Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Hintergründe

Schritt für Schritt im Kampf gegen Armut

Die Bekämpfung von Hunger, Krankheiten und mangelnder Bildung bleibt trotz Fortschritten eine der schwierigsten Aufgaben der Menschheit. Nun werden drei Ökonomen für ihren Ansatz mit dem Nobelpreis geehrt, darunter die erst zweite Frau der Preisgeschichte.



Esther Duflo
Duflo, die in Paris geboren wurde und auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, ist erst die zweite Frau nach der Amerikanerin Elinor Ostrom, die den Wirtschaftsnobelpreis erhält.   Foto: Cyril Fresillon/CNRS Phototheque/AP/dpa

Wie lässt sich wirksam verhindern, dass jedes zweite Kind weltweit ohne Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen die Schule verlässt? Wie können Staaten die Misere bekämpfen, dass immer noch mehr als 700 Millionen Menschen mit extrem niedrigen Einkommen klarkommen müssen?

Und wie kann die Weltgemeinschaft vermeiden, dass jährlich fünf Millionen Kleinkinder an Krankheiten sterben, wo doch bereits billige Medikamente oder vorbeugende Medizin geholfen hätten? Das sind nur einige der Fragen, mit denen sich in diesem Jahr auch die Nobelpreis-Jury in Stockholm beschäftigt hat.

Antworten geliefert haben die Ökonomen Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer. Und dafür werden sie in diesem Jahr mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Die Erkenntnisse der drei Forscher hätten «unsere Fähigkeit, Armut zu bekämpfen, in der Praxis dramatisch verbessert», lobte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm. In nur zwei Jahrzehnten hätten sie die Entwicklungsökonomie in ein florierendes Forschungsgebiet verwandelt.

Ein Verdienst der Forscher, die alle an US-Universitäten arbeiten: Sie zerlegten die extrem komplexe Aufgabe der globalen Armutsbekämpfung in viele kleine Einzelthemen, um sie überschaubarer und beherrschbarer zu machen. So hätten die drei Forscher etwa gezeigt, wie sich die Schulbildung und die Gesundheit von Kindern mit kleinen, präzisen Schritten verbessern ließen, erklärte die Jury.

Dabei leisteten die Ökonomen wissenschaftliche Pionierarbeit an Armen in der Praxis. Der Harvard-Ökonom Kremer (54) und seine Kollegen etwa führten Mitte der 1990er Jahre Feldexperimente durch, um Maßnahmen für eine bessere Schulbildung in Kenia zu testen. Bei solchen Experimenten werden Menschen nach dem Zufallsprinzip in Gruppen eingeteilt. Jede erhält etwas andere Bedingungen, lebt aber ansonsten normal weiter. Nach einiger Zeit lässt sich anhand des Gruppenvergleichs beobachten, welche Politik welche Folgen hat.

«Während Maßnahmen zur Armutsbekämpfung, die am Reißbrett geplant werden, häufig nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen, lassen sich so bessere Hinweise darauf finden, was in der Praxis funktioniert», erklärte Christoph Schmidt, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Duflo, Banerjee und Kremer hätten Feldexperimente «auf bemerkenswerte Weise weiterentwickelt und in die öffentliche Debatte eingebracht».

Die Jury in Stockholm führte eine Reihe von Praxiserfolgen des Trios auf. Als direkte Folge ihrer Arbeit hätten beispielsweise mehr als fünf Millionen Kinder in Indien von wirksamen Förderprogrammen profitiert. Ein anderes Beispiel seien bedeutsame Zuschüsse zur Gesundheitsvorsorge, die in vielen Ländern eingeführt worden seien. Die Arbeiten von Banerjee, Duflo und Kremer spielten heute eine Schlüsselrolle im Kampf gegen globale Armut. Das erkannte übrigens auch der frühere US-Präsident Barack Obama: Er berief Duflo in sein Beratungsgremium für globale Entwicklung.

Duflo, die ebenso wie ihr Ehemann Banerjee (58) am Massachusetts Institute of Technology forscht, sieht aber auch die Politik stärker in der Pflicht - etwa bei Handelsbarrieren der EU gegen Agrarprodukte. Doch selbst wenn alle Schranken und Zölle wegfallen würden, ließe sich die globale Armut nicht komplett tilgen, sagte sie nach der Preisvergabe. «Der Farmer in Kenia braucht weiter ergänzende Mittel.» Doch die Budgets zur Entwicklungshilfe seien relativ klein.

Duflo, die in Paris geboren wurde und auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, ist erst die zweite Frau nach der Amerikanerin Elinor Ostrom, die den Wirtschaftsnobelpreis erhält. Die 46-Jährige ist mit dem gebürtigen Inder Banerjee verheiratet - es das erste Ehepaar, das sich den renommierten Preis in der Kategorie Wirtschaft teilt.

Wie sie das Preisgeld von umgerechnet rund 830.000 Euro verwenden wolle, müsse sie nun mit Banerjee und Kremer besprechen, sagte Duflo in einem Telefonat mit der Jury - und nahm Bezug auf eine andere berühmte Forscherin der Weltgeschichte: Mit acht oder neun Jahren habe sie eine Biografie der Physik- und Chemienobelpreisträgerin Marie Curie gelesen. Diese habe nach ihrem ersten Preis ein Gramm Radium gekauft. Das habe sie «fantastisch» gefunden, da es Curies große Leidenschaft für ihre Arbeit gezeigt habe, sagte Duflo. «Wir drei müssen nun zusammen sprechen und herausbekommen, was unser Gramm Radium ist.»

Veröffentlicht am:
14. 10. 2019
16:19 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Armutsbekämpfung Barack Obama Elinor Ostrom Europäische Union Löhne und Einkommen Marie Curie Massachusetts Institute of Technology Nobelpreise Präsidenten der USA Twitter US-amerikanische Staatsangehörigkeit Wirtschaftsforschung Wirtschaftsnobelpreis Wirtschaftswissenschaftler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Auf oder ab, mehr oder weniger Neuinfektionen? Die Daten, auf denen die Einschätzung der Corona-Krise tatsächlich beruht, müssen exakt sein, sonst werden falsche Schlüsse daraus gezogen.

13.04.2020

Politik braucht verlässliche Zahlen

Bestimmte Maßzahlen sollen die Ausbreitung des Coronavirus einschätzen helfen. » mehr

Trump bleibt im Amt

06.02.2020

Und nun «Trump für immer»?

Nach monatelangen Ermittlungen und drei Wochen Prozess geht am Ende alles ganz schnell: In einer kurzen Sitzung spricht der Senat Donald Trump von den Impeachment-Vorwürfen frei. Keine Konsequenzen also? Nicht ganz. Das ... » mehr

Donald Trump

06.01.2020

Trumps heikler Auftakt ins Wahljahr

Die Tötung von Irans Top-General könnte die USA in einen Krieg schlittern lassen. Zehn Monate vor der US-Wahl droht eine Spirale der Gewalt, deren Ende nicht absehbar ist. Der Nahe Osten steht vor einem Umbruch. Die Demo... » mehr

Kohlegeschäft in Ohio

05.11.2019

Abschied auf Raten: Trump und der Klimaschutz

Donald Trump hat das Pariser Klimaabkommen längst abgeschrieben. Bis der Austritt besiegelt ist, muss sich der US-Präsident aber noch ein Jahr gedulden - unter Umständen sogar bis zum Ende seiner Amtszeit. Eine Wende in ... » mehr

Emmanuel Macron

04.12.2019

Nato-Geburtstag: Alle wollen feiern - außer einem

Die Nato feiert mit Treueschwüren ihr 70. Jubiläum. Doch hinter den Kulissen kriselt es gewaltig. » mehr

Trumps Filzstift-Notizen

21.11.2019

Wie bedrohlich ist die Ukraine-Affäre für Trump?

Die ersten öffentlichen Anhörungen bei den Impeachment-Ermittlungen gegen US-Präsident Trump haben den Demokraten reichlich Munition geliefert. Aber reicht das für ein Amtsenthebungsverfahren? » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Der Coburger Bahnhof der Zukunft Coburg

Der Coburger Bahnhof der Zukunft | 03.08.2020 Coburg
» 21 Bilder ansehen

Fridays for Future und Critical Mass in Coburg Coburg

Fridays for Future und Critical Mass in Coburg | Coburg
» 32 Bilder ansehen

Repatatur des Windrades bei Untermerzbach

Reparatur des Windrads bei Untermerzbach |
» 7 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
14. 10. 2019
16:19 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.