Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Wissenschaft

Entspannung pur - Faultiere sind Energiesparmeister

Er wirbelt herum, rennt, springt und sorgt für Chaos. Die Vorbilder von Sid, des niedlichen Riesenfaultiers aus «Ice Age», verhalten sich dagegen eher artgerecht träge - selbst beim Sex.



Weltfaultiertag
Zwei Faultiere im Tiergarten Schönbrunn in Wien.   Foto: Heinz Süssenbeck/TIERGARTEN SCHÖNBRUNN/APA/dpa

Ganz langsam zieht Paula, kopfüber an einem Ast hängend, ihren Fuß heran, genüsslich ein Blatt kauend. Die Trägheit der Vierbeinerin im Bergzoo Halle (Saale) ist ihrer Spezies und nunmehr 50 Lebensjahren geschuldet.

«Paula ist das älteste Faultier, von dem wir wissen», sagt Biologin Jutta Heuer. Sie kennt das Zweifingerfaultier seit 45 Jahren und führt das Zuchtbuch dieser Tiere für Europa. «Es ist kein Exemplar in Zoos oder freier Wildbahn bekannt, das mehr Jahre auf dem Buckel hat.»

Seit 2010 macht der Weltfaultiertag (19. Oktober) jährlich auf diese zahnarmen Säugetiere und ihre Gefährdung durch die Vernichtung des Regenwaldes in Süd- und Mittelamerika aufmerksam. Sie sind Energiesparmeister, denn ihr Körper läuft auf Sparflamme: Sie brauchen wenig Nahrung und schlafen bis zu 20 Stunden pro Tag.

Dreifingerfaultiere hätten den langsamsten Stoffwechsel aller Säugetiere überhaupt, sagt Camila Mazzoni vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. «Den brauchen sie auch, denn ihre Nahrung - Blätter - ist sehr energiearm.»

Sie können ihre Innentemperatur niedriger halten als andere Säugetiere und auch über Sonne und Baumschatten kontrollieren. «Und sie sind natürlich auch sehr, sehr langsam», erklärte Mazzoni. Weil Faultiere meist hängend leben, wächst ihr Fell verkehrt herum vom Bauch zum Rücken, damit Regenwasser ablaufen kann. Bis zu zehn Zentimeter lange Krallen geben sicheren Halt - je nach Gattung zwei oder drei an den Vorder- sowie drei an den Hinterbeinen.

In ihrem dichten Fell leben Milben, Zecken, Käfer und Falter, dank Kotresten, toter Motten und Luftfeuchtigkeit im Regenwald wachsen sogar Grünalgen. «Die energiereichen Algen sind willkommene Zusatznahrung und gute Tarnung» zugleich, erklärt Heuer. Dank ihrer langsamen Verdauung müssen sie auch nur ein Mal pro Woche ihren Platz in luftiger Höhe verlassen - zum Koten am Boden. Dann sind sie laut Heuer besonders gefährdet. «Sie können nicht laufen, nur kriechen oder robben.»

Nach Angaben von Biologin Mazzoni gibt es noch sechs bekannte Faultier-Arten, die auf Bäumen leben und kopfüber hängen. Es sind die Überlebenden der einst mehr als 100 Faultierarten umfassenden Gruppe. «Die meisten verschwanden am Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 bis 12.000 Jahren.»

Zwei Dreifingerfaultier-Arten sind laut Mazzoni vom Aussterben bedroht: das Kragenfaultier im Atlantikwald Brasiliens und das Zwergfaultier auf einer winzigen Insel in Panama. Abholzung und Brände im Regenwald gefährden auch die anderen Tiere, sie werden auf den durch Rodung entstehenden Inseln isoliert oder bei der Überquerung von Straßen überfahren, erklärt Heuer. «Dazu kommt, dass Einheimische sie gern essen und die Jungen als Haustiere beliebt sind.»

In Tierparks haben die possierlichen Vierbeiner mit den kleinen Augen derzeit Konjunktur. «Viele wollen mit der Zucht anfangen», sagt Heuer. «Aber es sind eben Faultiere, die lassen sich nicht animieren.» So könne es zehn Jahre dauern mit dem Nachwuchs oder gar nicht klappen. Notfalls, helfe nur ein Partnertausch. Erfolg oder Misserfolg zeigten sich nach elf Monaten Tragezeit.

Ende 2018 gab es insgesamt 65 Exemplare in deutschen Zoos, ausschließlich Zweifingerfaultiere, wie Heuer berichtete. In Europa waren es 266. Dreifingerfaultiere könnten nicht gehalten werden, weil sie ähnlich Koalas oder Bambusbären nur in Südamerika vorkommende Blätter fressen. Zweifingerfaultiere indes mögen auch Gemüse und Obst von Papayas über Weintrauben, Pflaumen oder Beeren bis zu Bananen sowie gekochte Eier und Mais.

Wenn es Futter gibt, werden sie zu flinken Akrobaten. «Sonst liegen sie auf Astgabeln, zu einer Art Kugel zusammengerollt, um die Arme zu entlasten», berichtet Heuer. In der Regel freundlich und gleichgültig, können sie auch zuschlagen, wenn sie sich bedroht fühlen. «Dann klappen sie die Krallen aus und beißen herzhaft mit ihren Eckzähnen zu.»

Veröffentlicht am:
18. 10. 2019
07:55 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Biologen Drohung und Bedrohung Gemüse Grünalgen Milben Mittelamerika und Karibik Obst Regenwald Saale Südamerika
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Nasen-Chamäleon

05.02.2020

Neue Nasen-Chamäleonarten auf Madagaskar identifiziert

Forscher haben vier neue Chamäleon-Arten identifiziert. Der Gruppe der Nasenchamäleons seien zuletzt 12 Arten zugezählt worden, nun seien es 16, schreiben die Forscher aus Deutschland und Madagaskar im Fachjournal «Verte... » mehr

Scinax ilex

04.01.2019

Ein bedrohter Schatz: Die enorme Frosch-Vielfalt von Ecuador

Ein seltsam geformter Kopf, gelb-grüne Haut: In Ecuadors Regenwäldern leben einzigartige Frösche. Die Tiere interessieren nicht nur Biologen - auch für die Medizin können sie von Nutzen sein. » mehr

Schatten

09.08.2020

Eltern zeigen «Sammelbild-Verhalten» bei Nachwuchsplanung

Manche Eltern bekommen so viele Kinder, bis sie mindestens einen Sohn und eine Tochter haben. Warum ist das so? » mehr

Stechmücken

19.06.2020

Vermutung: West-Nil-Virus etabliert sich in Deutschland

Mit dem Sommer kommen die Mücken. Eine Art kann auch in Deutschland die Tropenkrankheit West-Nil-Virus auf Menschen übertragen. 2019 gab es das erste Mal Nachweise für Infektionen in Deutschland. Bei einem warmen langen ... » mehr

Pfeilspitzen aus Tierknochen

12.06.2020

Ältester Beleg für Pfeil-und-Bogen-Technik außerhalb Afrikas

Ausgerechnet im tropischen Regenwald finden Forscher Belege für die früheste Nutzung von Pfeil und Bogen außerhalb Afrikas. Die Funde zeigen, warum der Mensch bei der Besiedlung der Erde so erfolgreich war. » mehr

Viele Mücken in diesem Sommer

26.07.2020

Viele Mücken in Deutschland unterwegs

Sie stechen und stören: Viele Menschen empfinden in diesem Sommer Mücken als besonders lästig. Doch kann man von einer Mückenplage sprechen? Forscher machen sich die Insekten zunutze. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

HSC Coburg: Training und Media Day

HSC Coburg: Training und Media Day | 12.08.2020 Coburg
» 25 Bilder ansehen

WG: HSC - mögliche Aufmacher

WG: HSC - mögliche Aufmacher | 12.08.2020 Coburg
» 26 Bilder ansehen

Großbrand in Tettau auf Bauernhof

Großbrand auf Tettauer Bauernhof | 09.08.2020 Tettau
» 50 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
18. 10. 2019
07:55 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.