Lade Login-Box.
Topthemen: Vor 40 Jahren in der Neuen PresseBlitzerwarnerGlobe-TheaterHSC 2000 Coburg

Wissenschaft

Frühmensch konnte auf Distanz töten

Am Bild vom tumben Neandertaler hat schon so manche Studie genagt. Nun kommt eine weitere hinzu: Beim Herstellen von Speeren erwies sich unsere ausgestorbene Verwandtschaft wohl als überraschend findig.



Neandertaler
Die Nachbildung eines älteren Neandertalers steht im Neanderthal-Museum in Mettmann (Nordrhein-Westfalen).   Foto: Federico Gambarini

Schon der Neandertaler war in der Lage, Beute auf große Distanz zu erlegen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des University College London in einer originellen Studie.

Wie sie im Fachmagazin «Scientific Reports» berichten, ließen sie trainierte Athleten Nachbauten der berühmten «Schöninger Speere» werfen, die in Niedersachsen gefunden wurden. Das Ergebnis: Die Sportler konnten Ziele bis auf eine Entfernung von 20 Metern treffen - und das mit einer Wucht, die ein Beutetier getötet hätte.

Bislang ging man davon aus, dass der Neandertaler (Homo neanderthalensis), ein ausgestorbener Verwandter des modernen Menschen, seine Waffen nur in einem begrenzten Radius einsetzen konnte: indem er etwa seiner Beute einen tödlichen Stoß versetzte oder seinen Speer auf kurze Distanz warf. Die Arbeit der Archäologin Annemieke Milks und ihres Teams ist nun ein weiterer Hinweis darauf, dass diese Vorstellung falsch ist.

Die Forscher ließen zunächst eine exakte Replik eines Schöninger Speers anfertigen. Diese Wurfspeere aus der Altsteinzeit wurden zwischen 1994 und 1998 bei Ausgrabungen im Braunkohletagebau Schöningen in Niedersachsen gefunden. Die etwa 300.000 Jahre alten, aus Fichten- und Kiefernholz gefertigten Waffen gelten als älteste vollständig erhaltene Jagdwaffen der Welt und werden dem Homo heidelbergensis zugerechnet. Die Trennlinie zwischen ihm und dem Neandertaler ist allerdings fließend, so dass die Forscher aus London einfach von Speeren des Neandertalers sprechen.

Die per Hand aus Fichtenholz gefertigten Speere wogen zwischen 760 und 800 Gramm, was dem Gewicht der Originale nahe kommt. Im Anschluss testeten sechs Speerwerfer, ob die Waffen genutzt werden konnten, um ein Ziel auf Distanz zu treffen. Dafür warfen sie die Speere auf Heuballen, die in unterschiedlicher Entfernung platziert waren.

Das Resultat: Die Sportler trafen die Heuhaufen bis auf 20 Meter recht genau, und das mit einer Wucht, die für ein Beutetier tödlich gewesen wäre. Für Studienleiterin Milks ist das ein klarer Beleg dafür, dass der Neandertaler durchaus technologisch geschickt und in der Lage war, Großwild mit verschiedenen Strategien zu jagen.

Dafür spricht auch die Ausgereiftheit der Originale: Ihr Schwerpunkt liegt nicht in der Mitte, sondern Richtung Spitze. Die Spitze wiederum lag etwas versetzt zum weichen Mark, welches die anfälligste Stelle des Stammes ist. Zudem wählten die Frühmenschen Stämme von Bäumen, die sehr langsam gewachsen waren. Diese verfügten entsprechend über viele Baumringe, aber einen geringen Durchmesser, was sie zu idealem Material für die Waffen machte.

Der Archäologe Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der nicht in die Studie involviert war, betont, dass die Nutzung von Speeren eine hochkomplexe Fähigkeit ist, die Planung und eine mehrteilige Arbeitskette erfordert. «Man braucht zunächst Werkzeuge, um einen Baum zu fällen, dann, um die Speere herzustellen und sie zu bearbeiten. Nicht zuletzt müssen diese Werkzeuge zunächst einmal produziert werden.»

Entsprechend interessant ist die Studie aus London für den Leiter der Grabungen in Schöningen. «Die Arbeit ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Menschen vor 300.000 Jahren dem modernen Menschen nicht nur ein wenig ähnlich waren, sondern in vielen Aspekten sogar identisch, wenn man etwa ihre motorischen Fähigkeiten betrachtet.» Daher sei die Arroganz des Homo sapiens unangebracht, der «Neandertaler» als Schimpfwort benutze.

Ähnlich äußert sich Felix Hillgruber, Kurator am Paläon, dem eigens für die Speere gebauten Museum und Forschungszentrum: «Die Studie erlaubt uns, ein besseres Bild von der Vergangenheit zu zeichnen.» Schon die Entdeckung der Schöninger Speere habe die bis dahin geltenden Annahmen über die Altsteinzeit komplett umgeworfen. «In den 70er und 80er Jahren ging man davon aus, dass unsere Vorfahren aus dieser Zeit Aasfresser und opportunistische Jäger waren.» Die Speere zeigten, dass die Menschen aus dem Mittelpleistozän stattdessen mit Spitzenprädatoren wie Löwen und Säbelzahnkatzen auf einer Stufe standen.

Neben sieben Holzspeeren wurden in Schöningen auch eine Stoßlanze und ein kürzerer Wurfstock gefunden. «Die Menschen hatten damals also ein ganzes Kit an Waffen, mit dem sie unterschiedlichen Jagdsituationen begegnen konnten», führt Archäologe Serangeli aus. Trotzdem die aktuelle Studie nun belege, dass die Speere zum weiten Werfen genutzt werden konnten, ist sich der Archäologe sicher, dass sie vielfältige Einsatzzwecke hatten. «Wenn ich auf eine Säbelzahnkatze treffe, werde ich mir zweimal überlegen, ob ich meinen einzigen Speer nach ihr werfe.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
31. 01. 2019
12:09 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Altsteinzeit Archäologen Braunkohletagebau Eberhard-Karls-Universität Tübingen Großwild Homo sapiens Neandertaler Speerwerfer Sportler Stammesgeschichte des Menschen Waffen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Forscher entdecken uralte Grabenanlage

14.10.2019

Forscher entdecken nahe Tübingen uralte Grabenanlage

Der archäologische Fund eines Skeletts aus der frühen Jungsteinzeit wirft Rätsel auf. Schmuckstücke aus Kalksteinperlen - sonst eher im Raum der Karpaten zu finden - sind Grund des Rätsels, aber möglicherweise gleichzeit... » mehr

210.000 Jahre alter menschlicher Schädel

10.07.2019

Der moderne Mensch kam früher nach Europa als angenommen

Afrika gilt als Wiege der Menschheit. Doch der Homo sapiens verließ den Kontinent wahrscheinlich viel früher als bislang angenommen - das fanden Wissenschaftler aus Tübingen und Athen heraus. » mehr

Denisova-Urmensch

19.09.2019

Forscher rekonstruieren Aussehen des Denisova-Urmenschen

Sie sind entfernte Verwandte des Neandertalers: Denisova-Urmenschen. Bisher gab es von ihnen nicht mehr als einen Knochen, einen Unterkiefer und drei Zähne. Nun zeigen Forscher, wie die Urmenschen möglicherweise aussahen... » mehr

Danuvius guggenmosi

06.11.2019

Aufrechter Gang könnte sich in Europa entwickelt haben

Es sind nur wenige Knochen aus einem Bach im Unterallgäu, doch für die Wissenschaft könnten sie eine Sensation bedeuten: Sind die fast zwölf Millionen Jahre alten Funde der Beleg dafür, dass sich der aufrechte Gang im Ge... » mehr

Mammut-Skelett

12.10.2019

Tod auf einsamer Insel - Das Ende der letzten Mammuts

Abgeschnitten auf einer arktischen Insel trotzten die letzten Mammuts dem sich erwärmenden Weltklima. Doch vor etwa 4000 Jahren kam auch für diese nur wenige hundert Tiere große Gruppe plötzlich das Ende. » mehr

Friedrich-Miescher-Laboratorium

30.09.2019

Wie Friedrich Miescher die DNA entdeckte

Die Erbsubstanz DNA ist eine Grundlage des Lebens. Ihre Entdeckung ist eine schwäbische Angelegenheit. Friedrich Miescher gelang das vor 150 Jahren in Tübingen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Festakt 30 Jahre Mauerfall in Ludwigsstadt

Festakt 30 Jahre Mauerfall | 13.11.2019 Probstzella
» 25 Bilder ansehen

Neugestaltung Bahnhof Coburg

Neugestaltung Bahnhof Coburg | 13.11.2019 Coburg
» 6 Bilder ansehen

Queen of Sand in der NP

Queen of Sand in der NP | 13.11.2019 Coburg
» 11 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
31. 01. 2019
12:09 Uhr



^