Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Hintergründe

Störung statt Klima-Blockade in Berlin

Die Ankündigung klang bedrohlich: Klimaaktivisten wollten Berlin, wie andere Städte auch, blockieren. Was Autofahrer am Montag in der Hauptstadt erlebten, dürfte viele aber nicht geschockt haben.



Blockade in Berlin
Rot gekleidete Aktivisten von «Extinction Rebellion» blockieren Zufahrten zum Großen Stern an der Siegessäule in Berlin.   Foto: Christophe Gateau/dpa

Ist alles nur aufgeblasen, mehr Schein als Sein, wie von Protestforscher Dieter Rucht vorausgesagt? Die Aktivistengruppe Extinction Rebellion will Berlin und andere Großstädte weltweit lahmlegen.

Zumindest das, was am Montag in Berlin passiert ist, dürfte die meisten Hauptstädter nicht schockiert haben. Zwei Blockaden an zentralen Punkten wie dem Großen Stern mit der Siegessäule und dem Potsdamer Platz mit Verzögerungen für Autofahrer von bis zu 20 Minuten - die Berliner sind weiträumigere Straßensperrungen gewohnt, wenn auch zu anderen Anlässen.

Schon am frühen Morgen blockieren rund 1000 Aktivisten den großen Stern, am Mittag dann folgt der Potsdamer Platz mit etwa 2000 Demonstranten. Sie wollen auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen. Während es aber in London, Amsterdam, Wellington oder auch Sydney zu Festnahmen kommt, bleibt es in Berlin zumindest bis Nachmittag ruhig. Protestler und Polizisten betonen gleichermaßen, wie friedlich und beinahe freundschaftlich alles sei.

Am Nachmittag greift die Polizei dann langsam durch, bietet den Demonstranten an, ihren Protest nur noch auf zwei der fünf Zufahrten zum Großen Stern weiterführen zu können. Auch den Potsdamer Platz will sie wieder befahrbar machen. Protestler halten dagegen, ketten sich an einen Lkw, an eine mit Sand gefüllte Badewanne, blockieren die Straße. Die Polizei will Angekettete notfalls wegtragen.

Es ist auch ein Festival der Protestfolklore: Dreadlocks, gefärbte Haare, alternative Kleidung soweit das Auge reicht. Die zumeist jungen Menschen sitzen in Trommelkreisen beisammen und singen altbekannte Lieder. «Bella Ciao», «Probiers mal mit Gemütlichkeit», «Theo, spann den Wagen an» - wer in den letzten 50 Jahren auf einer linken Demo war, kennt die Melodien, deren Texte die Aktivisten auf das Thema Klimaschutz umgedichtet haben. Ein ganzes Liederbuch haben sie geschrieben und verteilt, alle zentralen Gesänge und Parolen stehen darin.

Extinction Rebellion (kurz XR und auf Deutsch etwa: Rebellion gegen das Aussterben) kommt ursprünglich aus Großbritannien. Nach eigenen Angaben gibt es sie seit November 2018 auch hierzulande. Die Gruppe, die angibt, keine wirklichen Anführer zu haben und bei jeder Frage auf die dezentrale Struktur verweist, ist gut organisiert.

Binnen einer halben Stunde ist vor der Siegessäule eine Holzarche zusammengeschraubt, auf der die ehemalige Seenotretterin Carola Rackete die Klimapolitik der Bundesregierung kritisiert. In 20 Minuten ist ein Zirkuszelt auf dem Potsdamer Platz aufgebaut und in nicht mal fünf Minuten die sonst so verkehrsreiche Kreuzung vor dem Platz mit Sofas und Zimmerpflanzen in ein großes WG-Wohnzimmer verwandelt. Jeder Handgriff sitzt, jeder weiß, was er zutun hat.

Auch die Kommunikation zeigt, wie professionell die Gruppe aufgestellt ist: Die Mobilisierung nach Außen geschieht über Whatsapp-Gruppen, in denen man sich auf der Homepage anmelden kann. Untereinander haben die Demonstranten Gruppen gebildet, die Delegierte in Plenen entsendet. Dort wird das weitere Vorgehen diskutiert und abgestimmt, bevor die Delegierten in ihre Gruppen zurückkehren und berichten.

Ebenfalls nicht selbstverständlich ist der Umgang mit der Polizei. Die Rebellen hatten gelobt, ihren zivilen Ungehorsam friedlich auszuleben. Und das gelingt, zumindest bis Montagnachmittag. Sie verteilen Flyer an die Polizei, auf denen sie geloben friedlich und respektvoll mit den Beamten umzugehen. Für die Kommunikation mit den Sicherheitskräften haben die Organisatoren sogenannte Deeskalateure eingeteilt.

Aus Sicht des Protestforschers Dieter Rucht handelt es sich in Deutschland bislang nur um eine relativ kleine Gruppe. «Extinction Rebellion ist ein Stück weit aufgeblasen, mehr Schein als Sein», sagt er. Das zeige sich auch an «vollmundigen Ankündigungen» zur Mitgliederzahl und Anzahl der nationalen Verbände. Zu den jüngsten Aktionen in Berlin sei stets nur eine kleine Gruppe gekommen. Dennoch habe es Extinction Rebellion damit stets in die Medien geschafft, was für eine gewisse Professionalität spreche.

Rucht vergleicht den Aufbau mit einem Franchise-System: So genügten wenige Klicks, um auf der Internetseite als Ortsgruppe in Gründung genannt zu werden. So erweckten die Aktivisten den Eindruck, dass die Bewegung mit vielen Ortsgruppen weltweit präsent sei. «Aber die Präsenz ist weitgehend eine Webpräsenz und keine physische Präsenz.» Zumindest am Montag zeigten die Aktivisten, dass es sie auch offline und nicht nur online gibt.

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
16:55 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Demonstranten Demonstrationen Klimakatastrophe Klimapolitik Klimaschutz Liederbücher und Gesangbücher Polizei Polizistinnen und Polizisten Protestierer Sicherheitskräfte Sozialer oder politischer Protest
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
«Blockieren statt krepieren»

07.10.2019

Rebellion der Klimaaktivisten: «Blockieren statt krepieren»

Da, wo sonst Hunderte Autos um die Siegessäule rauschen, sitzen und laufen an diesem frühen Montagmorgen Hunderte meist junge Menschen. Ihr Ziel: Alle mit dem Kopf auf die drohende Klimakatastrophe stoßen. » mehr

Proteste

18.10.2019

«Furie und Feuer»: Kataloniens Separatisten werden radikaler

Die Forderung nach einer Unabhängigkeit Kataloniens bewegt seit Jahren die Gemüter. Jetzt ist die Abspaltungsbewegung wieder in aller Munde - denn wegen der Justizurteile gegen ihre Anführer sind viele in der Region rich... » mehr

Proteste in Hongkong

18.08.2019

Mit Kind und Regenschirm - Hunderttausende trotzen Peking

Wie geht es weiter in Hongkong? Nach den Massenprotesten vom Wochenende ist zumindest klar, dass die Demokratiebewegung gegen Peking immer noch großen Rückhalt hat. Aber der reichste Mann der Stadt gibt den Leuten neue R... » mehr

Proteste

28.07.2019

Demonstranten fordern die Macht heraus

Für den Kreml sind die bevorstehenden Regionalwahlen in Russland ein wichtiger Stimmungstest. Viele Moskauer befürchten aber Manipulationen schon im Vorfeld und gehen auf die Straße. Wird das zu einem Problem für die Sta... » mehr

Festgenommen

27.07.2019

Demonstranten fordern die Macht heraus

Für den Kreml sind die bevorstehenden Regionalwahlen in Russland ein wichtiger Stimmungstest. Viele Moskauer befürchten aber Manipulationen schon im Vorfeld und gehen auf die Straße. Wird das zu einem Problem für die Sta... » mehr

Kohlegeschäft in Ohio

05.11.2019

Abschied auf Raten: Trump und der Klimaschutz

Donald Trump hat das Pariser Klimaabkommen längst abgeschrieben. Bis der Austritt besiegelt ist, muss sich der US-Präsident aber noch ein Jahr gedulden - unter Umständen sogar bis zum Ende seiner Amtszeit. Eine Wende in ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) Coburg

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) | 17.11.2019 Coburg
» 46 Bilder ansehen

Rathaussturm in Steinberg Steinberg

Rathaussturm in Steinberg | 16.11.2019 Steinberg
» 8 Bilder ansehen

HSC 2000 Coburg - ThSV Eisenach 31:23 (15:14) Coburg

HSC 2000 Coburg - ThSV Eisenach 31:23 (15:14) | 16.11.2019 Coburg
» 47 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
16:55 Uhr



^