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Hintergründe

49 Stunden Angst

Nach dem Tod von Chérif Chekatt löst sich Straßburg aus der Schockstarre. Aber das Attentat wird Spuren hinterlassen.



Arno Schneider
«Ich bin froh, dass es vorbei ist.» - Augenzeuge Arno Schneider schaut auf den Ort, an dem Chérif Chekatt von Polizisten erschossen wurde.   Foto: Marijan Murat

Arno Schneider lebt seit Jahrzehnten an der Rue du Lazaret im Straßburger Viertel Neudorf, aber diese Nacht wird er nie vergessen. Der 78-Jährige liegt am frühen Donnerstagabend bereits im Bett, als ihn Schüsse aus dem Schlaf reißen.

«Tak-Tak-Tak», macht er die Geräusche nach. Schneider rennt zum Fenster, reißt die Rollläden hoch. «Alles voller Polizei», erzählt er, «und der Kerle lag da, völlig kaputt», fügt er in gebrochenem Deutsch hinzu. Der Mann mit den aufgeweckten Augen steht am Freitagmorgen in seiner Küche und zieht an seiner Zigarette. «Ich bin froh, dass es vorbei ist», sagt er. «Dann haben die Leute wieder ihre Ruhe.» Er hoffe aber, dass sowas nie wieder in Straßburg passiert.

Chérif Chekatt ist tot. Zwei Tage lang hat der 29-Jährige die französische und deutsche Polizei in Atem gehalten. Hunderte Polizisten suchten im deutsch-französischen Grenzgebiet nach dem Mann, der in der weihnachtlich geschmückten Straßburger Innenstadt am Dienstagabend das Feuer auf Passanten eröffnet hatte. Direkt vor der Wohnung von Arno Schneider starb der mutmaßliche Attentäter von Straßburg.

Vier Todesopfer forderte der blutige Terroranschlag. Ein Tourist aus Thailand, erst am Tag zuvor in der «Weihnachtshauptstadt» angekommen, wie sich Straßburg selbst nennt. Ein Franzose, der vor einem Restaurant auf seine Familie wartete. Ein Mann, der vor Jahren vor dem Krieg in Afghanistan geflohen war - er soll vor den Augen seiner Familie erschossen worden sein, wie die Regionalzeitung «Dernières Nouvelles d'Alsace» schreibt. Am Freitag bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass es inzwischen noch ein viertes Todesopfer gibt. Und ein weiteres Opfer ist hirntot, die Hirnfunktionen sind unwiderruflich ausgefallen. Nur mit Maschinen kann dieses Opfer noch am Leben gehalten werden. Zahlreiche Menschen wurden verletzt.

49 Stunden lang herrschte die Angst in Straßburg - denn niemand wusste, wo der Attentäter steckte, ob er nochmals zuschlagen würde. Dann wurde Chérif Chekatt am Donnerstagabend von drei Polizisten entdeckt. Er eröffnete das Feuer, die Beamten schossen zurück. Wenige Sekunden später war Chekatt tot. Sein Leben endete in einem Hauseingang in der Rue du Lazaret in Neudorf, auf zwei Treppenstufen.

In der Tür der Hausnummer 74 sind am Morgen große Einschlusslöcher zu sehen, bis zu vier Zentimeter breit. Nach Neudorf hatte Chekatt sich schon kurz nach der Tat mit einem Taxi fahren lassen. Die Bürger sollten am Abend des Anschlags auf Geheiß der Behörden das Viertel meiden. Chekatt war nicht weit gekommen.

Mit seinem Tod endet nun nicht nur die Jagd der Polizei, sondern auch eine bemerkenswerte kriminelle Karriere. Mit 13 Jahren wurde er das erste Mal verurteilt, er saß etliche Male wegen Einbrüchen im Gefängnis in Frankreich und Deutschland. Dort fiel auf, dass er sich radikalisiert hatte. Zeugen berichten, der Angreifer habe beim Anschlag «Allahu Akbar» (Allah ist groß) gerufen. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Terroranschlag für sich.

Für das in den vergangenen Jahren von Terror gezeichnete Frankreich ist es eine weitere schmerzhafte Erinnerung daran, dass Terroristen überall und zu jeder Zeit zuschlagen können. Das Land wird seit Jahren von einer islamistischen Terrorserie getroffen. Dabei wurden bislang rund 250 Menschen aus dem Leben gerissen. Mit Straßburg sei eine große europäische Stadt tödlich getroffen worden, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Zwei Tage lang herrschte in der Stadt am Rhein Ausnahmezustand. Am Freitag versucht Straßburg, die Schockstarre abzuschütteln, in die Normalität zurückzukehren. Der Weihnachtsmarkt öffnet wieder. Der französische Innenminister Christophe Castaner besucht die Marktleute, schüttelt Hände, spricht Mut zu. «Wir müssen diesen Leuten zeigen, dass wir keine Angst haben», ruft ihm ein Essensverkäufer entgegen.

Am Kléber-Platz in der Innenstadt herrscht am Vormittag schon wieder reges Markttreiben. Dutzende Besucher strömen unter grauem Himmel durch die Gassen. Die Menschen kaufen Geschenke, trinken Glühwein. Rings um das Denkmal in der Mitte des Platzes halten die Passanten inne, einige weinen. Es ist eine Insel der Trauer mitten im Herzen Straßburgs. Hunderte bunte Teelichter, Blumen, gemalte Bilder und Briefe liegen am Fuß des Denkmals. Viele Botschaften sind Liebeserklärungen an die Stadt. «Warum Straßburg? Warum diese Gewalt?» steht auf einem Zettel. «Vereint gegen die Barbarei» auf einem anderen. Alle paar Minuten laufen Polizisten mit Maschinenpistolen vorbei.

Arnelle Norgard blickt auf die Kerzenlichter und schluchzt. «Es war ein Albtraum», beschreibt sie die vergangenen Tage. «Der Terror war bisher immer weit weg, aber jetzt kam er genau hierher.» Sie ist froh über den Tod des mutmaßlichen Attentäters. «Ganz Straßburg ist getroffen - von jemandem, der hier geboren wurde, der hier auf unseren Straßen aufgewachsen ist» sagt Norgard. «Das ist, wie wenn du deine Brüder und Schwestern tötest.» Es werde nie wieder werden wie vorher, ist sie überzeugt. Aber es sei richtig, den Weihnachtsmarkt wieder zu eröffnen. «Damit jeder merkt: Das Leben geht weiter.»

Am Abend wird der Kléber-Platz dann weiträumig abgesperrt. Präsident Macron selbst kommt vorbei, um der Opfer zu gedenken und Einsatzkräften wie Helfern zu danken. Dutzende Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute warten in der Kälte auf den Präsidenten. Als Macron schließlich eintrifft und mit ernstem Gesicht über den Platz schreitet, stimmen Hunderte Kehlen die Nationalhymne an, werden immer lauter. An diesem Freitag ist Frankreich immer noch im Ausnahmezustand.

Veröffentlicht am:
17. 12. 2018
10:05 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
17. 12. 2018
10:05 Uhr



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