Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Wirtschaft

Audi-Prozess: Stadlers Verteidiger fordern neues Verfahren

«Alles wurde von oben bestimmt» - so rechtfertigte ein geständiger Ingenieur im Audi-Prozess seine Abgas-Tricksereien. Sein ehemaliger Untergebener und sein ehemaliger Vorgesetzter sahen das anders. Und die Anwälte des Ex-Vorstandschefs fordern einen ganz neuen Prozess.



Fortsetzung Prozess gegen früheren Audi-Chef Stadler
Rupert Stadler, ehemalige Vorstandsvorsitzender der Audi AG, sitzt im Gerichtssaal im Landgericht München.   Foto: Matthias Schrader/Pool AP/dpa

Die Verteidiger des ehemaligen Audi-Chefs Rupert Stadler haben im Dieselprozess der Münchner Justiz ein «grob unfaires» Verfahren vorgeworfen und die Abtrennung des Prozesses gegen ihren Mandanten gefordert.

Nur weil der ehemalige Vorstandschef «als Galionsfigur dabei sein musste», müsse er jetzt zwei Jahre lang mit drei Motorentwicklern vor Gericht stehen, sagte sein Anwalt Gerson Trüg vor dem Landgericht.

Die drei Ingenieure sind angeklagt, zusammen ab 2008 die Manipulation von Dieselmotoren für Autos in den USA und Europa veranlasst zu haben. Stadler wird vorgeworfen, im September 2015 von Manipulationen erfahren, aber den Verkauf in Europa nicht gestoppt zu haben. «Das ist ein völlig anderes Verfahren, künstlich daran angehängt», sagte Trüg. Bei der Verlesung der Anklage sei der Name Stadler nach fünf Stunden erstmals aufgetaucht.

Stadler werde eklatant rechtswidrig schlechter behandelt als andere Angeklagte. Dutzende Zeugen könnten ihre Aussage in diesem ersten Audi-Prozess verweigern, weil sie derzeit selbst noch Beschuldigte seien. Die Rechte der Verteidigung würden systematisch beschnitten, die ganze Anklage sei in «Schieflage», die «erhobenen Vorwürfe unzutreffend», sagte der Anwalt.

Zuvor hatten sich zwei Ingenieure in gegenseitigen Schuldzuweisungen geübt. In einer Erklärung der Verteidiger gab der angeklagte Motorentwickler Giovanni P. seine Beteiligung an den Abgas-Tricksereien zu, sah sich aber in der Rolle eines untergeordneten Befehlsempfängers: «Alles wurde von oben bestimmt», sagte sein Anwalt Walter Lechner am zweiten Tag des Audi-Prozesses.

Die Verteidiger des früheren Audi-Motorenchefs Wolfgang Hatz warfen Giovanni P. Lügen vor. «Herr Hatz hat derartiges nicht gebilligt», und er hätte das auch «niemals geduldet», sagte sein Anwalt Gerson Trüg. Die drei Ingenieure sollen dafür gesorgt haben, dass die großen Audi-Dieselmotoren die Abgas-Grenzwerte mit Hilfe illegaler Software auf dem Prüfstand einhalten, auf der Straße aber überschreiten. Das sollte laut Anklage ermöglichen, die Autos ab 2009 ohne nachträglichen Einbau größerer Adblue-Tanks zur Abgasreinigung zu verkaufen.

Der ehemalige Leiter der Abgasnachbehandlung bei Audi, Henning L., gestand seine Beteiligung an den Abgas-Tricksereien, betonte aber seine heutige Rolle als Aufklärer. Er und seine Mitarbeiter hätten wesentliche Teile der Schummelsoftware eingesetzt, sagte sein Verteidiger Maximilian Müller. «Aus seiner Sicht gab es bei Audi keine Entscheidung, eine Schummel-Software zu enwickeln.» Das sei vielmehr das Ergebnis einer «schleichenden Entwicklung» gewesen: Das Diesel-Entwicklerteam habe erkannt, dass es vermeintlich unverrückbare Vorgaben von anderen Teams und von Vorgesetzen nicht erfüllen konnte.

Statt offen zu erklären, dass sie an ihrer Aufgabe gescheitert waren, hätten die Entwickler schließlich Abschalteinrichtungen eingebaut. Das liege auch an der damaligen autoritären Untenehmenskultur bei Audi und im VW-Konzern: Niemand, der direkt mit Manipulation befasst war, sei mutig genug gewesen, «die Reißleine zu ziehen». Vorgesetzten sei gewiss klar gewesen, dass es ohne «Bescheißen» nicht gehe. Aber sein Mandant betreibe «keine bloße Schuldzuweisung nach oben», betonte Müller.

Henning L. war im Gegensatz zu seinen Mitangeklagten nie in Untersuchungshaft. Stadler habe L. als Mitglied einer Task-Force im Mai 2016 «um rückhaltlose Aufklärung» gebeten. L. habe dann aus eigenem Antrieb entschieden, den Behörden in den USA und in Deutschland sein Wissen offenzulegen. «Seitdem liefert er», sagte der Verteidiger.

Der Chef von Henning L., der Abteilungsleiter Giovanni P., «hat seine Mitwirkung offen eingeräumt», wie sein Verteidiger Lechner sagte. Aber er betonte: «Alles wurde von oben bestimmt». Die Probleme mit den zu kleinen Adblue-Tanks für die Abgasreinigung seien «allen Beteiligten bis zur Konzernspitze von VW und Audi bekannt» gewesen. Die strategische Entscheidung habe der Vorstand getroffen. Auf die Anklagebank gehöre «das Unternehmen Audi AG». Giovanni P. sei 2001 mit Hatz von Fiat zu Audi gekommen und habe als Abteilungsleiter nur «die Anweisungen von oben an seine Mitarbeiter weitergegeben». Er habe keinerlei Entscheidungsbefugnis gehabt, seinen Vorgesetzen nichts verheimlicht und sie niemals getäuscht.

Dagegen sagte Hatz' Verteidiger, sein Mandant habe nie eine Manipulation veranlasst. Der Vorwurf der Anklgae, dass Hatz Giovanni P. bei dessen Manipulationen bestärkt und sie sämtlich «abgesegnet» habe, sei unhaltbar: Die einzige Quelle dafür seien «unwahre Angaben von Herrn P.», sagte Trüg. Es gebe keine Mail, keine SMS, keinen einzigen schriftlichen Beleg für eine solche Behauptung, trotz jahrelanger Ermittlungen. Das spreche klar «für die Unschuld von Herrn Hatz», sagte sein Verteidiger. In den nächsten Wochen sollen die Angeklagten selbst nacheinander zu Wort kommen. Alle vier haben umfassende Aussagen angekündigt.

© dpa-infocom, dpa:201006-99-844709/4

Veröffentlicht am:
06. 10. 2020
16:56 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Audi Audi-Chefs Fiat Konzernführung Landgericht München Mitarbeiter und Personal Rupert Stadler SMS Schummel-Software Software VW Vorgesetzte Vorstandsvorsitzende Zeugen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Audi - Dieselskandal

23.09.2020

Strafprozess im Dieselskandal: Rupert Stadler erwartet

Der frühere Audi-Chef muss kommenden Mittwoch ins Gefängnis - wenn auch nicht als Häftling. Ausgerechnet in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim wird der erste deutsche Strafprozess im Dieselskandal eröffnet. Ein Mitange... » mehr

Prozess gegen früheren Audi-Chef Stadler

30.09.2020

Audi-Dieselskandal: Der «Herr der Ringe» vor Gericht

«Vorsprung durch Technik» war lange der stolze Marken-Slogan von Audi - bis der Dieselskandal aufflog. Jetzt wird dem langjährigen Audi-Chef Rupert Stadler und drei Ingenieuren der Prozess gemacht. Denn «ganz ohne Besche... » mehr

Rupert Stadler

13.10.2020

Audi-Prozess: Gericht lehnt Verfahrens-Abspaltung ab

Ex-Audi-Chef Rupert Stadler wird wohl jahrelang zusammen mit drei Motorentwicklern auf der Anklagebank sitzen müssen. Das Landgericht München hat den Antrag auf Abtrennung seines Verfahrens abgelehnt. Ein Mitangeklagter ... » mehr

Volkswagen-Produktion

30.09.2020

VW steckt Milliarden in die E-Flotte und vernetzte Autos

Volkswagen will Elektrifizierung und digitalen Wandel mit Milliardeninvestitionen stemmen. Dafür sieht sich das Unternehmen trotz Einbruchs in der Corona-Krise gut gerüstet. Investoren stört aber, dass der Dieselskandal ... » mehr

Audi-Prozess

07.10.2020

Motorenentwickler im Audi-Prozess: «Haben uns betrogen»

Nach der Staatsanwaltschaft und den Verteidigern kommen im Audi-Prozess in den nächsten Wochen die Angeklagten zu Wort. Der Ingenieur Giovanni P. verwies bei der Schuldfrage in der Hierarchie nach oben. » mehr

Früherer Audi-Vorstandschef Rupert Stadler

06.08.2020

Vier weitere frühere Audi-Manager angeklagt

Fünf Jahre nach Aufdeckung des Dieselskandals im VW-Konzern macht die Justiz Nägel mit Köpfen: Die Münchner Staatsanwaltschaft will vier weitere ehemalige Audi-Manager vor Gericht sehen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

BBC vs. Titans

BBC Coburg - Titans | 28.11.2020
» 44 Bilder ansehen

Schulbus kollidiert mit Lkw Rügheim

Schulbus kollidiert mit Lastwagen | 23.11.2020 Rügheim
» 12 Bilder ansehen

THW Kiel - HSC 2000 Coburg 41:26 (22:13) Kiel

THW Kiel - HSC 2000 Coburg 41:26 (22:13) | 21.11.2020 Kiel
» 78 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
06. 10. 2020
16:56 Uhr



^