Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Wissenschaft

Forderung nach Museumsdaten für Suche nach Kolonialobjekten

Unzählige Kolonialobjekte sind fester Bestandteil in deutschen Sammlungen. Politik und Museen öffnen sich für Rückgaben. Doch Wissenschaftlern geht das nicht schnell genug.



Rückgabe von Kunst
Wissenschaftler fordern Museumsdaten für Suche nach Kolonialobjekten.   Foto: Michel Euler/AP/dpa

Die Rückgabe von Kolonialobjekten aus deutschen Sammlungen muss aus Sicht internationaler Wissenschaftler durch eine rasche Öffnung der Museumsinventare beschleunigt werden.

Dafür werde «unbeschränkter und unkontrollierter Zugang» zu den Bestandsverzeichnissen gefordert, heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Appell an die Kulturminister von Bund und Ländern.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nannte den Aufruf berechtigt. «Wir müssen wissen, über welche Bestände wir reden, damit wir den Dialog auf Augenhöhe führen können», sagte sie der dpa. «Wenn die Herkunftsgesellschaften und Herkunftsstaaten wissen, was in den Museen ist, können sie ihr Interesse bekunden, Ansprüche geltend machen.» Es würde sehr lange dauern, erst alle Daten zu erheben und dann ins Netz zu stellen.

Gleichzeitig warnte Grütters vor unvollständig, fehlerhaften oder für Herkunftsgesellschaften sensiblen Datensätzen. Die geforderte Freischaltung ohne Kontrolle könnte zu Irritationen führen.

Den Wissenschaftlern wurden direkte Gespräche angeboten. Die Initiatoren des Appells sollten in die Arbeitsgemeinschaft von Bund und Ländern eingeladen werden, die sich mit dem Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten befasse, sagte der Vorsitzende der Kulturministerkonferenz, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD), der dpa. «Dann kann im direkten Gespräch geklärt werden, wie wir möglichst gut und schnell vorankommen.» Dies gehe am besten, wenn Politik, Wissenschaft, Museen und Zivilgesellschaft in Deutschland und den Herkunftsgesellschaften zusammenarbeiteten.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwies auf «große Anstrengungen», Bestände offen zu legen und Transparenz zu schaffen. «Die Realität der Museen ist längst von intensiver Zusammenarbeit geprägt», hieß es in einer Mitteilung der von Bund und Ländern getragenen Stiftung mit rund zwei Dutzend bedeutenden Kunstsammlungen. Die Debatte um Objektbiografien afrikanischer Bestände sei kein neues Thema. Seit Jahren gehöre es zum Alltag der Kuratoren des Ethnologischen Museums, alle Anfragen zu den Sammlungen zu beantworten und umfassend Auskunft zu geben.

Die Zahl der möglicherweise in kolonialen Zusammenhängen nach Deutschland gelangten Stücke ist immens. Allein beim Ethnologischen Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geht es um eine halbe Million Objekte.

Der Appell der Wissenschaftler ist unterzeichnet etwa von der in Berlin lehrenden Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, dem Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer und dem senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr. Savoy und Sarr hatten Ende 2018 in einem Aufsehen erregenden Bericht für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron empfohlen, aus der Kolonialzeit stammende Kunstwerke an die Herkunftsländer in Afrika zurückzugeben.

Die Wissenschaftler bezeichneten es als «Skandal, dass es trotz der anhaltenden Debatte noch immer keinen freien Zugang zu den Bestandslisten der öffentlichen Museen in Deutschland gibt». Kenntnis der Bestände sei die Grundlage für jeden Dialog. «Um Transparenz zu schaffen, sind keine langwierige Datenaufbereitung und abgeschlossene Digitalisierungsprojekte erforderlich.» Die Arbeit an den Inventaren werde nie fertig sein. «Es gibt keinen Grund zu warten.»

Zimmerer sagte der dpa, das Bestreben sei auffällig, die Kontrolle über die Aufarbeitung zu behalten, etwa über die Kontrolle des Zugangs zu den Objekten und Dokumenten. «Das steht einer wahren postkolonialen Aufarbeitung im Weg.» Notwendig sei eine «umfassende und radikale Transparenz».

Zuvor hatten Bund und Länder die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle beschlossen, um die Rückgabe von Kolonialobjekten zu vereinfachen. Menschen und Institutionen aus Herkunftsstaaten und betroffenen Gesellschaften können sich dort über Bestände von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland informieren.

In einer gemeinsamen Erklärung hieß es: «Zahlreiche deutsche Museen und andere Institutionen arbeiten bereits an einer Inventarisierung und Digitalisierung ihrer Bestände und stellen Daten zur Verfügung, die in die beratende und vernetzende Arbeit der Kontaktstelle einfließen können.»

Veröffentlicht am:
17. 10. 2019
18:58 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
CDU Deutsche Presseagentur Emmanuel Macron Kolonialismus Kulturhistoriker Kulturminister Museen und Galerien Präsidenten Frankreichs SPD Stiftung Preußischer Kulturbesitz Stiftungen Wirtschaftswissenschaftler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Bill Gates bei der Geberkonferenz des Globalen Fonds

09.10.2019

Geld für Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria gesucht

Eine große Geberkonferenz in Frankreich will Milliarden einsammeln, um gefährliche Krankheiten wie Aids und Malaria zu besiegen. Auch US-Milliardär Bill Gates zieht mit. Werden die Ziele erreicht? » mehr

Humboldt-Universität

19.07.2019

Elf deutsche Unis und Verbünde sind künftig «Elite-Unis»

Wissenschaft und Hochschullandschaft hatten mit Spannung auf die Entscheidung gewartet. Jetzt ist klar, welche Unis in Deutschland sich künftig «Exzellenzuniversität» nennen dürfen. An den Gewinner-Hochschulen knallen di... » mehr

Schlafwandler

28.08.2019

Im Tiefschlaf auf Tour - Das geheime Leben der Schlafwandler

Das kann ich doch im Schlaf - bei manchen Zeitgenossen trifft das tatsächlich zu. Egal ob putzen, kochen oder gar Autofahren: Was die Betroffenen nachts so treiben, ist erstaunlich. Und mitunter ziemlich gefährlich, auch... » mehr

Chinesische Zaubernuss

07.08.2019

Zaubernuss-Samen fliegen ähnlich wie Gewehrkugeln

Die Blüten der Chinesischen Zaubernuss sehen spektakulär aus. Besonders ausgeklügelt verschleudert die Pflanze auch ihre Samen. Freiburger Forscher erinnert das an Gewehrkugeln. » mehr

Papyrus

11.07.2019

Ältester bekannter christlicher Privatbrief identifiziert

Die ersten Christen wurden verfolgt, lebten für den Glauben und waren jederzeit für den Märtyrertod bereit: So beschrieben es Kirchenväter. Dass Christen auch reisten, politische und kulinarische Interessen hatten, zeigt... » mehr

Michaela Brohm-Badry

01.07.2019

Glücksforscherin: Schicksalsschläge können stärker machen

Wenn man einen Angehörigen verliert oder Opfer einer Katastrophe wird, kann man sich schwer vorstellen, wieder glücklich zu werden. Forscher haben belegt, dass das geht. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Coburger Weihnachtsbaum 2019

Anlieferung Coburger Weihnachtsbaum | 18.11.2019 Coburg
» 19 Bilder ansehen

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) Coburg

BBC Coburg - Gießen 46ers Rackelos 101:78 (58:34) | 17.11.2019 Coburg
» 46 Bilder ansehen

Rathaussturm in Steinberg Steinberg

Rathaussturm in Steinberg | 16.11.2019 Steinberg
» 8 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 10. 2019
18:58 Uhr



^