Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Wirtschaft

Bahn will Quereinsteiger für Lokführerberuf begeistern

Mit 50 Jahren beruflich neu anzufangen zu müssen, macht vielen Arbeitnehmern Angst. Finde ich eine neue Stelle? Wer nimmt mich in dem Alter? Doch einige Menschen in diesem Alter erfüllen sich seit einiger Zeit auf der Schiene ihren Kindheitstraum.



Lokführer Vincenzo Traviglia
Lokführer-Quereinsteiger Vincenzo Traviglia im Führerstand eines Regionalverkehrszuges.   Foto: David Young

Vincenzo Traviglia nimmt Platz im Führerstand eines Nahverkehrszuges am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Vor sich hat der 50-Jährige seinen künftigen Arbeitsplatz.

Ein blaues Pult mit vielen Hebeln, Köpfen und Anzeigen. Für ihn geht damit ein Kindheitstraum in Erfüllung, wie er sagt. Traviglia schult in rund 10 Monaten zum Lokführer bei der Deutschen Bahn um.

«Ich war davor über 16 Jahre lang Filialleiter bei zwei Discounter-Ketten», erzählt der gut 1,90 Meter große Mann mit grauem Vollbart und spanisch-italienischen Wurzeln. Doch zuletzt habe er gemerkt, dass der vom hohen Arbeitsdruck geprägte Einzelhandel nicht mehr das Richtige für ihn gewesen sei. Nach der Umschulung werde er dann im Raum Köln-Düsseldorf Züge fahren.

Wie Traviglia haben sich auch Menschen aus anderen Branchen entschieden, Lokführer zu werden. In seinem Ausbildungskurs seien Kollegen aus dem Bergbau oder Lkw-Fahrer. Die Altersspanne reiche von Mitte 20 bis Mitte 50. Grundsätzlich sei vom Bäcker bis zum Kfz-Mechatroniker alles dabei, sagt DB-Personalrecruiterin Julia Matthie.

Während derzeit einige Unternehmen in anderen Branchen Stellen abbauten, würden bei der Deutschen Bahn viele neue Mitarbeiter benötigt. So suche die Bahn zum Beispiel auch bei Ford. Der Autokonzern baut derzeit am Kölner Standort einige Tausend Stellen ab. Auch bei der Ruhrkohle AG habe sich die Bahn mit ihren Jobmöglichkeiten schon den dortigen Mitarbeitern vorgestellt.

Fachkräfte- und Lokführermangel beschäftigen die Bahnunternehmen in ganz Deutschland. Laut dem Bündnis Allianz pro Schiene kommen bundesweit auf 100 offene Lokführerstellen nur 25 Bewerber. «Wenn es nicht gelingt, zusätzliche Lokführer zu gewinnen, kann Nordrhein-Westfalen die Pendler- und Güterströme nicht bewältigen», warnt der Geschäftsführer des Bündnisses, Dirk Flege.

Die Deutsche Bahn hat einen gigantischen Bedarf. In diesem Jahr sollen nach Unternehmensangaben rund 22 000 neue Mitarbeiter in den verschiedensten Bereichen eingestellt werden und in den kommenden Jahren sogar 100 000. Allein bei den Lokführern erhielten 2019 nach aktuellem Stand bereits 1600 Bewerber eine Jobzusage.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sorgen die Großprojekte Rhein-Ruhr-Express (RRX) und S-Bahn Rhein-Ruhr für neuen Mitarbeiterbedarf. Das Unternehmen Abellio, das für die Linien RE1 des RRX und auch Teile der S-Bahn Rhein-Ruhr zuständig ist, sucht dafür nach eigenen Angaben um die 100 Lokführer.

Vom Fachkräftemangel sieht sich auch Keolis betroffen. Das Unternehmen betreibt zwei S-Bahn-Linien und müsse dazu 120 Lokführer-Stellen besetzen. Ähnlich wie bei der Deutschen Bahn werden hier ebenfalls Quereinsteiger umgeschult. Darunter sind laut Keolis auch Frauen, die mitunter nach ihrer Erziehungszeit in ihrem ursprünglich erlernten Beruf nicht mehr Fuß fassen könnten.

Ob Quereinsteiger oder Auszubildende, um den Lokführerberuf attraktiv zu machen, müssten Politik und Arbeitgeber «die Mär vom autonomen Fahren der Züge ab 2023» beerdigen, meint der Bundesvorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky. Es sei klar, dass autonome Züge in den kommenden 10 bis 20 Jahren nicht im gemischten Verkehr und in der Fläche fahren werden. Auch für die Deutsche Bahn liegt ein solches Vorhaben den Unternehmensangaben zufolge aufgrund des komplexen Schienennetzes noch in ferner Zukunft.

Für die neuen Lokführer bedeutet der Quereinstieg mitunter auch weniger Gehalt als in ihrem vorherigen Berufsleben. Als Quereinsteiger bei der Deutschen Bahn starte man mit rund 30 000 Euro brutto Ausbildungsgehalt, sagt DB-Personalrecruiterin Matthie.

Ex-Filialleiter Traviglia ist das nicht so wichtig, wie er sagt. Er habe noch etwa 17 Berufsjahre und möchte lieber etwas arbeiten, das ihm Spaß mache. Als Berufseinsteiger nach der Ausbildung erhält man laut Matthie 38 000 Euro. Bis zu 50 000 Euro könne ein Lokführer je nach Berufserfahrung inklusive Zulagen und Weihnachtsgeld verdienen.

Nach vielen Wochen Theorie und Fahrten im Simulator geht es für Traviglia im September von der digitalen auf die echte Schiene, erzählt er mit großer Vorfreude in den Augen. Ungefähr 140 Signale und ihre Bedeutung kenne er unter anderem jetzt. Mit einem Paten, der ihn einweist, werde er dann erstmals eine S-Bahn fahren.

Veröffentlicht am:
12. 08. 2019
08:11 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitgeber Arbeitnehmer Berufserfahrung Claus Weselsky Deutsche Bahn AG Fachkräfte GDL Lokführer Mitarbeiter und Personal RAG Aktiengesellschaft S-Bahn Schienennetz Unternehmen Verkehr
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
IG Bauen-Agrar-Umwelt

31.07.2019

IG BAU macht rund 650.000 Gebäudereiniger streikbereit

Gebäudereiniger verdienen zwar über dem Mindestlohn, bekommen aber beispielsweise kein Weihnachtsgeld. Jetzt droht der Streit um Überstundenzuschläge zu eskalieren. » mehr

Familie

17.09.2019

Umfrage: Firmen werden familienfreundlicher

Mehr Vereinbarkeit von Job und Familie - das wünschen sich viele Beschäftigte. In den Firmen hat sich bei der Familienfreundlichkeit in den vergangenen Jahren etwas bewegt. » mehr

Programmierkurs

08.09.2019

Studie: Unternehmen müssen bei Weiterbildung besser werden

Jedes Jahr sitzen Millionen Arbeitnehmer in Schulungen. Doch nicht immer passt das Angebot zur Aufgabe, kritisiert ein Experte. Eine Umfrage zeigt: Beschäftigte sind häufig auf sich allein gestellt. » mehr

Fachkräftemangel

20.07.2019

Studie: Weniger Probleme mit Fachkräftemangel in Großstädten

Viele Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte. Besonders große Probleme haben Mittelständler auf dem Land. Das liegt allerdings nicht nur daran, dass viele Beschäftigte Städte attraktiver finden. » mehr

Einigung im Tarifkonflikt

04.01.2019

Bahn und Lokführer einigen sich auf Tarifvertrag

Die Deutsche Bahn und vor allem ihre Kunden können aufatmen. Weil nun auch die Lokführer neuen Tarifverträgen zustimmen, sind Streiks bei dem Staatskonzern bis ins Jahr 2021 ausgeschlossen. » mehr

Stellenangebote

11.06.2019

Fachkräftemangel größtes Problem im deutschen Mittelstand

Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, die deutschen Mittelständler suchen verzweifelt Fachkräfte. Die fehlen insbesondere, um eine zweite große Belastung für die Unternehmen abzufedern. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Weltweiter Klimastreik - Fridays for future in Coburg

Fridays for Future in Coburg | 20.09.2019 Coburg
» 16 Bilder ansehen

Neues Freizeit- und Tourismuszentrum Steinbach am Wald Steinbach am Wald

Neues Freizeit- und Tourismuszentrum Steinbach am Wald | 19.09.2019 Steinbach am Wald
» 7 Bilder ansehen

Kinderwünsche an König Tessmer

Kinderwünsche an König Tessmer | 19.09.2019 Coburg
» 12 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
12. 08. 2019
08:11 Uhr



^