Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Hintergründe

Kramp-Karrenbauer, Karneval und Grenzen guten Geschmacks

Es ist Karneval. Auch an Karneval gibt es Grenzen. Hat Annegret Kramp-Karrenbauer diese Grenzen bei ihrem Fastnachtauftritt überschritten, weil sie ein konservatives Klientel bedienen wollte, wie Kritiker meinen?



Narrengericht in Stockach
Umstrittener Auftritt: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Narrengericht in Stockach. Foto: Patrick Seeger   Foto: dpa

Es dauerte etwas, bis die Brisanz der Äußerung von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer in der Medienwelt ankam. Es war wohl mal wieder eine Privatperson, die die Sendung zwei Tage später sah, sich an ihren Äußerungen zu «Toiletten für das dritte Geschlecht» störte und das in den sozialen Medien verbreitete. Was sorgte für die späte Empörung?

Kramp-Karrenbauer musste sich am vergangenen Donnerstag als Angeklagte beim «Stockacher Narrengericht», einer schwäbisch-alemannischen Fastnachtsveranstaltung in dem Städtchen am Bodensee, als weit und breit einzige Frau gegen eine Männerriege verteidigen.

Ihre Verteidigungsrede war vor allem gegen die Männerdominanz im Saal gerichtet. «Guckt Euch doch mal die Männer von heute an. Wer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.»

Nun sind derbe Zoten - und auch Entgleisungen - im Karneval oder bei der Fastnacht nichts Neues. Grünen-Chefin Annalena Baerbock gesteht Kramp-Karrenbauer - oder kurz AKK - denn auch zu, dass ein Witz immer mal daneben gehen könne. «Aber wenn man sich dafür nicht entschuldigt, wenn er auf Kosten von Minderheiten geht, dann steckt da mehr dahinter.» Es gebe eine Vorgeschichte, nämlich umstrittene Äußerungen Kramp-Karrenbauers zur Ehe für Schwule und Lesben.

Steckt mehr dahinter? Ihre Vorgängerin im CDU-Vorsitz, Angela Merkel, hatte im Sommer 2017, wenige Monate vor der Bundestagswahl, die von der Union bis dahin abgelehnte «Ehe für alle» abgeräumt, indem sie so nebenbei die Abstimmung im Bundestag freigab. Damals stimmte immerhin ein knappes Viertel der Unionsabgeordneten für die Homo-Ehe.

AKK hatte dagegen noch 2015 als saarländische Ministerpräsidentin in der «Saarbrücker Zeitung» ihre Position klar gemacht, es gebe in Deutschland bisher eine eindeutige Definition der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau. Wenn diese Definition geöffnet würde, «sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen».

Hat sie nun mit den Äußerungen gezielt versucht, auf Kosten einer Minderheit intersexueller Menschen, eine konservative Klientel zu bedienen, wie ihr auch vorgeworfen wird? So ganz einfach ist das nicht. Gesundheitsminister Jens Spahn, der dem konservativen Flügel der CDU zugerechnet wird und mit einem Mann liiert ist, kritisierte Kramp-Karrenbauers Familienbild und hielt ihr diese Äußerungen noch bei den Regionalkonferenzen vor der Wahl zur Parteispitze vor.

Es war auch nicht verwunderlich, dass der Bundesverband der Lesben und Schwulen in der Union von ihr eine Entschuldigung für ihren Karnevalswitz über Toiletten für intersexuelle Menschen fordert. Dem SWR sagte der Vorsitzende Alexander Vogt, auch im Karneval gebe es Grenzen. Auch, wenn der Witz von Kramp-Karrenbauer keine böse Absicht gewesen sei, mache das die Sache nicht besser. Das kann zumindest als Hinweis genommen werden, dass die Rechnung, auf diese Weise eine konservative Klientel zu binden, nicht zwingend aufgeht.

Regierungssprecher Steffen Seibert reagierte jedenfalls recht kühl, als er nach einer Stellungnahme der Kanzlerin gefragt wurde. «Büttenreden kommentiere ich nicht», sagte er und verwies schmallippig darauf, dass die Bundesregierung erst vor kurzem die Rechte intersexueller Menschen gestärkt habe.

Kramp-Karrenbauer wollte zu all dem nichts sagen. Vielleicht kommt noch etwas bei ihrem Auftritt am Aschermittwoch im mecklenburgischen Demmin. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak verteidigte seine Chefin in der «Passauer Neuen Presse»: «Es ist Karneval. Und im Karneval sollte man die Dinge nicht zu ernst nehmen.» Nun stellt sich wie so oft die Frage: Kann man im Karneval Witze auf Kosten von Minderheiten machen, die es in der Gesellschaft ohnehin nicht leicht haben? Man kann. Aber muss man das?

Veröffentlicht am:
04. 03. 2019
17:29 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Annalena Baerbock Annegret Kramp-Karrenbauer Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU Definitionen Deutscher Bundestag Intersexualität Jens Spahn Karneval Kritiker Lesben Minderheiten Saarländische Ministerpräsidenten Steffen Seibert Südwestrundfunk Toiletten
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Die Aktentasche hat er immer dabei - womöglich auch, wenn er 2021 ins Kanzleramt einzieht. Doch bis dahin kann noch viel schiefgehen. Foto: Michael Kappeler/dpa

Aktualisiert am 11.08.2020

Die sieben Probleme des Olaf Scholz

Nach der Kür zum Kanzlerkandidaten der SPD gibt es Stolpersteine genug für den Bundesfinanzminister. Ob er seiner Partei die erhoffte Wende bringt, ist noch nicht ausgemacht. » mehr

Landtag

05.02.2020

Reaktionen auf Ministerpräsidentenwahl in Thüringen

Die überraschende Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum neuen Ministerpräsidenten von Thüringen hat ein politisches Erdbeben ausgelöst. Einige Reaktionen: » mehr

Organspenden

16.01.2020

Organspende-Reform kommt: Was bringen die neuen Impulse?

Viele Patienten warten verzweifelt darauf, eine Niere oder andere Organe zu erhalten, die ihnen jemand nach dem Tod überlässt. Damit mehr Menschen Spender werden, soll auch das Internet helfen. » mehr

Transportbehälter

16.01.2020

Bundestag gegen Revolution bei Organspende

Der Ton ist leise, die Parteigrenzen sind aufgehoben. Fast andächtig geht es im Bundestag zu bei der entscheidenden Debatte zur Organspende. Von der Entscheidung zeigen sich Betroffene hinterher aber bitter enttäuscht. » mehr

Organspende-Bilanz 2019

13.01.2020

Nieren, Herzen, Därme: Neuer Anlauf für mehr Organspenden

In Deutschland ist die Zahl der Patienten, denen eine Organspende helfen könnte, deutlich größer als die Zahl der transplantierten Organe. Die Politik hat bereits ein Gesetz geändert. Nun steht eine weitere wichtige Ents... » mehr

Organspendeausweis

13.01.2020

Um diese Organspende-Vorschläge geht es im Bundestag

Angesichts Tausender schwerkranker Menschen auf den Wartelisten sollen in Deutschland mehr Organspenden möglich werden. Doch wie? Der Bundestag will an diesem Donnerstag über zwei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe un... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

HSC Coburg: Training und Media Day

HSC Coburg: Training und Media Day | 12.08.2020 Coburg
» 25 Bilder ansehen

WG: HSC - mögliche Aufmacher

WG: HSC - mögliche Aufmacher | 12.08.2020 Coburg
» 26 Bilder ansehen

Großbrand in Tettau auf Bauernhof

Großbrand auf Tettauer Bauernhof | 09.08.2020 Tettau
» 50 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
04. 03. 2019
17:29 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.