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Hintergründe

Nach dem Anschlag: Wie Halle den Schock verarbeitet

Überall Polizei, Journalisten, Blumen und trauernde Menschen. In Halle mischt sich am Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge mit zwei Toten Bedrückung in die alltägliche Betriebsamkeit. Was hat das grausame Attentat mit der Stadt gemacht?



Döner-Imbiss
Absperrband der Polizei hängt vor dem Dönerladen in Halle.   Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Im Minutentakt kommen Menschen und legen Blumen vor die Synagoge in Halle. Einige weinen, alle halten inne und wirken bedrückt.

Anwohner hängen am Donnerstag spontan ein selbstgemaltes Transparent an ihr Fenster: «Humboldstr gegen Antisemitismus + Hass» steht darauf. Die Hausgemeinschaft habe ein Zeichen setzen wollen gegen das Anliegen des 27 Jahre alten Mannes, der für den Anschlag auf die Synagoge, zwei Tote und mehrere Verletzte verantwortlich sein soll, sagt Benjamin Leins (32). Die Gedanken hinter der Tat, der Hass, er sei bei vielen Leuten präsent. «Und deswegen finden wir es wichtig, dass man auf die Schnelle ein Zeichen dagegen setzt.»

Dieses Zeichen wollen am Tag nach dem weltweit registrierten Anschlag viele setzen. Auf dem Marktplatz von Halle entsteht ein Kerzen- und Blumenmeer, ebenso direkt an den Tatorten vor der Synagoge und an einem nahen Dönerladen. «Unfassbar», «grausam», «einfach nur schlimm» murmeln die Menschen, die an den Orten um die Opfer trauern.

Am Nachmittag kommen Fans des heimischen Drittligisten Hallescher FC zur Synagoge, um zu trauern. Der erschossene Mann, ein 20-Jähriger, war Mitglied des Vereins - und der aktiven Fanszene. «Es ist ein Familienmitglied von uns gestorben, und das ist echt scheiße», sagt Paul Violka, der mit dem jungen Mann befreundet war.

Am Abend versammeln sich Hunderte in der Stadt, um gemeinsam der Opfer zu gedenken. Allein zu einer Andacht in die nahe am Tatort gelegene Pauluskirche kommen so viele Menschen, dass nicht alle hineinpassen. Auch am Marktplatz trauert Halle gemeinsam.

Neben den Polizisten sind auch Journalisten sehr präsent. Vor der Synagoge beantworten einige Jüdinnen und Juden, die während des Anschlags in dem Gotteshaus waren, geduldig Fragen. Unter ihnen ist Christina Feist (29), die aus Wien stammt und in Berlin wohnt. Sie wollte «fern des Großstadttrubels» mit anderen Gläubigen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle begehen.

Der größte Schock für sie sei gewesen, dass sie auf dem Bildschirm der Überwachungskamera sehen konnten, wie der Täter direkt vor der Synagoge eine 40 Jahre alte Frau erschoss. «Wir konnten schlecht rausgehen», sagt Feist. Sie hätten mehr als 15 Minuten die am Boden liegende Frau gesehen, nicht wissend, ob sie lebt oder nicht. Erst dann sei die Polizei gekommen. In der Synagoge habe keine Panik geherrscht, aber Anspannung. «Wir haben gesungen, wir haben gebetet», sagt Feist. Sie seien dankbar gewesen, dass sie noch lebten.

Doch zwei Menschen überleben den Anschlag nicht. Zu den vielen erschütterten und trauernden Hallensern gesellen sich im Laufe des Tages viele Spitzenpolitiker: Schon am späten Vormittag kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an. Er spricht von einem «feigen Anschlag» und von einem «Tag der Scham und der Schande».

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ist vor Ort, zusammen mit dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), dessen Amtskollegen aus dem Land, Holger Stahlknecht (CDU), und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, besucht er die Synagoge und den Tatort am Döner.

Viele Wege führen zu den Tatorten, ins Paulusviertel, am Rand der Innenstadt. Es ist eine der begehrtesten Wohngegenden. Viele Familien leben hier - und Studierende. Die Ludwig-Wucherer-Straße, an der der Dönerladen liegt, in dem der Attentäter den 20-Jährigen erschoss, hat sich zu einem belebten Viertel mit Cafés und Ateliers entwickelt.

Damit steht es sinnbildlich für die Entwicklung der ganzen Stadt. Sie profitierte in den vergangenen Jahren auch vom Boom der sächsischen Nachbarstadt Leipzig. Wegen steigender Mietpreise dort wohnen inzwischen viele Studierende in Halle. Die Stadt an der Saale hat selbst eine Uni und eine Kunsthochschule, ist Sitz der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Seit Kurzem hat Halle mit seinen mehr als 239 000 Bewohnern die ebenfalls wachsende Landeshauptstadt Magdeburg überholt und ist die größte Stadt im Land.

Doch auch die rechtsextreme Szene ist präsent. Montags hält ein bekannter Rechtsextremist regelmäßig Demos ab. Nur wenige Minuten Fußweg von der Synagoge entfernt gibt es eine Immobilie, die der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Identitären Bewegung gehört. Der AfD-Landtagsabgeordnete und frühere Chef der Rechtsaußen-Strömung «Patriotische Plattform», Hans-Thomas Tillschneider, hatte dort zwischenzeitlich sein Büro.

Die Stadt gehe konsequent gegen Rechts vor, beteuert Stadtchef Bernd Wiegand im Fernsehen. Der parteilose Politiker hofft, bei der anstehenden Oberbürgermeisterwahl wiedergewählt zu werden. Die erste Runde ist an diesem Sonntag. Ihm werden gute Chancen auf eine Wiederwahl eingeräumt. Wiegand verwies darauf, dass Rechtsextremismus wie Antisemitismus gesamtgesellschaftliche Probleme seien. «Wir waren bedauerlicherweise Ort des Terrorismus an diesem Tag, aber insgesamt müssen die gesellschaftlichen Anstrengungen weitestgehend und vielfältig erhöht werden.»

Am Tag danach versucht Halle neben all dem Trauern und dem Großaufgebot an Politikern zur Normalität zurückzufinden. Auch am Hauptbahnhof, der während des Anschlags sicherheitshalber stundenlang gesperrt war, ist das zu beobachten. Die Menschen seien verhaltener als sonst, sagt eine Verkäuferin an einem Zeitungskiosk. Sie gebe deswegen allen Kunden den Wunsch für «einen ruhigen Tag» mit. Und wenn die Blumen und Politiker weg sind - wird Halle dann enger zusammenstehen? Der Anwohner Leins, der das Transparent ans Fenster hängte, ist sich nicht sicher. «Das wird sich zeigen.»

Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
20:13 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
10. 10. 2019
20:13 Uhr



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