Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerGlobe-TheaterStromtrasseHSC 2000 Coburg

Wirtschaft

Kempf: BDI hat sich nicht klar von NS-Zeit distanziert

Es ist ein dunkles Kapitel, das nicht viele deutsche Organisationen oder Firmen gern beleuchten: Der BDI nutzt ein rundes Jubiläum, um seine Verbindungen zum Nationalsozialismus aufzuarbeiten - und findet auch Bedrückendes heraus.



Dieter Kempf
BDI-Präsident Dieter Kempf: Es gab «ideelle Kontinuitäten».   Foto: Sven Hoppe

Fast ein Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende arbeitet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erstmals seine Geschichte auf.

Präsident Dieter Kempf hat eingestanden, dass sich sein Verband bei der Gründung 1949 nicht deutlich genug vom Nationalsozialismus distanziert hat. «Ich bin bedrückt, dass es an einer glasklaren Distanzierung zur eigenen Geschichte in der NS-Zeit gefehlt hat», hieß es in Kempfs Redemanuskript bei einem Festakt in Berlin. «Dies war ein schweres Versäumnis.»

Der Verband hatte anlässlich eines 100-jährigen Jubiläums erstmals seine Geschichte aufarbeiten lassen und sich dabei auch intensiv mit seinen Verbindungen zum Nationalsozialismus befasst. Das Ergebnis stellte er nun in einem Buch vor, das zwei Historiker zusammen mit der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) geschrieben haben. Auf die Darstellung der Ergebnisse habe der BDI keinen Einfluss gehabt, bestätigte die GUG.

Am 12. April 1919 wurde der erste deutsche Industrie-Dachverband gegründet, der Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI). Er war der erste Vorgänger des BDI. Der RDI wurde 1935 unter neuem Namen ein Teil des NS-Systems und im Laufe der Jahre eine wichtige Stütze der Wirtschaft unter Adolf Hitler.

Der Jahrestag und die «fehlende Langzeitbetrachtung» seien Gründe dafür gewesen, vor vier Jahren das Geschichtsprojekt anzustoßen. «Denn über den BDI und seine Vorgänger gab es bisher keine historische Langzeitbetrachtung», so Kempf. Auch in vielen deutschen Unternehmen mussten Jahrzehnte vergehen, bis die NS-Vergangenheit aufgearbeitet wurde.

Es geht für Kempf in dem Buch auch um die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen. Zwar habe es keine «direkten personellen Kontinuitäten» gegeben, für Erleichterung reiche das aber nicht aus: «Denn ideelle Kontinuitäten gab es sehr wohl.»

Die Autoren schreiben aber auch: «Zu keiner Zeit trat der Spitzenverband der deutschen Industrie für eine Regierungsbeteiligung der NSDAP ein.» Ende Januar 1933 hätten die geschäftsführenden Präsidialmitglieder des RDI noch versucht, den Reichspräsidenten von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler abzuhalten. Widerstandslos habe sich der Verband anschließend allerdings der nationalsozialistischen Diktatur unterstellt.

Aber vor allem ein Präsidiumsmitglied fiel auf: Besonders kritisch gehen die Historiker mit Fritz Thyssen ins Gericht, der ab 1923 in die Führungsriege des Verbands eintrat. «Senatsmitglied Fritz Thyssen war in den Spitzengremien des Verbands nach wie vor der einzige namhafte Industrielle, der die NSDAP massiv mit Spenden unterstützte», heißt es in dem Kapitel über das Ende der Weimarer Republik. Einer der Autoren, der Historiker Johannes Bähr, sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Der war ein Außenseiter innerhalb dieses Verbands.» Den anderen Führungsmitgliedern passte Hitler dagegen gar nicht - allerdings vor allem, weil sie die Pläne der NSDAP zur Bekämpfung unter anderem der Massenarbeitslosigkeit eher für schädlich als hilfreich hielten. Nach Angaben von Thyssenkrupp distanzierte sich Fritz Thyssen nach 1934 mehr und mehr von der NSDAP und ihren Zielen, bliebt aber Mitglied der Partei und des Reichstags.

Die überraschendste Erkenntnis aus den Recherchen war für Bähr die große Interessensspanne innerhalb des Verbandes: Anders als oft behauptet lasse sich keine Dominanz der Schwerindustrie feststellen. «Überraschend war, wie uneinheitlich die eigentlich waren», sagte Bähr. Für Kempf eher ein Anlass zur Freude: «Wenn es bei uns in den Gremien einmal heiß hergehen sollte, werde ich dem nach der Lektüre des Buches gelassen entgegenblicken. Denn früher war es schlimmer, wie die Historiker festgestellt haben.»

Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
16:39 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Adolf Hitler BDI Buchlektüre Bücher Das dritte Reich Deutsche Industrie Deutsche Presseagentur Firmen und Firmengruppen in Deutschland Johannes Bähr NSDAP Nationalsozialismus Reichskanzler Reichspräsidenten Unternehmensgeschichte Weimarer Republik
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Containerschiff bei Accra

13.07.2019

Afrikas Freihandelsabkommen beflügelt Investitionspläne

Afrika gibt den Startschuss für die Einrichtung eines Binnenmarktes ab Juli 2020. Die Pläne sind ambitioniert, beflügeln aber bereits die Fantasie der Investoren. » mehr

Brexit

29.07.2019

Angst der Unternehmen vor No-Deal-Brexit wächst

Schon Ende Oktober will der britische Premier Boris Johnson sein Land aus der EU führen - «komme, was wolle». Wegen des Brexit-Wirrwarrs fürchten Firmen Einbußen - und manche Politiker gar eine Katastrophe. » mehr

Auto-Export

06.07.2019

Wirtschaft sieht Handelsbeziehungen zu den USA unter Druck

Wirtschaftsminister Altmaier reist in die USA, die Liste der Probleme ist lang. Vor allem der Handelskonflikt zwischen den USA und der EU verunsichert die Unternehmen. » mehr

Mailand

12.06.2019

Deutsche Unternehmen in Italien zunehmend pessimistisch

Streit mit der EU, Streit in der eigenen Regierung - und kaum Wirtschaftswachstum. Die schlechte Stimmung in Italien drückt auch die Laune deutscher Unternehmen in dem Land. » mehr

Kräne

14.08.2019

«Weckruf» für Deutschland - Wirtschaft geschrumpft

Flaute statt Frühjahrsaufschwung: Internationale Handelskonflikte haben die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal ausgebremst. Bleibt es bei einer Delle? » mehr

Continental

07.08.2019

Industrieschwäche verheißt wenig Gutes für die Konjunktur

Die deutsche Industrie schwächelt. Die ersten Unternehmen ziehen Konsequenzen. Das hat Folgen für die Gesamtwirtschaft. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Michael Patrick Kelly beim HUK Coburg Open-Air

Michael Patrick Kelly beim HUK Coburg Open-Air-Sommer 2019 | 19.08.2019 Coburg
» 38 Bilder ansehen

Kronacher Freischießen: Proklamation der Schützenkönige

Kronacher Freischießen: Proklamation der Schützenkönige | 19.08.2019 Kronach
» 22 Bilder ansehen

Seßlacher Altstadtfest - Sonntag

Altstadtfest Seßlach - Sonntag | 18.08.2019 Seßlach
» 16 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
16:39 Uhr



^