Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Wirtschaft

Mieten im eigenen Haus: Baugenossenschaften sind gefragt

75 Quadratmeter in guter Lage für 600 Euro warm? Das klingt für viele Städter nach einem Traum, wird durch Genossenschaften aber möglich. Niedrigzinsen und Wohnungsmangel gehen jedoch nicht spurlos an ihnen vorbei.



Baugenossenschaften in Berlin
Wohnungen der Berliner Baugenossenschaft.   Foto: Jörg Carstensen/dpa

Vier-Zimmer-Wohnungen mit eigenem Garten, Single-Apartments in hippen Innenstadt-Bezirken oder altersgerechte Wohnungen im Erdgeschoss - jeweils zu Preisen, die unter dem örtlichen Mietspiegel liegen.

Baugenossenschaften versprechen ihren Mitgliedern bezahlbaren Wohnraum und Schutz vor Luxussanierungen. «Auch immer mehr jüngere Leute sind auf der Suche nach Genossenschaftswohnungen», sagt Matthias Zabel vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (Gdw). Dabei machen auch ihnen die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt zu schaffen.

Fünf Millionen Menschen leben deutschlandweit nach Gdw-Angaben in Wohnungen der 2000 Baugenossenschaften. Jedes Jahr werden neue Baugenossenschaften gegründet. Mehr als 70 seien seit 2010 in die Regionalverbände des Gdw eingetreten, sagt Zabel.

Der Verband bayerischer Wohnungsunternehmen spricht in seinem Bundesland sogar von einer regelrechten «Gründungswelle» nicht nur von Genossenschaften, sondern auch von kommunalen, kirchlichen und öffentlichen Wohnungsunternehmen. «Engagierte Bürger und Kommunen möchten das Ruder selbst in die Hand nehmen und Wohnraum schaffen», heißt es dazu von Verbandsdirektor Hans Maier. Zabel vom GdW warnt aber vor einem potenziellen Missverständnis: «Nur durch Neugründungen können wir das Problem auf dem Wohnungsmarkt nicht lösen.»

Neue Genossenschaften bauen in der Regel zwar auch selbst. Da ihnen anfangs Kapital fehlt, müssen sie aber in der Regel höhere Mieten als Bestandsgenossenschaften verlangen. Für die Genossenschaftsanteile seien meist fünfstellige Summen fällig. Bei Bestandsgenossenschaften sind Anteile laut Zabel in der Regel für 500 bis 3000 Euro zu haben.

Für Bestandsgenossenschaften wiederum gibt es in Metropolen wie Berlin ein anderes Problem: Mangelndes Bauland. «Private Grundstücke sind derzeit für genossenschaftlichen Wohnungsbau in Berlin mit wenigen Ausnahmen deutlich zu teuer», sagt Carsten-Michael Röding, Technischer Vorstand der Charlottenburger Baugenossenschaft. Grundstückspreise von 1000 Euro und mehr pro Quadratmeter seien zu hoch, um genossenschaftliche Mieten anzubieten.

Die Alternative sei städtisches Bauland, doch das werde in Berlin nur als Erbbaupacht vergeben. Bei diesem Modell bleibt das Land Eigentümer und verpachtet die Flächen für einen Zeitraum von meist 90 oder 60 Jahren gegen einen Erbbauzins - und der könne nach einiger Zeit steigen, befürchten viele Genossenschaften.

Zumindest für Bestandsgenossenschaften seien diese Konditionen nicht attraktiv, sagt Röding. Er versteht nicht, warum es keine Ausnahmen für Baugenossenschaften gebe und blickt neidisch nach München, wo die Bedingungen besser seien. Dort sollen laut dem Wohnungspolitischen Handlungsprogramm von 2017 bei Neubauprojekten 20 bis 40 Prozent der kommunalen Flächen an Genossenschaften und Baugemeinschaften vergeben werden. Zudem würden Grundstücksausschreibungen auf ihre «Belange» zugeschnitten, heißt es in dem Papier.

Aus Mangel an Berliner Bauland baut etwa die Charlottenburger Baugenossenschaft derzeit nur auf eigenem Land oder stockt bestehende Gebäude auf. Der Blick gehe zudem nach Brandenburg, sagt Röding. Da die Neubauprojekte jedoch nicht ausreichen, um allen Interessenten eine Wohnung bieten zu können, nehmen die Charlottenburger derzeit nur Verwandte ihrer Mitglieder auf.

Auch die Berliner Baugenossenschaft (bbg) hat teilweise einen Aufnahme-Stopp verhängt. Sie baut laut ihrem Kaufmännischen Vorsitzenden Jörg Wollenberg derzeit nur Dachgeschosse aus oder verdichtet eigene Grundstücke. Zudem investiere die Genossenschaft laufend in ihre Gebäude. Da viele Genossenschaftler lange in ihren Wohnungen lebten, müssten nach dem Auszug etwa die Elektrik oder das Bad neu gemacht werden. «Die Frage ist, ob solche Sanierungen in dem Umfang auch nach dem Mietendeckel noch möglich sind.»

Dass die Berliner aktuell nicht alle Interessenten aufnehmen, liegt laut Wollenberg aber nicht nur an fehlenden Neubauprojekten. Aufgrund der niedrigen Zinsen hätten vermehrt Anleger Genossenschaftsanteile aufgekauft, die gar keine Wohnung suchten. Die bbg hat im vergangenen Jahr 4 Prozent Dividende an ihre Mitglieder ausgeschüttet. «Wir können derzeit nur noch sehr regional Interessenten aufnehmen, die konkrete Wohnungswünsche angeben», sagt er. 450 Mitglieder sind derzeit auf der Warteliste für eine Wohnung.

Wie lange es dauert, bis ihnen eine Wohnung zugeteilt wird, hänge von ihren Wünschen ab. In Berlin seien etwa Wohnungen mit vier oder fünf Zimmern in familienfreundlichen Bezirken sehr gefragt. Darauf müssten Genossenschaftler bis zu fünf Jahre warten. Schneller gehe es zum Teil in «Kiezbezirken», etwa Neukölln und Wedding.

Trotz aller Probleme: Die Nachfrage bleibt groß. Interessenten bewerben sich laut Wollenberg daher auch auf Miethäuser, die etwa wegen lauter Straßen weniger gefragt sind: «Hauptsache, sie bekommen erst mal eine Wohnung bei der Genossenschaft.»

Veröffentlicht am:
03. 02. 2020
07:20 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Erbbauzins Grundstücke Grundstückskaufpreise Hans Maier Immobilienfirmen Mieten Wohnbereiche Wohnungen Wohnungsbranche Wohnungsmarkt Wohnungsunternehmen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Immobilien

04.12.2019

Immobilienpreise in 10 Jahren um fast 50 Prozent gestiegen

Die Mieten in Städten steigen, die Immobilienpreise auch und die Kommunen kommen mit dem Bau neuer Wohnungen nicht hinterher: Die Probleme sind bekannt. Die genauen Entwicklungen und Zahlen hat nun das Statistische Bunde... » mehr

Wohnungsbau

01.07.2020

Immobilienverband: Wohnbedarf durch Neubau nicht gedeckt

Der Bau hinkt der Nachfrage nach neuem Wohnraum weiter hinterher. Das liegt aus Sicht des Immobilienverbands GdW auch an zu hohen Baupreisen. Die Corona-Krise könnte die Situation zumindest kurzfristig entspannen. » mehr

Vonovia-Zentrale

05.08.2020

Wohnungsriese Vonovia mit guten Zahlen

Deutschlands größter Vermieter glänzt mit guten Zahlen. Mieter müssten sich auch in Corona-Zeiten keine Sorgen machen, versichert Konzernchef Rolf Buch. Städtetag und Mieterbund sind deutlich skeptischer. » mehr

Mietshäuser

01.06.2019

Grundsteuer-Pläne von Scholz alarmieren soziale Vermieter

Eigentlich will die SPD Mieter schützen und günstige Wohnungen schaffen. Doch werden die Pläne des SPD-Finanzministers Gesetz, fürchten gerade die Vermieter günstiger Wohnungen massive Belastungen. » mehr

Volksbegehren Mietenstopp

16.07.2020

Mietenstopp-Volksbegehren in Bayern gescheitert

Die Mietpreisexplosion macht den Bürgern vieler Städte Sorgen. Doch von den Ländern verordnete Mietenstopps sind offensichtlich ein rechtswidriges Gegenmittel, wie ein Urteil in Bayern zeigt. » mehr

Mieten und Kaufpreise

03.08.2020

Analyse: Immobilien trotzen Corona-Krise

Seit Jahren schon steigen die Mieten und Immobilienpreise in Deutschland. Endet nun mit der Corona-Krise der Boom? Neue Daten geben wenig Hoffnung für Mieter und Wohnungskäufer. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

HSC Coburg: Training und Media Day

HSC Coburg: Training und Media Day | 12.08.2020 Coburg
» 25 Bilder ansehen

WG: HSC - mögliche Aufmacher

WG: HSC - mögliche Aufmacher | 12.08.2020 Coburg
» 26 Bilder ansehen

Großbrand in Tettau auf Bauernhof

Großbrand auf Tettauer Bauernhof | 09.08.2020 Tettau
» 50 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 02. 2020
07:20 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.