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Wissenschaft

Erste Montage-Etappe von Kernfusionsreaktor Iter beginnt

Sie soll ein «Stern auf der Erde» sein: In der Experimentalanlage Iter in Südfrankreich wollen Forscher versuchen, nach dem Vorbild der Sonne Energie zu produzieren. Für Befürworter eine klimafreundliche Lösung. Für Kritiker ein Milliardengrab und teures Spielzeug.



Frankreich feiert Bauabschnitt bei Kernfusionsreaktor Iter
Blick auf die Baustelle des Kernfusionsreaktors Iter in Saint-Paul-lez-Durance (Archiv). Befürworter erhoffen sich von der Kernfusion eine klimafreundliche, nahezu unendlich verfügbare Energiequelle.   Foto: Christophe Simon/AFP/dpa

Alle Bauteile sind da: In hohen Hallen nordöstlich von Aix-en-Provence in Südfrankreich lagern riesige Magnetspulen, Vakuum-Behälter und glänzende Großbauteile aus Metall.

Zusammenmontiert sollen sie den Kernfusionsreaktor Iter ergeben, ein Mammut-Projekt, das in der Zukunft klimafreundlich Energie produzieren soll.

Der Beginn der Montage des Tokamak-Reaktors sei ein historischer Moment, sagte Iter-Chef Bernard Bigot am Dienstag anlässlich einer Zeremonie für den neuen Bauabschnitt. Der härteste Teil der Arbeit liege nun aber noch vor dem Team. Der Aufbau sei wie ein riesiges 3D-Puzzle, das unter Beachtung des Zeitplans zusammengesetzt werden müsse, so Bigot.

Die Corona-Pandemie hatte die Tätigkeiten auf der Großbaustelle bei Cadarache, rund 60 Kilometer nordöstlich der französischen Hafenmetropole Marseille, zuletzt verlangsamt. Ganz unterbrochen wurden sie jedoch nicht. An dem Projekt sind neben der EU die USA, Russland, China, Indien, Japan und Südkorea beteiligt. Die Kosten werden auf mehr als 20 Milliarden Euro geschätzt, begonnen hatte der Bau 2010.

Während der Pandemie sei es nicht einfach gewesen, die Herstellung und die Lieferung von Bauteilen aus den Ländern sicherzustellen, so der Iter-Chef bei der Feier, zu der Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron geladen hatte. Was am Ende aus diesen entstehen soll nennt Bigot einen «Stern auf der Erde».

Der Reaktor Iter soll Energie aus der Verschmelzung von Wasserstoff-Atomen erzeugen - und damit die Funktionsweise der Sonne imitieren. Dazu wird ein Wasserstoffplasma auf 150 Millionen Grad Celsius erhitzt. Das entstehende heiße Plasma muss von extremen Magnetfeldern berührungsfrei in der Brennkammer eingeschlossen werden. 2025 solle das erste Plasma eingesetzt werden und Physiker mit Experimenten beginnen können, erklärte Bigot.

Für 2035 ist dann die Beladung des Reaktors mit Deuterium-Tritium und der Beginn von Versuchen, Energie aus Kernfusion zu erzeugen, geplant. Dass der Reaktor die Energie dann gegebenenfalls als Elektrizität erfasst, ist nach Iter-Angaben nicht vorgesehen. Die Experimentalanlage soll demnach aber den Weg für künftige Fusionskraftwerke zur Stromerzeugung ebnen.

Befürworter erhoffen sich von der Kernfusion eine nahezu unendlich verfügbare Energiequelle ohne klimaschädliche Emissionen oder das Risiko einer Kernschmelze wie in Atomkraftwerken.

Kritiker sehen Iter dagegen als zu teuer an. Sylvia Kotting-Uhl, Atom-Expertin der Grünen im Bundestag, spricht von einem «Milliardengrab ohne Happy End». Die kommerzielle Anwendbarkeit der Technologie stehe in den Sternen und werde im besten Fall gegen Ende des Jahrhunderts möglich sein, kritisiert die Grünen-Politikerin. «Deutschland und die EU steuern mit Vollgas in die Sackgasse, anders kann man diesen Wahnsinn nicht bezeichnen.»

Und Kritiker unken zudem, dass die Fusionsenergie schlicht zu spät komme. Die Treibhausgasemissionen müssten im Kampf gegen den Klimawandel schon vorher deutlich sinken und die erneuerbaren Energien hätten sich bis dahin durchgesetzt, so die Argumente. Heinz Smital, Sprecher von Greenpeace Deutschland zu Atomkraft, nennt den Iter-Reaktor ein «teures Spielzeug».

«Anlagen zur Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien sind heute schon viel leistungsfähiger und preiswerter und werden sich in den nächsten 50 Jahren auch noch weiter verbessern», so Smital. Selbst wenn die Iter-Anlage fertig gebaut sei und funktionieren sollte, werde sie keinen Strom erzeugen, kritisiert Smital.

Ein weiteres Problem des Forschungsprojektes, das auf ein Treffen von US-Präsident Ronald Reagan mit dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow im Jahr 1985 zurückgeht, ist die komplizierte Organisation. Mehr als 30 Länder sind beteiligt: EU, USA, Russland, China, Japan, Indien und Korea - und alle sollen möglichst gleichmäßig von dem Mammutvorhaben profitieren.

© dpa-infocom, dpa:200728-99-952722/5

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28. 07. 2020
15:29 Uhr

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