Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Wirtschaft

Ausreisesperre gegen Ex-Automanager Ghosn

Der frühere Autoboss Carlos Ghosn sieht sich als unschuldiges Opfer einer politisch motivierten Verschwörung in Japan. Der dortigen Justiz ist er entkommen. Jetzt sitzt er aber im Libanon fest.



Zeitungen in Beirut
Berichte über den Fall Ghosn in libanesischen Tageszeitungen am Tag nach der Pressekonfeerenz in Beirut.   Foto: -/kyodo/dpa » zu den Bildern

Nach seiner spektakulären Flucht aus Japan ist der Ex-Automanager Carlos Ghosn im Libanon zwar ein freier Mann, darf das Land aber vorerst nicht verlassen.

Die dortigen Behörden verhängten gegen den 65-Jährigen eine Ausreisesperre und nahmen ihm seinen französischen Pass ab, wie es am Donnerstag aus Justizkreisen in der Hauptstadt Beirut hieß. Ghosn dürfte das zunächst nicht weiter stören, da er wegen eines Fahndungsersuchens der internationalen Polizeibehörde Interpol ohnehin kaum in andere Länder reisen könnte. Japan verlangt vom Libanon, ihn zu verhaften und auszuliefern. In einem TV-Interview sagte Ghosn, er habe ohnehin im Libanon bleiben wollen.

Der aufsehenerregende Fall um den früheren Chef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi hatte erst am Mittwoch einen neuen Höhepunkt erreicht. Erstmals seit seiner Flucht aus Japan - angeblich in einer Kiste - trat Ghosn in der Öffentlichkeit auf und geißelte die japanische Justiz in einer Wutrede. Vor Journalisten in Beirut warf er ihr vor, ein politisch motiviertes Verfahren gegen ihn zu führen, um eine engere Anbindung von Nissan an Renault zu verhindern.

Ghosn beklagte eine «Verschwörung» gegen ihn, die schlechten Haftbedingungen und stundenlange Verhöre ohne Anwalt. Er sei als Geisel eines Landes gehalten worden, dem er jahrelang gedient habe.

Der Ex-Top-Manager war am 19. November 2018 in Tokio unter anderem wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Im April 2019 wurde er unter strengen Auflagen auf Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Ghosn floh Ende Dezember in einem Privatjet nach Beirut, angeblich in einer Kiste versteckt. In Beirut wollte Ghosn zu diesem Punkt aber nichts preisgeben - aus Sorge um die Menschen, die ihm geholfen hätte, wie er beteuerte.

Einen Tag nach diesem Auftritt musste Ghosn beim Generalstaatsanwalt in Beirut erscheinen, wo er Justizkreisen zufolge mehr als eine Stunde befragt wurde. In Begleitung seines Anwalt betrat er das Justizgebäude durch einen Hintereingang, um wartenden Journalisten zu entgehen. Die Ausreisesperre soll in Kraft bleiben, bis der Libanon die Justizakten aus Japan bekommt. Ghosn soll mit dem eingezogenen französischen Pass in den Libanon eingereist sein. Er besitzt auch die libanesische und die brasilianische Staatsbürgerschaft.

Japan reagierte nach seine Wutrede in Beirut prompt und wies die Vorwürfe vehement zurück. Seine «einseitigen» Darstellungen hätten sein Verhalten nicht rechtfertigen können, sagte Japans Justizministerin Masako Mori. Sie verteidigte Japans Rechtssystem. Es sehe angemessene Verfahren vor und werde entsprechend gehandhabt.

Seine illegale Ausreise könne «niemals vergeben werden», ganz gleich unter welchem Justizsystem, sagte Mori. Ghosn habe falsche Behauptungen über das Rechtssystem ihres Landes verbreitet, um sein eigenes Verhalten zu rechtfertigen.

In einem Interview mit dem libanesischen TV-Sender LBC nannte Ghosn die Aussage der japanischen Justizministerin am Donnerstag «total lächerlich». Er sei nicht in den Libanon gekommen, um das Land wieder zu verlassen, erklärte er zur Ausreisesperre. Er fühle sich mit der libanesischen Justiz wohler als mit der japanischen und werde mit ihr vollständig kooperieren.

Ghosn sprach in seiner Wutrede auch von langer Einzelhaft, während der er seine Frau kaum habe sehen dürfen. Nur 30 Minuten am Tag durfte er demnach an die frische Luft. Duschen sei nur zweimal in der Woche erlaubt gewesen. Dazu stundenlange Befragungen ohne Anwalt. Mit dieser in Japan üblichen Taktik sollen Angeklagte wie Ghosn nach Meinung von Kritikern unter Druck gesetzt werden, bis sie ein Geständnis unterzeichnen. Kritiker sprechen von «Geisel-Justiz».

Japans Regierungssprecher Yoshihide Suga verteidigte das Rechtssystem. Grundlegende Menschenrechte würden respektiert, Verfahren seien angemessen. Es könne auch überhaupt nicht sein, dass sich Japans Staatsanwaltschaft an «irgendeiner Art Verschwörung» beteilige, sagte Justizministerin Mori. Auch die Staatsanwaltschaft des Landes wies Ghosns Vorwürfe als «kategorisch falsch» zurück.

Wenn Ghosn irgendwas zu seinem strafrechtlichen Verfahren zu sagen habe, könne er seine Argumente vor einem japanischen Gericht vortragen und konkrete Beweise vorlegen, erklärte Mori. Doch dass Ghosn wieder nach Japan zurückkehrt, gilt als unwahrscheinlich, da es zwischen dem Libanon und Japan kein Auslieferungsabkommen gibt.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 01. 2020
16:38 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Carlos Ghosn Festnahmen Geiseln Generalstaatsanwälte Interpol Justizminister Polizeibehörden Regierungssprecher Renault Staatsanwaltschaft Verhaftungen Verhöre
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Ghosn-Wohnung in Japan durchsucht

02.01.2020

Erste Festnahmen nach Ghosns Flucht in den Libanon

Es war ein Überraschungscoup kurz vor Neujahr: Da tauchte der angeklagte Ex-Renault-Chef Ghosn im Libanon auf, dabei durfte er Japan nicht verlassen. Wie die Flucht genau ablief, ist zwar noch unklar. Doch nun gibt es er... » mehr

Carlos und Carole Ghosn

08.01.2020

Wutrede des Ex-Automanagers: Ghosn brandmarkt Japans Justiz

In einer spektakulären Flucht ist der frühere Autoboss Carlos Ghosn von Japan in den Libanon geflohen. Erstmals tritt er danach in Beirut vor Journalisten auf. Und ist sich überhaupt keiner Schuld bewusst. » mehr

Carole Ghosn

10.01.2020

Japan will nach Frau von Ex-Automanager Ghosn fahnden lassen

Japan hat sich einem Medienbericht zufolge mit einem Fahndungsersuchen gegen die Frau des in den Libanon geflüchteten Ex-Automanagers Carlos Ghosn an die internationale Polizeibehörde Interpol gewandt. Das berichtete die... » mehr

Carlos Ghosn

07.01.2020

Carlos Ghosn soll in Kiste versteckt aus Japan geflohen sein

Nach der filmreifen Flucht des in Japan angeklagten Ex-Automanagers Carlos Ghosn in den Libanon kommen immer mehr Details ans Tageslicht. Während in Beirut mit Spannung auf Ghosns Erklärung gewartet wird, schließt Japan ... » mehr

Ghosn

20.07.2020

Ghosn schlägt Justiz-Befragung im Libanon vor

Gut ein halbes Jahr nach seiner abenteuerlichen Flucht aus Japan meldet sich Ex-Autoboss Carlos Ghosn wieder zu Wort. Renault verzeichnet unterdessen einen Absatzeinbruch wegen der Corona-Krise. » mehr

Ex-Autoboss Ghosn überraschend im Libanon aufgetaucht

31.12.2019

Überraschende Flucht aus Japan

Der Fall des tief gesunkenen Ex-Autobosses Carlos Ghosn ist so schon spektakulär genug. Monatelang saß er in Japan im Gefängnis, schließlich wurde er auf Kaution freigelassen. Nun ist er ohne Genehmigung der japanischen ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Bilder Lemgo

Lemgo Lippe gegen HSC 2000 Coburg | 01.10.2020 Lemgo
» 102 Bilder ansehen

Coburg

Auto macht sich selbstständig | 30.09.2020 Coburg
» 7 Bilder ansehen

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg

"It'z Jazz around the Globe" in Coburg | 26.09.2020 Coburg
» 111 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
09. 01. 2020
16:38 Uhr



^