Lade Login-Box.
Corona Ticker
Topthemen: CoronavirusVideosCoburger OB-Kandidaten vor der KameraCotubeBlitzerwarner

Hintergründe

Wie die 'Ndrangheta zur größten Mafia der Welt wurde

In Italien ist von einer historischen Operation gegen die Mafia die Rede. Hunderte Verdächtige wurden festgesetzt. Doch wie wurde die kalabrische Mafia 'Ndrangheta eigentlich so mächtig? Einst verdiente sie mit Menschenraub ihr Geld.



Riesenschlag gegen Mafia
Operation der Polizei gegen die Mafia in Italien.   Foto: -/Ufficio Stampa Comando Generale Carabinieri/dpa

Es sind Politiker, Unternehmer und sogar ein Polizist darunter: Der Polizei ist ein aufsehenerregender Schlag gegen die Mafia in Kalabrien gelungen.

Doch die Festnahme von Hunderten Verdächtigen ist nicht nur für Italien eine große Nachricht: Die 'Ndrangheta gilt heute als weltweit mächtigste Mafiaorganisation und kontrolliert von Dörfern in Süditalien aus große Teile des weltweiten Drogenhandels. In Deutschland ist sie spätestens seit den Mafiamorden von Duisburg bekannt, als sechs Menschen vor einer Pizzeria erschossen wurden.

Ein Experte der italienischen Anti-Mafia-Polizei DIA, der aus Sicherheitsgründen unerkannt bleiben will, erzählt der Deutschen Presse-Agentur vom Umfang der Einnahmen der Organisation. Demnach verdient die 'Ndrangheta nach Recherchen des italienischen Eurispes-Instituts mit dem Drogenschmuggel 300 bis 350 Millionen Euro - pro Woche.

Doch begonnen hatte die 'Ndrangheta vor Jahrzehnten mit einer in Italien mittlerweile fast verschwundenen kriminellen Aktivität: Entführungen zur Erpressung von Lösegeld. Kidnapping war in Italien nicht nur eine Sache der 'Ndrangheta. Auch Banden im ländlichen Sardinien, Terroristen wie die linksextremen Roten Brigaden und teilweise auch die sizilianische Mafia Cosa Nostra mischten mit.

Laut einem Artikel in der «Italian Review of Criminology», der sich auf Daten des Innenministeriums bezieht, wurden in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren von 1969 an fast 700 Menschen gekidnappt - allein 1977 gab es 75 Fälle. «Es war genau so schlimm wie in Lateinamerika», sagt Domenico Di Petrillo, ein früherer Polizist für Sondereinsätze bei den italienischen Carabinieri. Er untersuchte Dutzende Entführungen in den 70er und 80er Jahren.

Die Gangster aus Kalabrien waren damals führend: Laut dem DIA-Experten landeten von den geschätzt 800 Milliarden Lira (heute etwa 413 Millionen Euro) Lösegeld, das italienische Kriminelle mit Entführungen verdienten, 65 bis 70 Prozent in den Händen der 'Ndrangheta. Dieses Geld wurde sofort wieder investiert: teilweise in Luxusgüter wie Villen oder teure Autos. Der größte Teil wurde aber dazu genutzt, in den Kokainschmuggel einzusteigen, sagte der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri einmal dem Anti-Mafia-Ausschuss des italienischen Parlaments. Während die Cosa Nostra ein «Beinahe-Monopol» auf den Heroin-Markt hatte, sah die 'Ndrangheta in Kokain ihr «Siegerpferd», so Gratteri. Manche Mitglieder hätten 30 oder 40 Jahre lang in Lateinamerika gelebt und dort Familie, ergänzte er.

Die 'Ndrangheta infiltrierte ebenfalls den Immobilien- und den öffentlichen Bausektor. Mit Einnahmen aus der Entführung von John Paul Getty III. bauten sie etwa ein Wohnviertel an der kalabrischen Küste namens «Getty Village». Der Milliardärsenkel war 1973 als Jugendlicher in Rom entführt und fünf Monate in abgelegenen kalabrischen Bergen gefangen gehalten worden. Sein rechtes Ohr wurde abgeschnitten, um seine Familie dazu zu bewegen, 1,7 Milliarden Lira für seine Freilassung zu zahlen.

Für die Brutalität der 'Ndrangheta gibt es viele Belege. Der Kriminologe Claudio Loiodice, ein früheres Mitglied eines italienischen Spezialeinsatzkommandos, erinnert sich an seine Arbeit am Fall des Marco Fiora. Der damals Siebenjährige wurde im März 1987 entführt und erst nach 17 Monaten «harter Haft» freigelassen. Als die Polizei ihn nach der Zahlung einer hohen Summe in den Wäldern Kalabriens fand, war er unterernährt, hatte unterentwickelte Beinmuskeln, und trug dieselbe Unterwäsche, wie am Tag seiner Entführung», wie Loiodice der dpa erzählt.

Die Angst vor Entführungen war unter den italienischen Eliten weit verbreitet - speziell in den späten 1970ern. Der Höhepunkt war die Entführung und Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro 1978. Dafür waren allerdings die Roten Brigaden und nicht die Mafia verantwortlich. Potenzielle Ziele für Entführungen verließen das Land - so zum Beispiel die Familie des Ex-Models Carla Bruni. Die heutige Frau des französischen Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy zog 1975 nach Frankreich.

Die «kriminelle Industrie» der Entführungen verschwand nahezu in den 90er Jahren. Mitverantwortlich dafür war ein Gesetz von 1993, das es Behörden erleichterte, die Vermögen von Verwandten der Opfer zu beschlagnahmen. Damit sollten Lösegeldzahlungen erschwert werden.

Experten zufolge gibt es noch andere Gründe, weshalb das Phänomen ausstarb: öffentliche Empörung über die Brutalität der Mafia, bessere Polizeiarbeit, härtere Strafen für Entführer und die Erkenntnis, dass Drogenschmuggel profitabler und weniger gefährlich ist. Für Entführungen brauchte man Dutzende Menschen und normalerweise warfen sie erst nach Monaten oder mehr als einem Jahr Verhandlungen Gewinn ab. «Überlegen Sie nur einmal, wie viel mehr Geld man in dieser Zeit mit Drogen verdienen könnte», sagt Ex-Carabiniere Di Petrillo.

Veröffentlicht am:
19. 12. 2019
13:44 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aldo Moro Carabinieri Carla Bruni Cosa Nostra Deutsche Presseagentur Drogenschmuggel Entführung Entführungsopfer Festnahmen Italienisches Parlament John Paul Kinder und Jugendliche Mafia Menschenraub Mord Nicolas Sarkozy Polizei Polizistinnen und Polizisten Staatsanwälte Terroristen ’Ndrangheta
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Durchsuchungen in fünf Bundesländern

19.11.2019

«Hawala-Banking» im Visier der Behörden

In großem Stil soll eine Gruppe illegales Geld aus Deutschland ins Ausland verschoben haben. Es geht um viele Millionen Euro. Am Dienstag schlugen die Ermittler in fünf Bundesländern zu. » mehr

Fenech

01.12.2019

Maltas filmreifer Riesen-Skandal

Seit Tagen protestieren Tausende in Malta gegen die Regierung. Das Land erschüttert zwei Jahre nach dem Mord an einer Journalistin ein Polit-Erdbeben. Nun fällt der Premier. » mehr

Bundeswehr in Mali

19.11.2019

Islamismus, Dürre und Hunger: Der Sahelzone droht die Krise

Seit Jahren ist die Bundeswehr in der Sahelzone in Afrika im Einsatz. Doch islamistische Terrorgruppen weiten ihren Aktionsradius aus. Und auch Klimawandel und Hunger verschärfen die Lage in der Region. » mehr

Trauer nach Schüssen in Halle

09.10.2019

Angriff in Halle: Was wir wissen - und was nicht

Beim Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss hat ein mutmaßlicher Rechtsextremist in Halle/Saale zwei Menschen erschossen. Viele Fragen zu der Gewalttat sind noch ungeklärt. » mehr

Großeinsatz

09.10.2019

Eine Stadt im Ausnahmezustand - Angst und Entsetzen in Halle

Schüsse in Halle. Zwei Menschen sterben. Eine Leiche liegt gegenüber einer Synagoge. Ein weiterer Tatort ist ein Döner-Imbiss. Die Täter sind auf der Flucht - und eine Stadt steht unter Schock. » mehr

Connewitz

03.01.2020

Was geschah in der Silvesternacht in Leipzig?

In der Silvesternacht wird bei Ausschreitungen in Leipzig ein Polizist schwer verletzt. Wie der Abend genau ablief, wird die Justiz klären müssen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Rad-Reisebericht

Ehepaar aus den Haßbergen erkundet Jerusalem mit Rad | 24.03.2020 Jerusalem
» 15 Bilder ansehen

SPD-Wahlparty in der Loreley Coburg

Kommunalwahl 2020 Coburg | 15.03.2020 Coburg
» 27 Bilder ansehen

Hochwasser in Kronach

Hochwasser in Kronach | 12.03.2020 Kronach
» 13 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
19. 12. 2019
13:44 Uhr



^