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Hintergründe

Joe Biden will Präsident werden

Joe Biden führt die Umfragen unter den demokratischen Präsidentschaftsaspiranten seit Wochen an. Erst jetzt steigt der Ex-Vize-Präsident offiziell ins Rennen ein. Aber ist er der richtige Herausforderer im Rennen gegen Donald Trump?



Joe Biden
Joe Biden führt die Umfragen unter den demokratischen Anwärtern seit Wochen an - er wurde dort bislang als potenzieller Bewerber gelistet.   Foto: Anders Wiklund/TT NEWS AGENCY

Joe Biden hat eine simple Botschaft: Es geht um alles, und ich bin der richtige Mann dafür. Am Donnerstagmorgen um 6 Uhr Ortszeit veröffentlicht der frühere US-Vizepräsident bei Twitter eine Videobotschaft, auf die seine Anhänger monatelang gewartet haben.

Darin erklärt der Demokrat seine Kandidatur für das Rennen ums Weiße Haus 2020. Und er tut es auf bemerkenswerte Weise. In dem dreieinhalbminütigen Clip konzentriert sich Biden auf das, was im August 2017 in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia passierte - und darauf, wie US-Präsident Donald Trump reagierte. Damals marschierten in der 50.000-Seelen-Stadt Neonazis und Rechtsextremisten auf. Sie skandierten NS-Sprüche und rassistische Parolen. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Ein Rechtsextremist steuerte sein Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten und tötete so eine junge Frau. Charlottesville wurde über Nacht zum traurigen Symbol rechter Gewalt. Und die Proteste wurden zu einem wichtigen Moment in Trumps Präsidentschaft.

Der Republikaner sah damals «die Schuld auf beiden Seiten» und sagte, es habe auf beiden Seiten auch «sehr gute Menschen» gegeben. Trumps Aussage wühlte das Land nachhaltig auf und schockte viele.

Biden stellt Trumps Satz nun in den Mittelpunkt seines Aufschlags für das Präsidentschaftsrennen 2020. In seinem Video sind die Bilder von Charlottesville zu sehen: Hakenkreuz-Fahnen, seitengescheitelte Fackelträger, dazu ein ernst dreinschauender Biden, der Trumps Worte von damals zitiert und sagt: «In dem Moment wusste ich, dass die Bedrohung für unser Land größer ist als alles, was ich in meinem Leben zuvor gesehen habe.» Amerika stecke in einem «Kampf um die Seele dieser Nation». Wenn Trump acht Jahre im Weißen Haus bleibe, werde er das Wesen des Landes fundamental und für immer verändern, warnt Biden. Das könne er nicht zulassen. «Die wesentlichen Werte unserer Nation, unser Ansehen in der Welt, unsere Demokratie, alles, was Amerika zu Amerika gemacht hat, steht auf dem Spiel.»

Mehr Pathos geht nicht. Anders als alle anderen Bewerber konzentriert sich Biden zum Einstieg ins Rennen auf ein einziges großes Thema - auf den Rassismus und die Spaltung, die Amerika so zusetzen. Ein Thema also, mit dem er auch und gerade die nicht-weiße Wählerschaft mobilisieren könnte. Biden versucht, die Debatte auf eine höhere Ebene zu wuchten. Und er wagt mehr als die anderen Präsidentschaftsanwärter einen Frontalangriff auf Trump, indem er auf einen von dessen größten Fehltritten der bisherigen Amtszeit abzielt.

Über Monate ließ Biden seine Anhänger mit Blick auf die Wahl zappeln. Er machte keinen Hehl aus seinen Ambitionen, heizte Spekulationen an. Doch mit seiner Verkündung ließ er sich Zeit. Er wollte zuerst seine Mitbewerber kommen lassen. Ob das schlau war, muss sich zeigen.

Biden reiht sich nun ein in ein extrem großes Bewerberfeld für eine Präsidentschaftswahl - das größte, das die Demokratische Partei je hatte. 19 weitere Anwärter gibt es bereits, mit ihm sind es nun 20. Darunter sind eine Reihe etablierter Senatoren wie Elizabeth Warren, Kamala Harris, Cory Booker oder Amy Klobuchar. Oder jüngere, aufstrebende Leute wie der Ex-Kongressabgeordnete Beto O'Rourke aus Texas oder Pete Buttigieg, der 37 Jahre alte Bürgermeister aus Indiana, der als erster Schwuler ins Weiße Haus einziehen will.

Und dann wäre da noch der unabhängige Senator Bernie Sanders, der bereits 2016 bei den demokratischen Vorwahlen antrat und damals Hillary Clinton unterlag. Der 77-Jährige will ebenfalls einen weiteren Versuch starten. Kurzum: Die Konkurrenz ist übergroß.

Biden führt die Umfragen unter den demokratischen Anwärtern seit Wochen an - er wurde dort bislang als potenzieller Bewerber gelistet. Sanders liegt hinter ihm auf Platz zwei. Die beiden gehören in dem Feld zu den prominentesten Köpfen. Biden war von 2009 bis 2017 Stellvertreter des damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Mehr als 35 Jahre saß er im US-Senat. Das ganze Land kennt ihn.

Er hat mehr Erfahrung als viele andere Kandidaten, verkörpert Vernunft, Stabilität, bedient auch die Sehnsucht einiger nach den Obama-Jahren. Allerdings gehört er wie Sanders nicht zu den Jüngsten. Politstrategen beschreiben das Problem etwas direkter: Er ist ein alter weißer Mann. Er steht nicht gerade für Erneuerung. Außerdem: Je länger die politische Karriere, desto mehr Angriffsfläche gibt es.

Und: Wie Sanders hat auch Biden zuvor schon erfolglos versucht, sich bei den Vorwahlen seiner Partei für die Präsidentschaftswahl durchzusetzen. Zwei Mal sogar: bei den Wahlen 1988 und 2008. Beim ersten Mal stolperte er über eine Plagiatsaffäre. Beim zweiten Mal hatte er keine Chance gegen Obama und Clinton. Nach der ersten Vorwahl gab er auf. Obama machte ihn später zu seinem Vize.

Biden verkörpert Staatstragendes. Gleichzeitig inszeniert er sich als Mann der Arbeiterschaft, als Anwalt der kleinen Leute. In den vergangenen Wochen sprach Biden bei vielen Gewerkschafter-Treffen.

Zuletzt - ausgerechnet so kurz vor seiner großen Ankündigung - geriet er auf negative Weise in die Schlagzeilen: Mehrere Frauen warfen ihm vor, er habe sich in der Vergangenheit übergriffig verhalten - durch ungebetene körperliche Nähe oder ungewollte Liebkosungen. Biden sah sich am Ende bemüßigt, öffentlich Besserung zu geloben.

Trump - dem viele Frauen weit Schlimmeres vorwerfen - machte sich in der Frage in aller Öffentlichkeit über Biden lustig. Auch auf Bidens Einstieg in den Präsidentschaftsvorwahlkampf reagiert Trump mit viel Spott: Auf Twitter begrüßt er den «schläfrigen Joe» im Rennen, zweifelt an dessen Intelligenz und stimmt ihn auf «fiese» Vorwahlen bei den Demokraten ein. Wenn Biden das überstehe, «dann sehen wir uns am Start», schreibt der 72-Jährige da. Wenn es tatsächlich so käme, wäre es das Rennen zweier alter weißer Männer ums Weiße Haus.

Veröffentlicht am:
25. 04. 2019
16:43 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
25. 04. 2019
16:43 Uhr



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