Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Hintergründe

Julian Assange in den Händen der Justiz

Charismatisch und ein Kämpfer für die Gerechtigkeit oder ein gefährlicher Egomane? An Julian Assange scheiden sich die Geister. Jetzt wurde der Wikileaks-Gründer nach sieben Jahren in der Botschaft Ecuadors festgenommen. Ihm droht eine Auslieferung an die USA.



Julian Assange
Fast sieben Jahre lang hatte Julian Assange in einem etwa 20 Quadratmeter großen Zimmer in der ecuadorianischen Botschaft ausgeharrt.   Foto: Frank Augstein/AP

Fast sieben Jahre lang hat Julian Assange in einem etwa 20 Quadratmeter großen Zimmer ausgeharrt, in das kaum die Sonne schien. Ein selbstgewähltes einsames Exil mitten in London, das er mit einer Katze teilte.

Der Wikileaks-Gründer flüchtete im Juni 2012 in das Backsteinhaus der ecuadorianischen Botschaft. Mit der Aufhebung des Asyls durch Ecuador und der umgehenden Festnahme überschlugen sich nach Jahren des Stillstands die Ereignisse. Die USA wollen eine Auslieferung - es könnte also genau das eintreten, was den 47-Jährigen Zuflucht hinter den Botschaftsmauern suchen ließ.

Am Donnerstag nun zerrten britische Sicherheitskräfte einen bärtigen, sichtlich gealterten Assange aus der Botschaft. Auf dem Video der von Russland finanzierten Nachrichtenagentur Ruptly ist zu erkennen, dass er ein Buch zur «Geschichte des nationalen Sicherheitsstaats» in der Hand hielt. Wenige Stunden später steht Assange schon vor Gericht und wird schuldig gesprochen, gegen Kautionsauflagen verstoßen zu haben. Um den Vorwurf der USA, er habe sich mit Whistleblowerin Chelsea Manning verschworen und solle deswegen an die US-Justiz überstellt werden, soll es vor Gericht erst am 2. Mai gehen.

Was wird das Vermächtnis von Julian Assange sein? Der Australier trat ins Licht der Öffentlichkeit mit der Veröffentlichung geheimer US-Dateien, die Menschenrechtsverletzungen und die Tötung von Zivilisten durch amerikanische Truppen in Afghanistan dokumentierten. Zugleich wurde Wikileaks schon damals für die Grundsatzentscheidung kritisiert, amerikanische Regierungsdokumente wie etwa Schriftwechsel des Außenamtes ohne Schwärzungen zu veröffentlichen: Damit bringe man Menschenleben in Gefahr.

Später machte Assange Schlagzeilen mit der Rolle von Wikileaks im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016. Er machte keinen Hehl aus seiner tiefen Abneigung gegen die demokratische Kandidatin Hillary Clinton. Wikileaks veröffentlichte von Hackern erbeutete E-Mails der Demokraten, die Clintons Wahlkampf schadeten. Nach Einschätzung westlicher Geheimdienste und IT-Sicherheitsexperten stand hinter den Hackern der russische Geheimdienst.

So scheiden sich an Assange die Geister. Seine Anhänger feiern ihn wie einen Helden: Für sie ist der Australier ein unerschrockener, charismatischer Kämpfer für die Gerechtigkeit und ein brillanter Enthüllungsaktivist, ein präziser Analytiker mit einer gehörigen Portion Mut. Zu ihm hielten auch Prominente, die ihn in der Botschaft besuchten, darunter Popstar Lady Gaga, US-Bürgerrechtler Jesse Jackson, Schauspielerin Pamela Anderson und Modemacherin Vivienne Westwood. Anderson wetterte am Donnerstag an die Adresse der US-Regierung, da seien «Teufel, Lügner und Diebe» am Werk.

Doch es gibt auch Weggefährten, die ein anderes Bild von dem 47-Jährigen zeichnen: Er sei ein Egomane mit Zügen des Wahnsinns, herrschsüchtig, ein «hyperventilierender Chatroom» und voll tiefer Missachtung für diejenigen, die er nicht mag.

Assange flüchtete in die Botschaft, um sich einer Auslieferung nach Schweden zu entziehen. Assange war dort vorgeworfen worden, 2010 zwei Frauen vergewaltigt und sexuell genötigt zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen im Mai 2017 eingestellt, weil sie keine Möglichkeiten sah, diese weiterzuführen. Eine der Frauen will nun, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden. Die Verjährungsfrist für den Fall läuft Mitte August 2020 ab.

Assange zeigte sich am Donnerstag nicht eingeschüchtert, als er sich zum ersten Mal seit sechs Jahren und fast zehn Monaten wieder außerhalb der Botschaft bewegte. Er zeigte seinen Anhängern und der Presse das Siegeszeichen und einen erhobenen Daumen.

Als Jugendlicher soll sich Assange Zugang zu Rechnern etwa des US-Verteidigungsministeriums und der Weltraumbehörde Nasa verschafft haben. 2006 gründete er mit dem US-Architekten John Young und Freunden Wikileaks als Plattform für Enthüllungen im Internet. Zu dem dort veröffentlichten Material gehörte auch das Handbuch zum Umgang mit Gefangenen im umstrittenen US-Lager Guantánamo auf Kuba.

Schon seine Kindheit war ungewöhnlich. Assange wurde 1971 im australischen Townsville geboren. Er musste viel mit seinen Eltern umherziehen, die ein Wandertheater leiteten. 37 Schulen soll er besucht haben. Bereits als 18-Jähriger wurde er Vater eines Sohnes; es folgte schon bald ein erbitterter Sorgerechtsstreit.

Whistleblowerin Chelsea Manning war eine der wichtigen Quellen für die Enthüllungen im Irak, flog auf und kam ins Gefängnis. Assange hatte angekündigt, sein Asyl in London aufzugeben und freiwillig in die USA zu gehen, falls Manning freikomme. Als sie nach der Begnadigung durch US-Präsident Barack Obama 2017 tatsächlich das Gefängnis verlassen durfte, feierte Assange dies als Sieg - löste sein Versprechen aber nicht ein. Im März 2019 wurde Manning erneut festgenommen. Laut «Washington Post» hatte sie sich zuvor geweigert, vor Gericht Fragen zu Wikileaks und Assange zu beantworten.

In den vergangenen Monaten verschlechterte sich Assanges Lage im Botschaftsasyl zusehends; die Spannungen mit Ecuador nahmen zu. Der linksgerichtete ecuadorianische Präsident Rafael Correa hatte Assange einst das Botschaftsasyl aus humanitären Gründen gewährt. Correas Nachfolger Lenin Moreno wollte diesen Zustand jedoch beenden.

Das Exil soll Assange auch krank gemacht haben. «Sein Körper gibt langsam auf, er hat schon Herzprobleme, eine chronische Lungenentzündung und starke Schulterschmerzen», sagte seine Mutter einmal dem australischen Sender ABC.

Die Proteste von Assange-Anhängern vor der Botschaft und dem Londoner Gericht, aber auch von Politikern belegen die Brisanz des Falls. Correa bezeichnete die Aufhebung des Asyls als ein Zeichen der «Feigheit und menschlicher Misere» des neuen Staatschefs Moreno. Linke-Chefin Sahra Wagenknecht forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, Assange politisches Asyl anzubieten.

Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
18:36 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Asyl Barack Obama Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU Facebook Guantanamo Bay Naval Base Hacker Hillary Clinton IT-Sicherheitsexperten Jesse Jackson John Young Julian Assange Justizvollzugsanstalten Lady Gaga Menschenrechtsverletzungen NASA Pamela Anderson Präsidenten der USA Rafael Correa Russische Geheimdienste Russisches Außenministerium Sahra Wagenknecht Scotland Yard Sorgerechtsstreits Twitter US-Präsidentschaftswahlkämpfe US-Regierung US-Verteidigungsministerium Vivienne Westwood WikiLeaks Wladimir I. Lenin
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Julian Assange

24.05.2019

Julian Assange - Umstrittener Wikileaks-Gründer

Julian Assange gilt als maßgeblicher Mitgründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, die Einblick in unethisches Verhalten von Regierungen und Unternehmen verspricht. » mehr

Julian Assange

11.04.2019

Julian Assange - Umstrittener Wikileaks-Gründer

Julian Assange gilt als maßgeblicher Mitgründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, die Einblick in unethisches Verhalten von Regierungen und Unternehmen verspricht. » mehr

Tote bei Schüssen in Supermarkt in Texas

04.08.2019

Die Schüsse von El Paso und Trumps Amerika

Die Bluttat von El Paso fällt mittenhinein in eine Zeit, in der das politische Klima in den USA besonders vergiftet ist. Es gibt Hinweise auf ein Hassverbrechen. Und erste Stimmen werden laut, die Donald Trump indirekt e... » mehr

Matteo Salvini

26.07.2019

Salvini unerbittlich gegen Seenotretter

Von Libyen aus versuchen Migranten immer wieder, nach Europa zu kommen. Doch die Route über das Mittelmeer endet für viele tödlich. Italien droht Seenotrettern trotzdem mit drastischen Geldstrafen. » mehr

Waffen aus dem 3D-Drucker

14.10.2019

Die tödliche Gefahr aus dem 3D-Drucker

Die Ermittler sind überzeugt: Stephan B. wollte in Halle nicht nur zwei Menschen töten, sondern Dutzende. Dieser Plan scheiterte, auch weil die selbst gebastelten Waffen ständig Ladehemmungen hatten. Allerdings werden Wa... » mehr

US-Präsident Trump

15.10.2019

Trumps außenpolitisches Debakel in Syrien

Mit Sanktionen will US-Präsident Trump den Stopp der türkischen Offensive in Nordsyrien erzwingen. Dabei hat er selber den umstrittenen Einmarsch überhaupt erst ermöglicht. Eine prominente Kritikerin spricht von «Trumps ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Kirchweih Lahm

Kirchweih Lahm | 15.10.2019 Lahm
» 16 Bilder ansehen

Oktobermarkt in Ebern

Oktobermarkt in Ebern | 14.10.2019 Ebern
» 12 Bilder ansehen

Schauübung der Kronacher Feuerwehr

Schauübung der Kronacher Feuerwehr | 14.10.2019 Kronach
» 13 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
18:36 Uhr



^