Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Hintergründe

CSU kassiert Klatsche

Sie hieß «Ausländermaut», später ganz seriös «Infrastrukturabgabe» und sie war eines der ganz großen Prestigevorhaben der CSU. Nun ist die Pkw-Maut perdu. Das könnte die Koalition noch beschäftigen.



Andreas Scheuer
Schmallippig: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in München.   Foto: Sina Schuldt

Der Satz klebt an der Kanzlerin wie Kaugummi am Reifen. «Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben», sagte sie vor der Bundestagswahl 2013. Wenig später lenkte Angela Merkel auf Druck der CSU doch ein, pochte aber darauf, dass kein Inländer draufzahlen darf.

Die Maut kam zuerst in den Koalitionsvertrag von Union und SPD, dann ins Gesetzblatt. Und jetzt ist das Wahlkampfversprechen der damaligen CDU-Chefin doch irgendwie eingelöst - wenn auch aus Versehen: Die obersten EU-Richter kippten die Pkw-Maut. Das ist eine Blamage aber vor allem für die CSU, die schon seit den 80er Jahren mit einer «Ausländermaut» als Wahlkampfschlager durch die Bierzelte gezogen war.

Drei Stunden nach der Urteilsverkündung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) beginnt ein ziemlich zerknirschter Bundesverkehrsminister in München mit der Schadensbegrenzung. Ein «herber Rückschlag» sei das, sagt Andreas Scheuer (CSU). Und listet dann auf: Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident und auch die EU-Kommission, alle hätten doch «grünes Licht gegeben». Soll heißen: Dass die Bayern ihr Prestigeprojekt gegen Bedenken in der CDU und Widerstand in der SPD durchgedrückt haben, ist Geschichte. Die Verantwortung liege bei allen, nicht nur bei der CSU.

Ex-CSU-Chef und Bundesinnenminister Horst Seehofer meldet sich stattdessen mit sanfter Kritik an den EU-Richtern: Man müsse Gerichtsurteile akzeptieren, aber nicht verstehen, sagt er. Die Entscheidung werde die Zustimmung zu europäischen Institutionen nicht gerade erhöhen - und das sei «schade».

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der einen erheblichen Teil seiner Zeit im Bundesverkehrsministerium als Mautminister verbracht hatte, beklagt: Es werde «mit zweierlei Maß gemessen», was in Österreich akzeptiert werde, gestatte der EuGH den Deutschen nicht. Im Kern geht es darum, dass zwar In- und Ausländer Maut zahlen sollten, aber die Inländer parallel bei der Kfz-Steuer entlastet werden.

Im Vergleich zu früheren Sprüchen zum Thema Maut klang die CSU nun relativ kleinlaut. Denkwürdig ist etwa Seehofers Satz Ende 2013: «Ein Alexander Dobrindt scheitert nicht.» Oder Dobrindt selbst, der 2015 der Opposition im Bundestag und den Kritikern in der Koalition zurief: «Sie ist europarechtskonform, glauben Sie es endlich.» Wie hätten sie sich bei einem Sieg vor Gericht als Mauthelden gefeiert?

Auch beim sonst omnipräsenten Parteichef Markus Söder herrscht am Dienstag erstmal Funkstille. In der Münchener Partei- und Regierungszentrale reagiert man mit Kopfschütteln, Unverständnis, Ernüchterung. Die Blamage trifft die CSU in einer Zeit, in der sie in der großen Koalition eigentlich gar nicht schlecht dasteht. CDU und SPD haben bei der Europawahl Verluste eingefahren und kämpfen mit Personalquerelen. Die CSU dagegen hat in Bayern hinzugewonnen und schießt nicht mehr öffentlich gegen Kanzlerin und CDU-Spitze wie noch im Migrationsstreit.

Nur einen Tag vor der Ohrfeige aus Luxemburg feierten die Bayern sich noch für ihren Grundsteuer-Sonderweg, den sie gegen Finanzminister Olaf Scholz (SPD) durchgeboxt hatten. Nun könnte Zwist mit Scholz anstehen, weil private Betreiber schon Maut-Vorbereitungen angestoßen hatten - dadurch könnten Entschädigungen fällig werden. Scheuer müsse sicherstellen, dass dem Bundeshaushalt kein Schaden entstehe, fordert SPD-Fraktionsvize Sören Bartol vorsorglich. Der Verkehrsminister berief eine «Task Force» ein, man könnte auch Arbeitsgruppe sagen.

Sollte die CSU die Klatsche durch eine stärkere Profilierung in der Bundesregierung wettmachen wollen, könnte es noch mehr Ärger geben. Zunächst nutzt die SPD aber fröhlich feixend die Gelegenheit, mal nicht der Buhmann zu sein. Nun sei der «Maut-Murks vom Tisch», sagt etwa die Chefin der Verkehrsministerkonferenz, Anke Rehlinger (SPD). In der CDU bleibt es relativ ruhig. Merkel sagt sachlich zum Urteil: Scheuer werde nun die Lage analysieren, dann werde man sehen.

Zusätzlich bitter für die Christsozialen ist, dass ausgerechnet der Nachbar Österreich ihnen mit seiner Klage die Maut-Klatsche beschert hat. Gerade beim Verkehr haben der Freistaat und die Alpenrepublik jede Menge Baustellen und Stress miteinander. Mit der Lkw-Blockabfertigung auf der Autobahn sorgt Österreich für Staus in Südbayern, Österreich ärgert sich über die Grenzkontrollen bei der Einreise nach Bayern.

Nun stehen die Sommerferien vor der Tür, und viele deutsche Autofahrer dürften sich nicht nur über Staus ärgern - sondern auch darüber, dass sie in Österreich, der Schweiz, Italien oder Frankreich zur Kasse gebeten werden, während Deutschland bis auf weiteres für Pkw mautfreie Zone bleibt.

Veröffentlicht am:
18. 06. 2019
22:31 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alexander Dobrindt Andreas Scheuer Anke Rehlinger Bundeshaushalt Bundesinnenminister Bundeskanzlerin Angela Merkel Bundesverkehrsminister CDU CSU Deutscher Bundesrat Deutscher Bundestag Europäische Kommission Europäischer Gerichtshof Finanzminister Gerichtshöfe Große Koalition Horst Seehofer KFZ-Steuer Kanzler Markus Söder Olaf Scholz Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland SPD Sören Bartol Verkehrsminister Wahlen zum Deutschen Bundestag
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Bundesregierung

02.12.2019

Nach SPD-Votum: Das sind die Sprengsätze der Koalition

Kommt nach dem Beben in der SPD nun der «Groxit»? Die designierte Parteiführung will inhaltlich Neues durchsetzen. Es gibt viele Sprengsätze, die zum vorzeitigen Ende der großen Koalition führen könnten. » mehr

Sieger und Besiegter

vor 23 Stunden

Nicht die reine Lehre: Neue SPD-Spitze vermeidet Groko-Votum

«In die neue Zeit» ist der Parteitag der Sozialdemokraten überschrieben. Diese neue Zeit soll mit einem Kompromiss beginnen. Kann das die Lager versöhnen? » mehr

Olaf Scholz

26.11.2019

Wofür 2020 Steuergeld ausgegeben wird

Kurz vor der Entscheidung über den SPD-Vorsitz geht Finanzminister Scholz bei der Haushaltsdebatte noch einmal in die Bütt. Nutzt er die Gelegenheit, den Genossen die Bedeutung einer Regierungsbeteiligung klar zu machen?... » mehr

Pkw-Maut

18.06.2019

Totalschaden für die Maut

Sie sollte in 16 Monaten starten - die Pkw-Maut, mit der die CSU auch Fahrer aus dem Ausland zur Kasse bitten wollte. Die höchsten EU-Richter haben diesen Plan zunichte gemacht. Und nun? » mehr

Verkehr in Berlin

17.09.2019

Vor Treffen des Klimakabinetts: Druck auf Regierung steigt

Die Koalition streitet über den richtigen Weg für mehr Klimaschutz. Die SPD will klare Vorgaben, die Union vor allem mehr Anreize. Nun bezieht die Kanzlerin Stellung. Einigen Umweltverbänden reichen die bisherigen Pläne ... » mehr

Vorbereitung SPD-Parteitag

vor 8 Stunden

Der SPD-Parteitag im Überblick

Neue Parteispitze, Gedrängel bei den Stellvertretern, Neuaufstellung in der GroKo - die SPD hat sich viel vorgenommen. Völlig offen ist, ob ihr ein Parteitag ohne Chaos gelingt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Frankenwald-Advent in Nordhalben

Frankenwald-Advent in Nordhalben | 04.12.2019 Nordhalben
» 18 Bilder ansehen

Weihnachtsmarkt in Mitwitz

Weihnachtsmarkt in Mitwitz | 30.11.2019 Mitwitz
» 33 Bilder ansehen

Krippenausstellung in Kronach

Krippenausstellung in Kronach | 01.12.2019 Kronach
» 19 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
18. 06. 2019
22:31 Uhr



^