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Hintergründe

Notre-Dame, mon amour - Warum das Feuer alle trifft

Notre-Dame in Flammen? Unmöglich! Ein solches Wahrzeichen scheint unangreifbar. Deshalb trifft das Feuer nicht nur die Franzosen, sondern Menschen weltweit. Ulrich Wickert glaubt allerdings, dass das Unglück auch etwas Positives bewirken kann.



Notre-Dame steht in Flammen
Feuerwehrleute versuchen das Feuer in der Kathedrale Notre-Dame zu löschen.   Foto: Michael Euler/AP

Notre-Dame. Es sind nur zwei Worte, aber darin schwingt eine Welt mit. In einem einzigen Augenblick zaubert der Name Geschichten und Erinnerungen vor das innere Auge.

Die erste Assoziation ist für die meisten wohl «Der Glöckner von Notre-Dame». Victor Hugos schaurig-romantische Geschichte vom hässlichen Quasimodo und der schönen Esmeralda. Dann folgt vielleicht der Gedanke an den ersten Paris-Urlaub mit Freund oder Freundin. Damals ging der Blick hinauf an der majestätischen Fassade - so hell und so strahlend, ganz anders als der traurig-schwarze Kölner Dom. Noch schöner: Abendliches Schlendern an der Seine, und dann tauchen über der Ile de la Cité die leuchtenden Doppeltürme auf. Notre-Dame, mon amour.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Bilder vom Montagabend. Flammen schlagen aus dem Dach der Kathedrale. Schwarze Rauchwolken steigen vor einem tiefblauen Himmel auf. Das Feuer zerfrisst den Dachstuhl wie Motten einen alten gotischen Wandteppich, bis man die durchlöcherte Gewebestruktur erkennen kann. Nur geht es hier rasend schnell. Als der von Flammen umzüngelte Spitzturm wie ein gefällter Baum umkippt, wird das ganze Ausmaß der Brandkatastrophe deutlich. Im Hintergrund der Videofilme, die diesen Moment festhalten, hört man den Aufschrei den Umstehenden. Dann wird es Nacht in Paris, und die Kathedrale glüht, als wäre sie ein gut bestückter Kaminofen.

Die erste Reaktion ist Unglaube. Notre-Dame in Flammen? Das kann doch nicht sein! Ein so berühmtes Wahrzeichen, ein solcher Identifikationspunkt scheint unangreifbar. Er zeichnet sich gerade durch seine Beständigkeit aus. Man kommt als junger Mensch nach Paris und besichtigt die Kirche, und im Alter kehrt man vielleicht noch einmal zurück, und sie ist immer noch da, unverändert.

Deshalb erscheinen die Bilder von der brennenden Sehenswürdigkeit zunächst auch wie aus einem Katastrophenfilm - völlig fiktiv. Eben das hat das Feuer gemeinsam mit Terroranschlägen wie am 11. September 2001 in New York oder im November 2015 in Paris. Der große Unterschied besteht natürlich darin, dass dabei viele Menschen getötet wurden, und darum sind sie ungleich schlimmer. Aber das Grundvertrauen wird auf ähnliche Weise erschüttert, weil scheinbar Unmögliches geschieht.

Das ist einer der Gründe dafür, warum sich der Schock keinesfalls auf Frankreich beschränkt. Millionen Menschen fühlen sich persönlich getroffen. Einer von ihnen: Ulrich Wickert, wohl Deutschlands Frankreich-Erklärer Nummer 1. «Es sind mir ganz viele Dinge durch den Kopf gegangen», erzählt der ehemalige «Tagesthemen»-Moderator. «Persönliche Erinnerungen. Ich bin zum ersten Mal 1956 in der Kirche gewesen, weil ich damals ja in Paris zur Schule gegangen bin.» Und so hätten auch zahllose andere Menschen aus aller Welt persönliche Erinnerung an dieses Bauwerk. Schätzungen zufolge hat Notre-Dame jedes Jahr 13 Millionen Besucher. «Das ist mehr als der Eiffelturm. Da müssen Sie lange Schlange stehen, bevor Sie reinkommen.»

Wenn der 76 Jahre alte Journalist heute in Paris ist, geht er für gewöhnlich zu Fuß - und wann immer es sich anbietet, nimmt er den Weg an Notre-Dame vorbei. Er schimpft dann über die vielen Touristen, die ihm den Weg versperren, aber das gehört mit zum Ritual. «Die Kirche beherrscht ja die Stadt», sagt er. Ihre Geschichte sei Teil der französischen Identität. Napoleon setzte sich dort 1804 selbst die Kaiserkrone auf, General Charles de Gaulle besuchte 1944 die Messe, obwohl noch deutsche Heckenschützen auf den Dächern lagen. «Und dann die Totenmesse von Präsident Francois Mitterrand. Es gibt dieses berühmte Bild, wo Helmut Kohl dort sitzt und ihm eine Träne über die Backe läuft. Das gehört alles zusammen.»

Der Schock für die Franzosen sei entsprechend groß. «Das hat man an dem Abend gesehen. Tausende standen um die Ile de la Cité herum und haben entweder geschrien oder geweint. Und dann in der Nacht haben Tausende plötzlich angefangen, Kirchenlieder zu singen. Alle vereint. Wann tut man das?» Wickert ist davon überzeugt, dass das Feuer die Franzosen zumindest vorübergehend einen kann. «Durch dieses Ereignis ist plötzlich jede Spaltung weg, alle sind in der Trauer eins.»

Der Effekt geht womöglich noch über Frankreich hinaus. Der in den vergangenen Jahren von Rechtspopulisten häufig missbrauchte Begriff vom «christlichen Abendland» hat hier vielleicht etwas von seiner ursprünglichen Bedeutung zurückerhalten. Plötzlich ist es wieder da: das Bewusstsein dafür, dass ein kulturelles Erbe Europa verbindet, unabhängig davon, was man nun glaubt und ob man überhaupt glaubt. Die Zeitung «The Guardian» aus dem vom Brexit gespaltenen Großbritannien schreibt am Dienstag: «Wie dumm es doch in einem Moment wie diesem erscheint, so zu tun, als wären wir nicht alle Europäer.»

Die radikalen Brexit-Anhänger reden gern von einem angeblichen Sonderweg der Briten, der sie von allen Ländern Kontinentaleuropas grundlegend unterscheide. Doch schon ein flüchtiger Blick auf die Westminster-Abtei direkt gegenüber von Big Ben lässt starke Zweifel daran aufkommen: Jeder Laie erkennt sofort die Ähnlichkeit mit Notre-Dame. Alle gotischen Kathedralen Europas sind miteinander verbunden und stehen somit stellvertretend für das gemeinsame Erbe.

«In Frankreich ist die Gotik erfunden worden, sie war im Mittelalter der Exportschlager Frankreichs», erläutert der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich. Der Kölner Dom zum Beispiel ist von der Kathedrale von Amiens in Nordfrankreich inspiriert, sein Architekt Meister Gerhard hat dort möglicherweise seine Ausbildung erhalten. Es galt deshalb 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs als besonderer Zivilisationsbruch, als die Deutschen auf ihrem Vormarsch gen Paris die Kathedrale von Reims beschossen.

Nun sieht auch Notre-Dame aus wie nach einem Krieg. Aber so soll es nicht bleiben: Noch während das Feuer brannte, hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versprochen, dass die Kirche wieder aufgebaut werde. «Denn das ist es, was die Franzosen erwarten.» Und auch die Europäer, könnte man ergänzen. Im Europaparlament in Straßburg sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk am Tag nach dem Großbrand: «Ich weiß, dass Frankreich das alleine machen könnte, aber hier geht es um mehr als nur materielle Hilfe.» Der Brand habe deutlich gemacht, dass man in der EU tiefergreifender verbunden sei als durch Verträge. «Heute verstehen wir besser, was die Grundlage der Gemeinsamkeiten ist. Wir wissen besser, wie viel wir verlieren können - und dass wir das zusammen verteidigen wollen.»

So sieht es der EU-Ratspräsident, und viele werden ihm zustimmen. Andere mögen auch politisches Kalkül darin erkennen. Aber nur wenige werden sich dem Ziel des Wiederaufbaus verweigern. Dombaumeister Füssenich glaubt, dass das eine Sache von Jahrzehnten sein wird. Das ist aber immer so beim Kathedralenbau: Es ist ein Generationen-Projekt. Wer es anfängt, erlebt die Fertigstellung nicht mehr. Er tut es für seine Kinder und Enkel, die sicher auch alle mal nach Paris fahren wollen. Wer aber Paris sagt, der sagt Notre-Dame. Und Notre-Dame muss wieder leuchten.

Veröffentlicht am:
16. 04. 2019
13:53 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
16. 04. 2019
13:53 Uhr



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