Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Wissenschaft

Deutsche Uni-Chefs: 59 Jahre alt, männlich, aus dem Westen

In den Top-Positionen von Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Deutschland gibt es nur wenige mit Ost-Hintergrund. Warum ist das drei Jahrzehnte nach der Einheit noch so? Einer, der es nach oben geschafft hat, sieht für Ostdeutsche in der globalisierten Welt sogar Vorteile.



Grenzpfosten
Ein verwitterter Grenzpfosten der DDR: An deutschen Universitäten gibt es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall keine Führungspersonen, die in Ostdeutschland geboren sind.   Foto: Jens Wolf

Ganz oben steht natürlich Dauerkanzlerin Angela Merkel. Aber auch Hiltrud Dorothea Werner, Vorstandsmitglied der Volkswagen AG. Oder Thomas Krüger, Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung.

Auch Gerd Teschke, Rektor der Hochschule Neubrandenburg, gehören zu dem illustren Kreis: Sie alle sind Kinder der DDR, und sie alle sind im wiedervereinten Deutschland in Spitzenpositionen aufgestiegen.

Das macht sie zu Exoten, denn laut einer Studie der Universität Leipzig aus dem Jahre 2016 besetzen Menschen mit Ost-Hintergrund lediglich 1,7 Prozent aller betrachteten Führungspositionen in Deutschland. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt jedoch 17 Prozent. Nach Einschätzung von Raj Kollmorgen, Soziologe an der Hochschule Zittau/Görlitz in Sachsen, hat sich seither kaum etwas verändert: «Es ist es nach wie vor ein trauriges Bild.»

Warum ist das drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch so und was bedeutet das? Darüber zerbrechen sich nicht nur Soziologen den Kopf. Werden Ostdeutsche systematisch benachteiligt? Oder sind sie selber Schuld? Haben sie immer noch nicht begriffen, wie Karriere geht? Oder wollen sie gar nicht nach ganz oben?

Kollmorgen sieht bei Ostdeutschen kulturelle Benachteiligungen beim Aufstieg. «Viele Ostdeutsche haben nicht den Habitus der Oberschicht, verfügen nicht über deren Geschmacksurteile und selbstbewusstes Auftreten.» Und die Chefetagen großer Unternehmen und Verwaltungen, wo über Karrieren entschieden wird, seien in der Regel eben westdeutsch besetzt.

Aber nicht nur die Wirtschaft, auch die Universitäten sind weiter westdeutsch geprägt. Keine der Führungskräfte wurde in Ostdeutschland geboren. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) am Donnerstag in Gütersloh veröffentlicht hat. Hochschulen wie die in Neubrandenburg wurden dabei nicht ausgewertet.

Kollmorgen betont, es gebe aber auch hausgemachte Ursachen. «Wir finden bei den Ostdeutschen und in deren Familien häufiger eine Mentalität der Suche nach Sicherheit.» Von risikoreichen Wegen werde abgeraten, was seine Ursache in Verlusterfahrungen nach der Wende habe. Familienmitglieder verloren ihren Job, erlebten Entwertung ihrer Lebensleistung und Bedeutungsschwund. Zu beobachten war der abgrundtiefe Sturz früherer Eliten.

Werner, Krüger und Teschke wurden in den 1960er und 1970er Jahren in der DDR geboren und wuchsen mit Erich Honecker, der Aktuellen Kamera, mit Pionierorganisation und FDJ auf. Sie haben zum Teil seltsam klingende Berufe gelernt, wie Facharbeiterin für Textiltechnik oder Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung. Dann kam die Wende. Wie haben sie es trotzdem geschafft?

Teschke, geboren in Pasewalk, Jahrgang 1972, heute Rektor der Hochschule Neubrandenburg, hat nach seiner Kindheit in Vorpommern Mathematik und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Potsdam studiert, 2001 an der Universität Bremen promoviert und 2006 dort habilitiert. Zwischendurch war er im Ausland. «Meine innere Maxime war immer: Schau, was dir Freude macht, denn wenn einem etwas Freude macht, kann man auch große Kraft entfalten», sagt er. «An der Uni in Bremen wurde ich schon mal mit beäugendem Interesse betrachtet, nach dem Motto: Was ist das für eine Pflanze?» Als Nachteil habe er das aber nicht wahrgenommen. «Ich hatte nie das Gefühl, das mir etwas im Weg gestanden hätte.»

Hiltrud Dorothea Werner, 1966 im mecklenburgischen Bad Doberan geboren, studierte noch zu DDR-Zeit Ökonomie, machte ihr Diplom im Wendejahr 1989 in Halle. Mitte der 1990er Jahre kam sie zu BMW, ging für den Autobauer nach Großbritannien, übernahm nach mehreren Karriereschritten im Januar 2016 schließlich die Leitung der Konzernrevision der Volkswagen AG, seit nunmehr zwei Jahren sitzt sie im Vorstand.

Werner und Teschke haben mit ihrem Aufbruch in den Westen anscheinend das Richtige getan. Das sei auch jungen Ostdeutschen heute nur zu empfehlen, sagt Soziologe Kollmorgen. «Verlasst die Kuschelecke, erwerbt anderes kulturelles Kapital, atmet andere Mentalitäten.»

Und was sagt der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU)? Er beklagt, dass viele Westdeutsche noch immer zu wenig über den Osten wüssten. «Wenn nach einem Behördenstandort gesucht wird, dann sitzen eben fast nur Leute beisammen, die aus dem Westen kommen, die kommen gar nicht auf die Idee, was es für hervorragende Standorte jenseits der Elbe geben könnte», sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Donnerstag).

Der Weg von Thomas Krüger, geboren 1959 im thüringischen Buttstädt und aufgewachsen am Ost-Berliner Stadtrand, verlief etwas anders als der von Werner und Teschke. Er wurde als junger Mann über sein politisches Engagement in der Wendezeit der letzte Stadtrat für Inneres in Ost-Berlin vor der Wiedervereinigung. Heute leitet er die Bundeszentrale für politische Bildung. Die Behörde sei «durch und durch rheinisch» gewesen, als er im 2000 dort anfing, erzählt er. Mit ihm habe sich damals die Zahl der Ostdeutschen verdoppelt. Heute sei es viel gemischter. «Ost-West spielt keine Rolle mehr.»

Krüger sieht bei Ostdeutschen sogar einen Vorteil. Sie könnten improvisieren, sich schnell auf Neues einstellen, das sei heute in der globalisierten Welt zunehmend gefragt, ist er überzeugt.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 02. 2019
14:36 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten BMW Bundeskanzlerin Angela Merkel Bundeszentrale für politische Bildung CDU Centrum für Hochschulentwicklung Christian Hirte Erich Honecker Hochschule Neubrandenburg Hochschule Zittau/Görlitz Hochschulen und Universitäten Mathematik Mauerfall Ostdeutsche Politische Bildung Rektorinnen und Rektoren Soziologinnen und Soziologen Thomas Krüger Universität Bremen Universität Leipzig Universität Potsdam Volkswagen AG Werner Krüger Wiedervereinigung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

16.09.2019

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

In Douglas Adams' Science-Fiction-Klassiker «Per Anhalter durch die Galaxis» ist 42 die Antwort auf alles. Mathematiker haben sich allerdings an der 42 als Lösung für ein recht einfach wirkendes Problem die Zähne ausgebi... » mehr

Bill Gates bei der Geberkonferenz des Globalen Fonds

09.10.2019

Geld für Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria gesucht

Eine große Geberkonferenz in Frankreich will Milliarden einsammeln, um gefährliche Krankheiten wie Aids und Malaria zu besiegen. Auch US-Milliardär Bill Gates zieht mit. Werden die Ziele erreicht? » mehr

Zuckerhaltige Getränke

13.06.2019

Zucker in Süßgetränken: Wie kann der Konsum gesenkt werden?

Zuckerhaltige Getränke fördern Übergewicht - und sind vermutlich gefährlicher, als Zucker in fester Form. Aber warum? Und was kann und will die Politik dagegen tun? » mehr

Laser für Blitzschutz-Forschungsprojekt

vor 10 Stunden

Laser soll Blitze aus Gewitterwolken unschädlich machen

Jedes Jahr richten Blitze weltweit Milliardenschäden an. Besonders sensible Objekte könnten in Zukunft besser geschützt werden - dank eines Lasers, der die Luft in einen Blitzableiter verwandelt. » mehr

Genschere

21.11.2019

Crispr/Cas9-Genschere gegen Bluterkrankung erfolgreich

Ist den Ärzten der Uniklinik Regensburg ein Durchbruch gelungen? Eine Patientin mit Beta-Thalassämie hat nach einer Gentherapie normale Blutwerte. » mehr

Fragment des Murchison Meteoriten

18.11.2019

Forscher finden biologisch bedeutenden Zucker in Meteoriten

Ein wahrer Zuckerregen könnte einst auf Erde, Mars und andere junge Planeten niedergegangen sein. Das zumindest vermuten Forscher, die einen 1969 in Australien eingeschlagenen Meteoriten näher unter die Lupe nahmen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall auf der B 303 Ebersdorf

Unfall auf der B 303 | 12.12.2019 Ebersdorf
» 7 Bilder ansehen

Brand in Kronach

Brand in Kronach | 12.12.2019 Kronach
» 8 Bilder ansehen

FRG Ebern wird Fair-Trade-Schule Ebern

FRG Ebern wird Fair-Trade-Schule | 11.12.2019 Ebern
» 10 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 02. 2019
14:36 Uhr



^