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Hintergründe

Das Ende des selbst ernannten Kalifats

Vor fast fünf Jahren überrannte der IS die irakische Stadt Mossul und erreichte den Höhepunkt seiner Macht. Nach dem Untergang liegen große Gebiete in Trümmern. Beobachter warnen vor einer Rückkehr des IS.



IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi
IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi.   Foto: AP

Kurz vor dem Ende verbreitete die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) noch einmal Durchhalteparolen. Als in den sozialen Medien eine neue Botschaft von IS-Sprecher Abu al-Hassan al-Muhadschir auftauchte, klang dessen Stimme wütend.

Er schimpfte und hetzte gegen die Gegner der Dschihadisten, mehr als 40 Minuten dauerte die Tirade. Und er drohte mit Kampf und Widerstand bis zum Schluss. «Wartet auf die Seen aus Blut», wetterte Abu al-Hassan. Was immer die «Koalition der Ungläubigen» auch tun werde - am Ende siege der Islamische Staat.

In den Krisenländern Syrien und Irak sieht die Realität anders aus, derzeit zumindest. Nach dem jahrelangen Krieg gegen die Extremisten ist deren selbst ernanntes Kalifat in Staub, Asche und Trümmer zerfallen. Am Samstag erklärten die von Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) den Sieg über die letzte IS-Bastion in der Region, Baghus, ein Ort an der Grenze zum Irak. Hier hatten sich die Dschihadisten am Ende auf engstem Raum in Gräben und Tunneln verschanzt. Manche verteidigten sich bis zum Schluss. Jetzt wehen auf die Dächern der zerstörten Häuser gelbe SDF-Fahnen.

Bilder aus dem kleinen Ort im Euphrat-Tal lassen erahnen, wie brutal die Schlacht war. Baghus ist eigentlich ein grünes Dorf, in dem die Menschen mit Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienen. Doch wo die Dschihadisten zum Schluss hausten, sind nur braune Gräben und tiefe Krater geblieben, die Jets in den Boden gebombt haben. Die Raketen haben Wagen zerfetzt und Bäume verkohlt. Überall liegen Leichen, entstellt und verbrannt, Frauen und Kinder darunter.

Fast fünf Jahre liegen zwischen diesen Bildern des Untergangs und dem Tag Anfang Juli 2014, an dem sich IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi das bisher einzige Mal öffentlich zeigte. Damals trat er zu einer Freitagspredigt in der Großen Moschee Mossuls auf. Gerade hatte der IS sein «Kalifat» ausgerufen. Er kontrollierte riesige Gebiete im Irak und im benachbarten Syrien und war auf dem Höhepunkt der Macht.

Doch im Spätsommer 2014 begann die internationale Anti-IS-Koalition unter Führung der USA ihren Einsatz gegen die Extremisten. In monatelangen Kämpfen konnten irakische Bodentruppen mit Hilfe von Luftangriffen der Koalition ihr Land befreien, in Syrien nahmen vor allem die SDF-Truppen das Gebiet der Dschihadisten ein. Angeführt werden sie von den kurdischen Volksverteidigungskräften YPG.

Die militärische Niederlage des IS und der Untergang des Kalifats sind allerdings nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Terrormiliz. Schon vor Monaten haben die Dschihadisten auf den Zerfall ihres Reichs reagiert und die Strategie angepasst. Längst sind sie zu einem Guerilla-Kampf übergegangen. Tausende Anhänger von Daesh, wie der IS auf Arabisch genannt wird, dürften in den riesigen und schwer zu kontrollierenden Wüstengebieten Syriens und des Iraks untergetaucht sein, von wo aus sie regelmäßig Angriffe aus dem Hinterhalt verüben.

In der Region seien noch Dutzende Schläferzellen aktiv, mahnt Abdel Karim Umar, Außenbeauftragter des politischen Arms der SDF. Auch die Ideologie, mit der die Dschihadisten über Jahre nicht zuletzt Kinder und Jugendliche indoktriniert haben, ist weiter lebendig. Abdel Karim Umar warnt deshalb: «Daesh kann in neuer Form wieder auferstehen.»

Die Situation erinnert an das Jahr 2010, als der IS-Vorläufer nach dem Bürgerkrieg im Irak als zerschlagen galt. Der damalige US-Präsident Barack Obama ließ die US-Truppen aus dem Krisenland abziehen. Rund vier Jahre dauerte es, bis IS-Anhänger erst die Millionenstadt Mossul, dann weitere Gebiet im Irak überrannten. Im benachbarten Syrien hatten sie schon vorher das Chaos des Bürgerkriegs ausgenutzt, um sich nach und nach auszubreiten.

Es mangelt deshalb auch nicht an Warnungen vor einem schnellen Abzug der US-Truppen aus Syrien, wie ihn Präsident Donald Trump vorantreibt. «Wie schnell wir die Lehren aus der jüngeren Vergangenheit vergessen», schreibt etwa der Syrien-Experte am Middle East Institute in Washington, Charles Lister, in einem Stück für die Seite Politico. «Den Sieg auszurufen und sich an diesem Punkt zurückzuziehen ist nicht nur naiv; es ist gefährlich.» Hart erkämpfte Gewinne gegen den IS einfach aufzugeben garantiere dessen Überleben.

Zudem hat der IS längst in anderen Ländern Fuß gefasst: In Ägypten etwa, in Afghanistan, in Nigeria oder in Ost-Afrika. Die militärische Niederlage könnte auch Sympathisanten in anderen Teilen der Welt dazu bringen, aus Wut und Rache neue Terroranschläge zu planen.

Viele Fragen sind ungeklärt: Was etwa geschieht mit den IS-Anhängern, die festgenommen wurden? Tausende - darunter auch Dutzende Deutsche - sitzen in Gefangenenlagern der SDF, die mit dieser riesigen Zahl völlig überfordert sind. Schon früher waren Gefängnisse ideale Orte, an denen Extremisten ihr Gedankengut verbreiten konnten. Camp Bucca hieß etwa das Gefangenenlager der US-Amerikaner im Irak, in dem viele Größen der Extremisten-Szene einst einsaßen und sich vernetzen konnten. «Dschihad-Uni» lautete deshalb der Spitzname des Lagers - eine Brutstätte für den Terror im Namen des Islams.

Die chaotischen politischen Verhältnisse im Irak und in Syrien, die den IS einst groß werden ließen, bestehen weiter. Im Irak etwa wurden die vornehmlich sunnitischen Gebiete, in denen der IS herrscht, bei der Rückeroberung massiv zerstört. Mossuls Altstadt liegt komplett in Trümmern. Doch der Aufbau kommt kaum voran. Die Sunniten sehen sich noch immer von der Mehrheit der Schiiten im Irak diskriminiert - das ließ einst viele mit dem IS sympathisieren.

Auch Syriens Bürgerkrieg ist weit von einer politischen Lösung entfernt. Stattdessen droht eine neue Front, denn die Türkei ist zu einer Offensive gegen die syrischen Kurden entschlossen. Ankara sieht in der Kurdenmiliz YPG den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Ein US-Abzug würde den Weg für die türkische Armee freimachen. Doch die Kurden haben schon gewarnt: Sollte die Türkei eine Offensive starten, könnte das Chaos dazu führen, dass Tausende IS-Kämpfer aus den Gefangenenlagern entkommen.

Veröffentlicht am:
23. 03. 2019
11:09 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
23. 03. 2019
11:09 Uhr



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