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Wirtschaft

Deutsche Wirtschaft überrascht mit leichtem Wachstum

Damit hatte kaum jemand gerechnet: Die Konjunkturbilanz für das Sommerquartal fällt überraschend positiv aus. Ist das die Trendwende?



Kräne im Morgenlicht
Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal minimal gewachsen.   Foto: Thomas Warnack/dpa

Abschwung oder Absturz? Weder noch: Die deutsche Wirtschaft überrascht im Sommer mit einem Mini-Wachstum.

Konjunktur hatte zuletzt vor allem das ungeliebte «R-Wort»: Schlittert Europas größte Volkswirtschaft in eine Rezession? Diese Gefahr sei gebannt, stellen Ökonomen fest - vorerst.

Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes erhöhte sich die Leistung der deutschen Wirtschaft im dritten Quartal 2019 zum Vorquartal leicht um 0,1 Prozent - nach einem Minus von revidiert 0,2 Prozent im zweiten Vierteljahr und 0,5 Prozent Wachstum zum Jahresauftakt.

«Damit steht fest: Wir haben keine Rezession, auch keine technische Rezession», sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im ARD-«Morgenmagazin». «Aber: Die Wachstumszahlen sind noch zu schwach. Das heißt: Der Aufwärtstrend hat begonnen, aber es geht sehr langsam.»

Im europäischen Vergleich verbuchte Deutschland mit Italien, Litauen und Österreich das schwächste Wachstum im dritten Quartal. Eurostat-Zahlen zufolge legte die Wirtschaft in den 28 Staaten der Europäischen Union zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu, im Euroraum mit seinen 19 Mitgliedstaaten gab es ein Wachstum von 0,2 Prozent.

Zumindest dürfte Deutschlands Rückkehr zu einem leichten Wachstum Forderungen nach einem staatlichen Konjunkturprogramm erst einmal den Boden entziehen. Zwar halten auch die fünf «Wirtschaftsweisen» das Risiko eines gesamtwirtschaftlichen Abschwungs noch nicht endgültig für gebannt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bekräftigte dennoch: «Ein zusätzliches Konjunkturpaket ist derzeit nicht notwendig.»

Nach dem ungewöhnlich langen Aufschwung seit der schweren Wirtschaftskrise im Jahr 2009 sei eine kurze Schwächeperiode «nicht notwendigerweise eine große Krise», kommentierte ING-Deutschland-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Die Gesamtwirtschaft befinde sich «in einer Phase der Normalisierung nach fünf Jahren mit überdurchschnittlich starkem Wachstum», erklärte Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland bei der Deutschen Bank.

Doch weil Europas größte Volkswirtschaft nur knapp an einer «technischen Rezession» - also zwei Quartalen mit sinkendem Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Folge - vorbeischrammte, sind die Sorgen vor einem Abschwung nach wie vor groß.

«Die heutigen Zahlen sind kein Grund zur Selbstzufriedenheit», warnte ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann. «Für Deutschlands Wohlergehen ist es unerheblich, ob das Quartalswachstum einen Hauch unter oder über der Nulllinie liegt. Sorgen muss vielmehr bereiten, dass die längerfristige Wachstumsperspektive Deutschlands absinkt.»

Reihenweise waren die Prognosen für das Gesamtjahr 2019 in den vergangenen Monaten heruntergeschraubt worden, erwartet wird nun ein Wirtschaftswachstum von etwa 0,5 Prozent. 2018 hatte die deutsche Wirtschaftsleistung noch um 1,5 Prozent zugelegt.

Im Sommerquartal 2019 sorgte vor allem der private Konsum für Aufwind. Dagegen ist die Produktion in der Industrie tendenziell weiter rückläufig. Die Industrie habe ihre Schwächephase keineswegs überwunden, erklärte der DIHK. Und Deutschlands Exporteure kämpfen - auch wenn die Ausfuhren im dritten Quartal zulegten. Von Januar bis einschließlich September wurden nach jüngsten Zahlen der Wiesbadener Statistiker Waren «Made in Germany» im Wert von 997,1 Milliarden Euro ins Ausland verkauft - knapp ein Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Eine nachhaltige Besserung der Gesamtlage sei nicht in Sicht, meint der Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Union Investment, Jörg Zeuner - «allenfalls eine weitere Stabilisierung». Zeuner erklärt: «Die Ursachen der Wachstumsschwäche - der Handelskrieg, der Brexit und die Krise der Automobilindustrie - werden uns auch 2020 in Atem halten.»

Die Verunsicherung bremst Investitionen. Schlüsselbranchen wie der Auto- und Maschinenbau sowie die Elektro- und Chemieindustrie bekommen das längst zu spüren. Ein Ende des Brexit-Dramas und vor allem des «Strafzoll-Ping-Pongs» zwischen den USA und China, wie BGA-Präsident Holger Bingmann es jüngst nannte, dürfte entscheidend dafür sein, wohin die Reise in den nächsten Monaten geht.

Bingmann sieht aber auch die deutsche Politik am Zug: «Tatsache ist, dass wir beständig an relativer Wettbewerbsfähigkeit verlieren, weil die anderen gerade bei der Unternehmensbesteuerung längst handeln oder gehandelt haben.» Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) forderte, die Bundesregierung müsse «mehr dafür tun, öffentliche Investitionen zu steigern und die Bedingungen für private Investitionen zu verbessern».

Bisher ist der private Konsum eine «verlässliche Stütze der binnenwirtschaftlichen Entwicklung», so das Fazit des Wirtschaftsministeriums. Ein Grund: Die gute Lage am Arbeitsmarkt. Tendenziell steigende Tariflöhne dürften den Konsum weiter ankurbeln, niedrige Zinsen den Boom in der Bauwirtschaft verlängern.

Je länger jedoch die Konjunktur schwächelt, umso mehr belastet das auch die Stimmung der Verbraucher: Die Marktforscher der Nürnberger GfK ermittelten in ihrer monatlichen Konsumklimastudie für November den niedrigsten Wert seit Herbst 2016.

«In den kommenden Quartalen ist angesichts des verhaltenen Ausblicks für Welthandel und Automobilbranche sowie der anhaltenden erhöhten politischen Unsicherheit rund um Handel und Brexit bestenfalls mit einem Mini-Wachstum zu rechnen», prognostizieren die Volkswirte des Versicherers Allianz.

Deren Kollegen von der VP Bank raten: «Das laufende Jahr sollte möglichst rasch abgehakt werden.» Der Blick gehe ins Jahr 2020. «Doch selbst wenn es wieder etwas bergauf geht, sollte nicht ein allzu hohes Wachstum erwartet werden.»

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sieht nach wie vor ein erhöhtes Rezessionsrisiko für Deutschland: «Eine Belebung der Konjunktur ist frühestens im Jahresverlauf 2020 zu erwarten.»

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dpa

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14. 11. 2019
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14. 11. 2019
14:07 Uhr



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