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Wissenschaft

Kritik an der Vermenschlichung von Haustieren

Sie heißen Leo und Emma, haben vier Pfoten und liegen mit im Bett. Das ist für den Berliner Tierpathologen Achim Gruber ok. Doch er findet, dass immer mehr Menschen mit der Liebe zu ihrem Tier übertreiben - zum Leid ihrer Schützlinge.



Karl Lagerfeld mit Katze Choupette
Karl Lagerfeld or einer Zeichnung seiner Birma-Katze Choupette.   Foto: Jens Kalaene

An Karl Lagerfelds Katze kam kaum jemand vorbei, auch nicht in den Nachrufen auf den Modemeister. Ist Lagerfelds innige Liebe zu seiner Birma-Katze Choupette, die er seine Muse nannte, Ausdruck eines Trends zur Vermenschlichung von Haustieren?

Der Berliner Tierpathologe Achim Gruber hat ein Buch über das Phänomen geschrieben. «Das Kuscheltier-Drama» heißt es. Gruber berichtet darin über Haustiere, die still leiden: unter Herrchen und Frauchen, die sie zu sehr lieben.

Wenn Mieze oder Bello im Bett liegen, hat Gruber damit kein Problem. «Wenn sie geimpft und entwurmt sind», betont er. «Und wenn dem Tier das auch gefällt.» Das ist der springende Punkt bei seinen Thesen zum Kuscheltier-Drama. Kann ein Mensch Bedürfnisse von Heimtieren wahrnehmen - und will er das?

Haustiere sind beliebt. Nach Umfragen der Heimtier-Branche leben rund 34 Millionen in Deutschlands Haushalten, darunter fast 14 Millionen Katzen und 9 Millionen Hunde. 4,7 Milliarden Euro geben Halter nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts pro Jahr allein für Futter und Spielzeug ihrer Lieblinge aus, rund eine Milliarde Euro mehr als vor zehn Jahren.

Gruber ist Tierpathologe an der Freien Universität Berlin. Er untersucht Proben, wenn Tierärzten kranke Patienten mit Fell oder Federn Rätsel aufgeben. Er obduziert auch Haus- und Zootiere, die plötzlich starben, darunter Eisbär Knut. Mit der Zeit ist Gruber immer nachdenklicher geworden. «Wir machen unsere Haustiere zu Opfern», sagt er heute. «Sie werden so vermenschlicht, dass wir ihnen ihre Natur nehmen.»

Dass sich im Verhältnis zwischen Mensch und Tier etwas verschoben hat, bemerkt auch Lothar Hellfritsch, ehemaliger Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen. «Früher waren Haustiere meist zum Schutz da. Wie der Hofhund», sagt er. «Heute sind sie oft ein Spielzeug auf Zeit.» Die Fixierung auf ein Haustier werde heute als normaler betrachtet als noch vor 20 oder 30 Jahren.

Tiere dienen als Kind- oder Partnerersatz und heißen statt Bello und Mieze jetzt Felix und Emma. Gruber beobachtet auch veränderte Zuchtziele. «Normalerweise hat ein Hund einen langen Schädel, eine schlanke, große Nase und Augenhöhlen, die schräg nach außen stehen», sagt er. Heute würden die Tiere so gepaart, dass sie menschenähnlicher wirkten: mit kurzer Schnauze, hoher Stirn und Augen, die nach vorn blickten. Möpse und Französische Bulldoggen seien solche «Defektzuchten». Durch zu kleine Nasen bekämen sie bei Belastung zu wenig Luft.

Hinzu komme, dass manche Halter Hund oder Katz inzwischen vegetarisch ernährten, nur weil sie selbst so leben. Er beschreibt in seinem Buch auch, wie eine Frau den Todeskampf ihrer Bulldogge in ihren Armen als Zuneigung deutete. Das Tier erstickte. «Wir interpretieren das Verhaltensmuster von Tieren oft falsch, wenn wir es gar nicht kennen», so Gruber. Was Menschen in Tierverhalten sähen, sei meist eine Projektion eigener Bedürfnisse.

Projektionen kennt Psychologe Hellfritsch aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Ein Mensch allerdings könne widersprechen. «Ein abhängiges Tier kann sich aber nicht oder nur schlecht abgrenzen», sagt er. Karl Lagerfeld sagte über seine Katze: «Sie ist wie ein menschliches Wesen. Aber das Gute ist, dass sie schweigt, man muss nichts diskutieren.» Die Einschätzung von Choupette ist nicht bekannt.

Veröffentlicht am:
04. 03. 2019
08:42 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
04. 03. 2019
08:42 Uhr



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