Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerLoewe-InsolvenzNP-FirmenlaufGlobe-TheaterMordfall OttingerStromtrasse

Hintergründe

Allmachtsfantasien im Kinderzimmer

Dem Datendieb aus der hessischen Kleinstadt geht es nicht um Geld. Er besorgt sich Telefonnummern und Dokumente von Politikern, Rappern und anderen Prominenten, um sie bloßzustellen.



Twitterprofil
Von diesem inzwischen stillgelegten Twitter-Profil wurde auf die gestohlenen Daten von Politikern verlinkt.   Foto: Julian Stratenschulte

Am Anfang ist alles noch ein großer Spaß - zumindest aus Sicht des Täters. Zuhause bei den Eltern in einer hessischen Kleinstadt sammelt der Schüler Daten von Künstlern, Politikern und YouTube-Stars, die in seiner Generation fast jeder kennt.

Er habe all diese Menschen «bloßstellen» wollen, sagt der 20-Jährige hinterher bei der Vernehmung. Da klingen Allmachtsfantasien durch.

Auch als er die ersten erbeuteten Datenpakete Anfang Dezember online stellt, bleibt der große Knall erst einmal aus. Kaum jemand nimmt Notiz davon, dass er über Twitter-Accounts Privates bekannter Persönlichkeiten ins Netz stellt. Erst am 3. Januar bekommt die umfangreiche Datenklau-Aktion plötzlich eine Dynamik.

Einige Abgeordnete haben da zwar schon festgestellt, dass sie plötzlich von Fremden auf Nummern angerufen werden, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Doch richtig aktiv werden die Behörden erst am Donnerstag vergangener Woche um 22.40 Uhr, als Mitarbeiter aus dem Büro von SPD-Chefin Andrea Nahles im Lagezentrum des Bundeskriminalamtes anrufen. In den frühen Morgenstunden werden alle Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern alarmiert. Um 6.50 Uhr wird Bundesinnenminister Horst Seehofer über den Datenklau und die illegale Veröffentlichung informiert.

Wer dahinter steckt, wissen die Behörden noch nicht. Dutzende von Beamten werden zusammengerufen. Am Freitag um 10.30 Uhr teilen die Behörden ihr zu diesem Zeitpunkt noch recht bescheidenes Wissen mit den Parteien. Wilde Spekulationen schießen ins Kraut. Steckt da vielleicht ein ausländischer Nachrichtendienst dahinter?

Der Vorfall hat jetzt auch die Medien erreicht, die breit berichten. Der Nerd bekommt langsam kalte Füße. Er löscht Daten - versucht, Beweise zu vernichten.

Bis Sonntagmittag braucht die Polizei, um den Datendieb aus der hessischen Kleinstadt zu enttarnen. Sonntagabend wird die Wohnung der Eltern durchsucht. Die Polizei nimmt den Hacker mit, der nach Angaben von BKA-Präsident Holger Münch zuerst noch etwas wortkarg ist. Das ändert sich über Nacht. Am Montag legt der Schüler aus Homberg (Ohm) ein umfassendes Geständnis ab.

Der Sprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, Georg Ungefuk, sagte, der 20-Jährige habe Reue gezeigt. Er sei bei der Ausspähung und Veröffentlichung der privaten Daten möglicherweise unbedacht oder leichtfertig gewesen. Bei jüngeren Tätern erlebe man oft, dass dann, wenn plötzlich die Polizei vor der Tür stehe, doch «ein großes Nachdenken einsetzt».

Vorstrafen hat der Hacker zwar nicht. Doch für die Behörden ist er auch kein ganz unbeschriebenes Blatt. Münch sagt, der inzwischen wieder freigelassene Beschuldigte sei bereits vor gut zwei Jahren als Tatverdächtiger im Zusammenhang mit der «Ausspähung von Daten» ermittelt worden.

Der BKA-Chef zeichnet das Bild eines jungen Mannes, der zwar starke Meinungen hat - die Politiker, deren Daten er veröffentlicht hat, hat er sich danach ausgesucht, ob ihm ihre Äußerungen oder die Positionen ihrer Partei nicht passten. Von einem klaren politischen Motiv gehen die Ermittler bisher aber nicht aus.

«Kinderzimmer-Täter» seien im Bereich der Cyberkriminalität keine Seltenheit, erklärt Münch. Er erinnert an einen jungen Täter, der von zu Hause aus im großen Stil im Darknet Drogen verkauft hat. Und warnt Eltern: Nicht alle, die viele Stunden einsam vor dem Bildschirm sitzen, wollen nur spielen.

Der aktuelle Fall sei von seiner Größenordnung her «durchaus bemerkenswert», sagt Arne Schönbohm, Leiter des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Gleichzeitig betont er, seine Behörde sei nicht zuständig für die Absicherung der privaten oder parteiinternen Kommunikation von Politikern, sondern nur für die Netze der Bundesregierung.

Das klingt ein bisschen so, als wolle sich da jemand aus der Verantwortung stehlen. Auf der anderen Seite gibt es viele Abgeordnete, denen es auch gar nicht geheuer wäre, wenn sich eine Behörde, die dem Bundesinnenministerium untersteht, um den Schutz ihrer Kommunikation im Bundestag oder anderswo kümmern würde.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ist eher in der analogen Welt zu Hause. Und er sagt am liebsten erst dann etwas öffentlich, wenn er Erfolge zu vermelden hat. Dafür, dass er sich in den ersten Stunden nach Bekanntwerden des Datenklaus nicht umfassend dazu äußern wollte, ist er kritisiert worden. Doch er beharrt darauf, dass er es auch in ähnlichen Fällen künftig so handhaben wolle, denn sonst «verwirren sie die Bevölkerung total».

Veröffentlicht am:
08. 01. 2019
17:54 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Andrea Nahles BKA-Präsidenten Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik Bundesinnenminister Bundeskriminalamt Bundesministerium des Innern CSU Daten und Datentechnik Datendiebstahl Deutscher Bundestag Hacker Horst Seehofer Internetkriminalität Kinderzimmer Kleinstädte Polizei Sänger und Sängerinnen des Bereichs Rap Telefonnummern
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Internetseite Bundestag

04.01.2019

Massenhafter Datenklau: Was wir wissen und was nicht

Es sind sensible, teils sehr persönliche Daten, die massenhaft im Internet aufgetaucht sind. Daten und Dokumente, die Politiker, Prominente und Parteien betreffen. Es herrscht große Unsicherheit, und viele Fragen sind un... » mehr

Straftat

14.05.2019

Politische Kriminalität: Die radikalen Ränder fransen aus

Wenn die Zahl der Straftaten mit politischem Hintergrund sinkt, ist das eigentlich eine gute Nachricht. Innenminister Seehofer sieht trotzdem keinen Anlass zur Freude. » mehr

Handel im Darknet

05.05.2019

Wie Drogenhandel im Darknet Ermittler herausfordert

Im Darknet, dem abgeschirmten Teil des Internets, fühlen sich auch viele Kriminelle wohl. Geschützt durch Verschlüsselungstechnik handeln sie mit Drogen und anderen illegalen Waren. Dass die Ermittler nicht chancenlos si... » mehr

Passwortabfrage

08.01.2019

Die Abläufe bei BKA, BMI und BSI im Daten-Skandal

Ein 20 Jahre alter Schüler aus Hessen soll massenhaft private Daten von Politikern und Prominenten auf Twitter veröffentlicht haben. » mehr

Angela Merkel

04.01.2019

Hunderte Politiker werden Opfer von Online-Angriff

Handynummern, E-Mails, Chat-Verläufe und Kreditkarten-Daten: Auf Twitter sind massenweise persönliche Daten von Prominenten veröffentlicht worden, darunter sind viele Politiker. Nicht nur die Bundesregierung ist höchst a... » mehr

Amtseinführung

17.07.2019

Letzte Chance Bundeswehr? Politiker hinterfragen AKK

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer übernimmt nach einer Kehrtwende die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte. Wird die Bundeswehr nun «Chefsache», wie es die CDU den Bürgern erklärt? Oder geht es um Kramp-Karrenbau... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Kinderfest in Neustadt

Neustadter Kinderfest | 20.07.2019 Neustadt bei Coburg
» 48 Bilder ansehen

Bilder: Schlossplatzfest am Freitag

Coburger Schlossplatzfest am Freitag | 20.07.2019 Coburg
» 29 Bilder ansehen

Verabschiedung RS II Kronach

Verabschiedung RS II Kronach | 19.07.2019 Kronach
» 4 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
08. 01. 2019
17:54 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".