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Wissenschaft

Jeder vierte HIV-Infizierte weiß nichts von Ansteckung

Vor dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember vermelden Experten in Deutschland eine erfreuliche Nachricht: Die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Allerdings steigt die Zahl derer, die von ihrer Infektion nichts wissen - hierzulande und in anderen Regionen der Welt.



Im Labor
HIV-Test: Ein Analysegerät wird in einem Labor mit Patientenproben beladen.   Foto: Gaetan Bally/KEYSTONE

Nach längerer Stagnation haben sich im Vorjahr in Deutschland etwas weniger Menschen mit dem Aidserreger HIV angesteckt. Die Zahl der Neuinfektionen im Jahr 2017 werde auf etwa 2700 geschätzt, berichtet das Robert Koch-Institut (RKI).

Für die Vorjahre 2014 bis 2016 werden nach der aktuellen Modellrechnung jeweils 2900 Neuinfektionen angenommen. Die Zahlen werden jährlich neu errechnet, da HIV in vielen Fällen erst Jahre nach der Ansteckung diagnostiziert wird.

Im Gegensatz zu dieser positiven Entwicklung wuchs in Deutschland in den Vorjahren die angenommene Zahl der Infizierten, die selbst noch nichts von der Diagnose wissen, leicht an: von etwa 10 800 Ende 2011 auf geschätzt 11.400 Ende 2017.

Auf dieses Problem weist auch der jährliche Bericht des UN-Programms UNAIDS hin, der am Donnerstag in der Elfenbeinküste veröffentlicht wurde. Demnach wissen weltweit 25 Prozent der Infizierten nicht, dass sie HIV-positiv sind - das entspricht etwa 9,4 Millionen Menschen. 2015 lag der Anteil noch darüber, bei 33 Prozent.

Besonders problematisch sei die Lage in West- und Zentralafrika: Dort lebten zwar nur sechs Prozent der globalen Bevölkerung, jedoch ein Drittel jener rund 9,4 Millionen Menschen, die unwissentlich mit HIV infiziert seien. Die Schätzungen erzielt UNAIDS nach eigenen Angaben durch Modellierung von Daten. 2017 lebten demnach 36,9 Millionen Menschen weltweit mit HIV, im Jahr davor waren es 36,3 Millionen.

In Deutschland lebten laut RKI Ende 2017 insgesamt rund 86.000 Menschen mit HIV. «Dank der erfolgreichen Präventionsarbeit und der guten Behandlungsmöglichkeiten gehört Deutschland bereits zu den Ländern mit den niedrigsten HIV-Neuinfektionsraten in Europa», erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Er kündigte an, dass man die Zahl der Neuinfektionen weiter senken wolle und verwies zum Beispiel auf die inzwischen frei verkäuflichen HIV-Selbsttests.

Das RKI sieht im Ausbau von Testangeboten für bestimmte Zielgruppen einen Grund für den Rückgang. Insbesondere geht es dabei um homo- und bisexuelle Männer, bei denen die Zahl der Neuinfektionen von 2300 im Jahr 2013 auf 1700 im Vorjahr sank. Die Testbereitschaft in dieser Gruppe sei «wahrscheinlich» auch deshalb gestiegen, weil Nutzer von Dating-Apps in Profilen zunehmend Angaben zum HIV-Status und dem letzten Test-Datum machten, heißt es.

Daneben zeige auch ein früherer Behandlungsbeginn bei HIV-positiven Menschen in Deutschland Erfolge, so das RKI. 92 Prozent der Betroffenen waren dem Bericht zufolge im Vorjahr in Behandlung. Wie die Deutsche Aids-Hilfe erklärte, beginnt man die Therapie seit 2015 sofort nach der Diagnose, früher sei das erst in etwas späteren Stadien der Fall gewesen. Der Rückgang der Zahlen sei «wegweisend», hieß es.

Rückläufig ist die Zahl der unwissentlich Infizierten bei homo- und bisexuellen Männern. Unter Heterosexuellen wird in den vergangenen Jahren ein langsamer Anstieg der Neuinfektionen gesehen. Ihnen fehlt es laut RKI oft an einem Bewusstsein für ein HIV-Risiko. Dadurch ließen sich die Menschen seltener testen. Bei Frauen werde die Mehrheit der HIV-Diagnosen erst beim routinemäßigen Schwangeren-Screening gestellt.

Zudem leben hierzulande geschätzt 6000 Menschen, bei denen die Infektion zwar diagnostiziert wurde, die aber noch nicht behandelt werden. Das können etwa Menschen ohne Papiere oder ohne Krankenversicherung sein. Weltweit wird laut UN-Bericht etwa bei der Hälfte der Infizierten das Virus im Blut nicht unterdrückt. Das kann etwa daran liegen, dass ein Patient nicht behandelt wird oder die Behandlung nicht erfolgreich ist.

In Deutschland nehmen laut RKI-Report wohl bereits mehrere Tausend Menschen Medikamente zur Vorbeugung einer HIV-Infektion. Die sogenannte Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) ist in der EU seit 2016 zugelassen und in Deutschland seit Herbst 2017 zu erschwinglicheren Preisen erhältlich. Sie spielt aber nach RKI-Einschätzung bei der Entwicklung der Zahlen bis Ende 2017 «noch keine maßgebliche Rolle». Das sieht die Deutsche Aids-Hilfe anders: Die zunehmende Verbreitung habe «vermutlich bereits Einfluss genommen», erklärte die Organisation.

HIV wird meistens beim Sex übertragen. Unbehandelt führt eine Infektion zu einer zunehmenden Schädigung des körpereigenen Abwehrsystems und darauf folgend auch oft zum Tod. Mit Medikamenten lässt sich die Entwicklung der Immunschwächekrankheit Aids heute aber aufhalten. Bei erfolgreicher Therapie kann die Viruslast im Körper von HIV-positiven Menschen so weit absinken, dass laut RKI «keine Übertragungen mehr» beobachtet werden.

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dpa

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22. 11. 2018
16:07 Uhr

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