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Löw spürt Zeitnot - Weg in Weltspitze «nicht so einfach»

Der Druck war dem jungen deutschen Team in Belfast anzumerken. Das 2:0 gegen hartnäckige Nordiren löst vor allem Erleichterung aus. Der Bundestrainer benennt die Probleme, schwärmt von «Zielspieler» Gnabry und muss bei der zentralen Zukunftsfrage mit einer Antwort passen.



Auswärtssieg
Kai Havertz, Serge Gnabry und Joshua Kimmich (l-r) feiern Gnabrys Treffer zum 2:0.   Foto: Christian Charisius

Nach einer kurzen Nacht konnte ein nachdenklich gewordener Joachim Löw mit seinen lernwilligen EM-Azubis planmäßig den Heimflug aus Belfast antreten.

Vom Pilotenstreik bei British Airways, der den Flugbetrieb im Königreich erheblich beeinträchtigte, wurde die DFB-Delegation dank ihrer Sondermaschine nicht aufgehalten. Planmäßig war auch der zähe Fußballabend gegen aufsässige Nordiren verlaufen, wenn man die laut Löw «sehr intensiven, sehr schwierigen 90 Minuten» auf das Wesentliche reduziert.

«Am Ende zählen drei Punkte in der Quali, das haben wir erreicht. Von daher können wir zufrieden sein», sagte Löw im kleinen Pressesaal des Windsor Parks. Das Problem: Zufriedenheit strahlte er bei den Worten nicht aus.

Der Start in die EM-Saison mit dem 2:4-Rückschlag gegen Holland und dem Arbeitssieg in Belfast hat Zweifel am raschen Reifen zu einer starken Turniermannschaft gesät, auch wenn Marco Reus betonte: «Wir haben einen wichtigen Schritt getan.» Als Tabellenführer geht das DFB-Team (12 Punkte) in den finalen Dreikampf mit den Nordiren (12) und den Niederlanden (9 Punkte, ein Spiel weniger) um zwei EM-Tickets. «Wir haben nicht gesagt, dass wir mit dieser jungen Mannschaft jetzt jeden Gegner weghauen», erklärte der erfahrene Dortmunder Reus.

Die Woche war für die größtenteils unerfahrene Umbruch-Generation ein weiterer wertvoller Lernschritt. «Das war ein ganz wichtiges Spiel für uns. Es war schon zu merken, dass wir unter Druck standen», sagte Kapitän Manuel Neuer, der wieder als Rückhalt im Tor gefordert war.

«Wir mussten einige Schwierigkeiten überwinden in diesem Spiel», gestand auch Löw ein. Die Souveränität fehlte. Die Leichtigkeit. Am Anfang auch der Behauptungswille gegen körperlich robuste Nordiren, die «sehr mutig» (Löw) angriffen. Erst das Premierentor von Marcel Halstenberg im Nationaltrikot löste die Bremse etwas. Serge Gnabry beseitigte in der Nachspielzeit mit dem 2:0 die Restzweifel am Sieg.

Hinterher war ein sehr analytischer Bundestrainer zu erleben. Löw spürt, dass er beim Neuaufbau einer turniertauglichen Teams in Zeitnot geraten könnte. Die zahlreichen Ausfälle von Leroy Sané bis Ilkay Gündogan und dadurch erzwungene Umstellungen behindern die Entwicklung, wie er mehrfach hervorhob. «Man hat in manchen Phasen gesehen, dass die Mannschaft so noch nicht zusammengespielt hat. Kontinuität und Eingespieltsein sind wichtig für die Zukunft. So einfach, wie das manche denken, so einfach geht es halt auch nicht.»

Auf die zentrale Frage wusste der Weltmeistercoach von 2014 auch keine Antwort. Reicht die Zeit, um schon 2020 wieder zur erweiterten Weltspitze zu gehören? «Der Weg in die Spitze ist kein einfaches Unterfangen. Wir haben noch einige Monate Zeit und noch einige Länderspiele. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wo wir stehen. Das kann ich jetzt auch nicht sagen. Holland hat auch drei Jahre mit der aktuellen Mannschaft gebraucht. Da müssen wir noch hinkommen.»

Drei Jahre also? WM 2022 statt EM 2020? Das Potenzial sei schon vorhanden, meinte Löw, etwa mit Blick auf noch nicht ausgereifte Ausnahmetalente wie Kai Havertz. «Bei einem Turnier hängt es von vielen Faktoren ab. Wenn wir komplett sind, haben wir schon eine sehr gute Mannschaft», erklärte Löw. In der Aussage steckt das Problem. Permanent brechen wichtige Akteure weg, nicht nur ein Leroy Sané.

Immer wieder zählte Löw in Belfast die Namen der Fehlenden auf, von Gündogan über Goretzka bis hin zu Draxler oder Rüdiger. «Einspielen ist bei einer jungen Mannschaft schon die Priorität. Wir müssen in allen Mannschaftsteilen die Automatismen schärfen», sagte Löw zur zentralen Aufgabe in den kommenden Monaten und Länderspielen.

Beim Nahziel sieht es immerhin wieder gut aus. «Ich sehe uns in der Gruppe absolut auf Kurs, dass wir uns qualifizieren», erklärte Toni Kroos. Aber auch in Belfast war neben dem wieder stark haltenden Neuer (33) kein genuiner Anführer auf dem Platz vorhanden. Neben Neuer erwartet Löw auch von den erfahrenen Kroos (29) und Reus (30) sowie Juniorchef Joshua Kimmich (24) mehr Führungsstärke. «Klar, die müssen Führungsaufgaben übernehmen», sagte der Bundestrainer.

Immerhin hat sich einer gefunden, der den bis ins Frühjahr 2020 fehlenden Sané als Erfolgsgarant im Angriff ersetzt. «Gnabry spielt immer», hatte Löw schon vor dem Holland-Spiel gesagt. Die Begründung lieferte der Bayern-Profi in beiden Spielen. «Seine Quote bei uns ist überragend: Zehntes Spiel, neuntes Tor», schwärmte Löw. «Aber der Serge ist nicht nur deswegen so wertvoll.» Gnabry sei ein «schlau» agierender «Zielspieler» im Angriff, der viele Qualitäten in sich vereine. «Und darum ist er momentan vorne gesetzt», sagte Löw.

Der Bundestrainer hat mit seinem Stab viele Erkenntnisse aufzuarbeiten bis zum Test gegen Argentinien und der nächsten Quali-Aufgabe in Estland im Oktober. Für die Spieler stehen zunächst intensive Wochen in ihren nationalen Ligen und der Champions League an. Real-Profi Kroos benannte die zentrale Erkenntnis, die er mitnahm nach Madrid: «Dass wir gut sind, aber noch nicht gut genug!»

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dpa

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Veröffentlicht am:
10. 09. 2019
12:27 Uhr

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10. 09. 2019
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