die Veröffentlichung aus dem Jahr 1998 im Jahr 2011 zurückgezogen habe. Der Autor hat seine Zulassung als Arzt in Großbritannien verloren. Unter anderem, weil ihm Interessenkonflikte nachgewiesen worden seien. «Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Impfstoffen und Autismus», betonte Cichutek.

BEHAUPTUNG: Wenn Frauen vor einer Schwangerschaft gegen Masern geimpft sind, schützt das auch ihr Baby.

BEWERTUNG: Das gilt mit Einschränkungen.

FAKTEN: Vor der Geburt werden schützende Antikörper von der Mutter auf das Kind übertragen. Neugeborene haben damit laut den Internetseiten des Robert Koch-Instituts gegen diese Erreger einen gewissen Schutz. Stillen unterstütze diesen Nestschutz. Bei Krankheiten wie Masern stimuliere die Impfung das Immunsystem der Mutter allerdings weniger stark als eine frühere natürliche Infektion.

BEHAUPTUNG: Eine Masern-Impfung belastet das Immunsystem von kleinen Kindern viel zu stark, weil es noch nicht voll ausgereift ist.

BEWERTUNG: Das ist falsch.

FAKTEN: «Das Immunsystem von kleinen Kindern ist dafür ausgerüstet, sich mit Krankheitserregern auseinanderzusetzen», sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Immunsystem des Menschen entwickle sich durch Training. «Dieses Training sollte so früh wie möglich beginnen, und zwar mit einem ungefährlichen Trainingspartner», ergänzt er. Im Fall der Masern sei der empfohlene Zeitpunkt ungefähr nach zwölf Monaten, in Ausnahmefällen auch schon nach neun Monaten. Echte Krankheitserreger seien ohne ein trainiertes Immunsystem sehr gefährlich, zum Teil lebensgefährlich.

BEHAUPTUNG: Die Masern-Impfung kann auch vor bestimmten anderen Krankheiten oder Folgeerscheinungen schützen.

BEWERTUNG: Das ist richtig.

FAKTEN: Impfungen können nach den Erkenntnissen des Robert Koch-Instituts nicht nur vor der Erkrankung selbst, sondern auch vor Komplikationen und Folgeerscheinungen schützen. Bei Masern werden Hirnhautentzündungen vermieden, die durch Masernviren ausgelöst werden. Oder Lungenentzündungen, die entstehen können, wenn Masernviren das Immunsystem für eine gewisse Zeit schwächen.

BEHAUPTUNG: Eine Masernimpfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz.

BEWERTUNG: Das ist richtig.

FAKTEN: Keine Impfung kann nach Angaben des Robert Koch-Instituts eine hundertprozentige Wirksamkeit garantieren. Die zweifache Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln verhindert jedoch bei 93 bis 99 Prozent der Geimpften den Ausbruch einer Erkrankung. Der kleine Piks führt bei erfolgreich Geimpften in der Regel zu lebenslanger Immunität. Dafür spricht auch, dass relevante Masernausbrüche unter Geimpften bisher nicht aufgetreten sind. Der überwiegende Anteil der Masernfälle in Deutschland betrifft Ungeimpfte und Menschen, die nur eine Masernimpfung erhielten.

Veröffentlicht am:
14. 11. 2019
15:31 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
CDU Deutscher Bundestag Immunsystem Impfungen Infektionskrankheiten Jens Spahn Masern Masern-Impfungen Mütter Neugeborene Robert-Koch-Institut Schwangere Stillen Säuglinge und Kleinkinder
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Impfspritze

23.04.2019

Faktencheck: Gerüchte und Wahrheiten zum Thema Impfen

Soll ich mein Kind impfen? Viele Eltern sind durch Debatten im Netz oder in der Kita verunsichert. Einige Fakten für den Durchblick. » mehr

Erkältungssaison

16.10.2019

«Zieh' dich warm an» - Erkältungsmythen am Prüfstand

Es geht wieder los, die Erkältungssaison beginnt. Vielerorts wird geniest und gehustet. Jeder will sich die Krankheit möglichst ersparen. Dafür gibt es unzählige Tipps - die nicht alle helfen. » mehr

Milchindustrie

26.05.2019

Faktencheck: Kann Milch Krebs verursachen?

Als Joghurt, Käse oder pur: Kuhmilch kommt bei vielen Menschen täglich auf den Tisch. Jetzt warnen manche Forscher: Milch ist krebserregend. Andere halten das für Quark. Ein Faktencheck. » mehr

Umstrittene AfD-Studie präsentiert

19.11.2019

Fakten statt Fake News? - Umstrittene AfD-Studie präsentiert

«Alternative Fakten» wurde zum Unwort des Jahres 2017 gewählt. Experten sagen: Fake News und Verschwörungstheorien haben heute Hochkonjunktur. Die AfD hat jetzt eine umstrittene Faktensammlung veröffentlicht. » mehr

Baden im Freibad

24.06.2019

Chlorgeruch im Schwimmbad: Kein Zeichen von Sauberkeit

Es ist Sommer, mit Freude stürzen wir uns in die kühlen Fluten von Hallen- oder Freibad. Der typische Schwimmbadgeruch stört die Wenigsten - denn die Mehrheit weiß nicht, was dahinter steckt. » mehr

Klimawandel

29.11.2019

Das Ozonloch haben wir im Griff - den Klimawandel also auch?

Als das Ozonloch entdeckt wurde, war die Bedrohung für die Menschheit konkret und akut. Die Politik reagierte schnell - mit Erfolg. Das müsste doch auch für die Erderwärmung funktionieren, denken manche. » mehr

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
14. 11. 2019
15:31 Uhr



^