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Laxe Schutzmaßnahmen? Kritik an britischer Regierung

Mit Premierminister Johnson, Gesundheitsminister Hancock und dem obersten medizinischen Berater Whitty müssen sich die wichtigsten Figuren im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie in Selbstisolation zurückziehen. Ist die Entscheidungsfähigkeit in London gefährdet?



Coronavirus - Großbritannien
Eine digitale Anzeigentafel an einer Autobahn appelliert an die Fahrer, möglichst zu Hause zu bleiben.   Foto: Andrew Milligan/PA Wire/dpa

Nach Bekanntwerden der Covid-19-Erkrankung des britischen Premierministers Boris Johnson und seines Gesundheitsministers Matt Hancock wächst die Kritik am Umgang der britischen Regierung mit dem Coronavirus-Ausbruch.

John Ashton, ein ehemaliger Regionaldirektor des Nationalen Gesundheitsdiensts NHS, warf der Regierung Trägheit vor. Das gelte sowohl für die Maßnahmen im Land als auch für deren persönliches Verhalten, beide seien «zu langsam» gewesen.

Die Zahl der Toten in dem Land stieg am Samstag auf 1019. Wie das Gesundheitsministerium in London mitteilte, starben seit Freitag 260 Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus.

Am Montag hatte der Premierminister nach langem Zögern eine Ausgangssperre verhängt und die Briten dazu aufgerufen, nur noch das Haus zu verlassen, wenn unbedingt notwendig. Doch noch am Mittwoch stellte sich Johnson im beengten Parlament den Fragen von Abgeordneten.

«Ich war überrascht, dass die Fragestunde abgehalten wurde - es war eindeutig unnötig», sagte Ashton dem «Guardian». Die «Financial Times» zitierte ein Kabinettsmitglied mit dem Vorwurf, einige Minister seien «sehr zögerlich» gewesen, die eigenen Ratschläge zur sozialen Distanz in die Praxis umzusetzen. Ein anderes Regierungsmitglied beschwerte sich der Zeitung zufolge, der Nationale Sicherheitsrat Cobra habe noch bis vor wenigen Tagen «zusammengepfercht» in einem abhörsicheren Sitzungsraum getagt.

Johnson hatte noch Anfang März geprahlt, er habe Menschen in einem Krankenhaus, darunter Covid-19-Patienten, die Hände geschüttelt. Das werde er auch weiterhin tun, sagte er damals. Die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie beschränkten sich zu diesem Zeitpunkt auf den Ratschlag, sich häufig und gründlich die Hände zu waschen.

Der Premierminister hatte angekündigt, von seiner Dienstwohnung aus in der Downing Street zu arbeiten. Seine Symptome seien mild, hatte er betont. Unklar ist, ob sich auch die schwangere Verlobte Johnsons, Carrie Symonds, angesteckt hat. Das gemeinsame Baby soll im Frühsommer auf die Welt kommen. Johnson ist zweimal geschieden und wohnt seit der Regierungsübernahme im vergangenen Juli mit der über 20 Jahre jüngeren Ex-Medienberaterin der Konservativen Partei im Amtssitz in der Londoner Downing Street. Von ihr muss er sich nun fernhalten. Das Essen und Regierungsdokumente werden dem Premierminister Berichten zufolge vor die Tür gelegt.

Neben Hancock hatte sich auch der oberste britische Berater in medizinischen Fragen, Chris Whitty, in Selbstisolation begeben. In London geht nun die Sorge um, dass die Entscheidungsfähigkeit der Regierung beeinträchtigt sein könnte, sollten noch weitere Kabinettsmitglieder infiziert sein. Vorsorgliche Tests weiterer Minister und Mitarbeiter soll es aber zunächst nicht geben. «Alle folgen den Ratschlägen der Gesundheitsbehörde», sagte ein Downing-Street-Sprecher auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die laute, sich in Selbstisolation zu begeben, sobald Symptome auftreten.

Sollte Johnson doch krankheitsbedingt ausfallen, müsste Berichten zufolge Außenminister Dominic Raab die Leitung der Regierung übernehmen. Es gibt jedoch Zweifel daran, ob er der Aufgabe gewachsen ist. Spekuliert wird daher bereits, ob Staatsminister Michael Gove oder Schatzkanzler Rishi Sunak einspringen könnten.

In London, Manchester und Birmingham wurden unterdessen begonnen, Konferenzzentren zu temporären Krankenhäusern umzubauen. Allein im Excel-Centre in der britischen Hauptstadt sollen 4000 Patienten behandelt werden können.

Die Regierung kündigte zudem an, ihre Testkapazitäten erheblich zu erweitern. Bislang wurden in Großbritannien nur rund 114 000 Menschen auf das Coronavirus getestet - weit weniger als beispielsweise in Deutschland. Vor allem Krankenhausmitarbeiter sollen bereits in den kommenden Tagen großflächig mit einem neu entwickelten Verfahren auf Antigene getestet werden.

Die für die Behandlung von Covid-19-Patienten dringend benötigten Beatmungsgeräte soll unter anderem das vor allem für Staubsauger bekannte Unternehmen Dyson herstellen. Die Regierung bestellte 10 000 Geräte. Doch wann sie tatsächlich einsatzbereit sein werden, war zunächst unklar. Bislang stehen in Großbritannien gerade einmal rund 8000 Geräte zur Verfügung. Weitere 5000 sollen in den kommenden Wochen hinzukommen.

Doch das dürfte bei Weitem nicht ausreichen. Auf dem Höhepunkt der Pandemie rechnet die Regierung einem BBC-Bericht zufolge mit einem Bedarf von 30 000 Geräten. Trotzdem nimmt Großbritannien an einem Beschaffungsverfahren der EU nicht teil - angeblich wegen Kommunikationsproblemen. Johnson soll bei einem Telefongespräch mit US-Präsidenten Donald Trump am Freitag um Hilfe gebeten haben. Noch vor der Begrüßung habe er gesagt: «Wir brauchen Beatmungsgeräte», berichtete Trump.

Veröffentlicht am:
28. 03. 2020
20:53 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
28. 03. 2020
20:53 Uhr



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