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Wirtschaft

Wirecard-Chef Braun kommt gegen Kaution auf freien Fuß

Der gestürzte Wirecard-Chef Braun ist im Skandal um verschwundene Milliarden vom selbsterklärten Opfer zum Tatverdächtigen geworden. Nach einer ersten Nacht im Gefängnis bleibt ihm die Untersuchungshaft unter hohen Auflagen erspart.



Markus Braun
Ex-Wirecard-Chef Markus Braun.   Foto: Lino Mirgeler/dpa

Nach einer Nacht im Gefängnis kommt der im Milliardenskandal um den Dax-Konzern Wirecard unter Verdacht geratene Ex-Vorstandschef Markus Braun auf freien Fuß.

Gegen Zahlung von fünf Millionen Euro Kaution und einer wöchentlichen Meldepflicht bei der Polizei hat das Amtsgericht München den Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Das teilte die Staatsanwaltschaft München am Dienstag mit.

Braun war am Vorabend in München festgenommen worden. Der österreichische Manager war freiwillig aus dem heimischen Wien angereist - mutmaßlich weil er erfahren hatte, dass ihn die Staatsanwaltschaft per Haftbefehl suchte. Die Ermittler werfen Braun vor, die Bilanzsumme und die Umsätze seines Unternehmens durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. «Er hat im ersten Gespräch seine Mitarbeit zugesagt», sagte die Sprecherin der Ermittlungsbehörde, Anne Leiding. Offen ist bislang, ob sich Braun selbst zu den Vorwürfen inhaltlich geäußert hat.

Braun - bislang mit sieben Prozent größter Wirecard-Aktionär - hat mittlerweile einen großen Teil seiner Anteile abgestoßen. In einer Serie von Verkäufen hat Braun am Donnerstag und Freitag insgesamt 155 Millionen Euro erlöst, wie Wirecard in mehreren Ad-hoc-Mitteilungen am Dienstagabend mitteilte. Auslöser waren demnach «margin calls», ein Mittel, mit dem Wertpapiermakler Anleger zur Begrenzung von Verlusten zwingen können. Nach einem Bericht der US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg hatte Braun einen Teil seines Aktienanteil mit Krediten finanziert und die Papiere dafür als Sicherheiten hinterlegt.

Überschlägig hat Braun über fünf Millionen seiner rund 8,7 Millionen Wirecard-Papiere verkauft. Die Wirecard-Aktien haben seit Mittwochabend über zehn Milliarden Euro an Wert verloren, Braun selbst dürften die Kursverluste um über eine halbe Milliarde Euro ärmer gemacht haben.

Brauns Festnahme und die anstehende Freilassung sind neuerliche Wendungen in dem dramatischen Kriminalfall um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Vorgeworfen werden Braun derzeit «unrichtige Angaben» in den Wirecard-Bilanzen und Marktmanipulation, doch kommen auch andere Straftaten in Betracht - etwa gewerbsmäßiger Betrug. «Wir führen unsere Ermittlungen ergebnisoffen», sagte Leiding dazu.

In dem Skandal könnte zumindest eine weitere Festnahme drohen. Auf die Frage, ob Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek nun ebenfalls per Haftbefehl gesucht werde, sagte Oberstaatsanwältin Leiding: «Das kann ich weder bestätigen noch dementieren.» Die Frage, ob Marsalek sich auf der Flucht befinde, beantworteten die Ermittler nicht. Marsalek galt bei Wirecard als Brauns rechte Hand, war für das Tagesgeschäft verantwortlich und ist inzwischen gefeuert worden.

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit Wochen gegen Braun und Marsalek, allerdings ursprünglich lediglich wegen des Verdachts, Anleger in zwei Ad-hoc-Mitteilungen falsch informiert zu haben. Auch zwei weitere Wirecard-Vorstände sind zumindest in dieser Hinsicht unter Verdacht.

Den Vorwurf systematischer Bilanzmanipulation bei Wirecard hatte vor über einem Jahr zuerst die Londoner «Financial Times» erhoben. Braun hatte dies über Monate eisern dementiert und der britischen Zeitung seinerseits haltlose Unterstellungen vorgeworfen. Im Zentrum des Skandals stehen der frühere Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein ehemaliger Treuhänder, der das mutmaßlich zum Großteil gar nicht existierende Geschäft mit Drittfirmen betreute.

Wirecard wickelt als Dienstleister elektronische und bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet ab, über das Unternehmen laufen die Zahlungsströme zwischen Kredit- und EC-Kartenfirmen auf der einen und den angeschlossenen Händlern auf der anderen Seite.

Im Mittleren Osten und in Südostasien betrieb Wirecard dieses Geschäft jedoch zum großen Teil nicht selbst, sondern hatte Drittfirmen damit beauftragt - so jedenfalls die offizielle Darstellung bis vor wenigen Tagen. Dieses Drittpartnergeschäft machte einen erheblichen Teil der bilanzierten Gewinne aus und lief über die Treuhandkonten, auf denen die 1,9 Milliarden Euro verbucht waren.

Doch nach derzeitigem Stand sieht es so aus, als ob es sich um frei erfundene Scheingeschäfte handelte. Nach Einschätzung der Münchner Ermittler gerieten keineswegs nur Wirecard-Mitarbeiter in Südostasien auf Abwege, sondern auch Mittäter in der Unternehmenszentrale im Münchner Vorort Aschheim - einschließlich des Konzernchefs. «Wir gehen davon aus, dass es einen hinreichenden Tatverdacht gibt», sagte Leiding dazu.

Auf die Staatsanwaltschaft kommen jedenfalls langwierige Ermittlungen zu. Wesentliche Vorgänge spielten sich in Singapur und auf den Philippinen ab, dort hat die deutsche Justiz weder Zugriff auf Verdächtige noch auf Zeugen oder Akten.

Die Anzeichen deuten jedenfalls darauf hin, dass der kommissarische Wirecard-Chef James Freis aufräumen will. Seit Freis am vergangenen Freitag berufen wurde, hat das Unternehmen die mutmaßliche Nichtexistenz der 1,9 Milliarden offen eingeräumt und Marsalek gefeuert, der wenige Tage vorher noch unter Brauns Regie lediglich suspendiert worden war.

Der US-Manager Freis ist vom Fach: Er leitete von 2007 bis 2012 im Washingtoner Finanzministerium die Einheit zur Bekämpfung der Finanzkriminalität. Ob der neue Wirecard-Chef auch bei den Ermittlungen gegen Braun mit konkreten Hinweisen behilflich war, ließ Leiding offen: «Ich kann natürlich insbesondere in diesem Verfahrensstadium noch nichts so genau zu unseren Ermittlungsmaßnahmen sagen.»

© dpa-infocom, dpa:200623-99-529858/9

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23. 06. 2020
19:35 Uhr

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