Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 30 Jahre WiedervereinigungCoronavirusBlitzerwarnerVideosCotube

Wissenschaft

Patente auf Schimpansen gelten nicht mehr

Mäuse, Bakterien, Insekten, Kühe und sogar Menschenaffen: Immer wieder werden Tiere für Tierversuche genetisch verändert - und dann patentiert. Nun hat eine gerichtliche Instanz des Europäischen Patentamts eine neue Richtung gewiesen.



Patente auf Schimpansen ungültig
Nach jahrelangem Rechtsstreit sind zwei Patente auf gentechnisch veränderte Menschenaffen zurückgenommen.   Foto: Joel Carrett/AAP/dpa

Auch die Affenforscherin Jane Goodall ist zufrieden. Nach jahrelangem Rechtsstreit sind zwei Patente auf gentechnisch veränderte Menschenaffen nicht mehr gültig.

Ein Bündnis von Tier- und Umweltschutzorganisationen hatte jahrelang gegen die Patente einer US-Firma gekämpft, auch Goodall hatte sich engagiert. Die Streichung der Patentansprüche seien ein klares Signal an alle Wissenschaftler, «die zum Leiden fähige Tiere nur als ein Werkzeug der Forschung sehen», sagte sie nun.

Nach Beschwerden der Gegner hatte die Technische Beschwerdekammer als gerichtliche Instanz des Europäischen Patentamts (EPA) die Ansprüche auf Schimpansen und andere Tiere als nicht patentfähig beurteilt. Sie verwies dabei auf eine Regel, nach der Patente auf die genetische Veränderung von Tieren verboten sind, wenn daraus «Leiden dieser Tiere ohne wesentlichen medizinischen Nutzen für den Menschen oder das Tier» resultieren können. Erstmals seien damit Ansprüche auf gentechnisch veränderte Versuchstiere aus ethischen Überlegungen gänzlich zurückgenommen worden, erklärte das Bündnis am Donnerstag.

«Es hat fast 30 Jahre gedauert, bis das EPA an diesen Punkt gelangt ist und zum ersten Mal die Patentierung von gentechnisch veränderten Tieren stark einschränken will», sagte Ruth Tippe von der Initiative Kein Patent auf Leben!. «Wir fordern nach wie vor ein generelles Verbot von Patenten auf Tiere aus ethischen Gründen.»

Das EPA stellte klar, dass nun zwar die Ansprüche auf die Tiere gestrichen sind, die Patente an sich mit dem Anspruch auf die Art der Genveränderung bestehen bleiben könnten. Darüber habe nun die Einspruchabteilung zu entscheiden.

Mit der neuen Linie sollten mindestens Patente auf landwirtschaftlich genutzte Tiere wie Kühe und Schweine Vergangenheit sein, «da hier keinerlei medizinischer Nutzen zu erwarten ist», sagte Gudula Madsen vom Gen-ethischen Netzwerk. Zwar wurden laut Christoph Then von der Organisation Testbiotech einige Patente etwa auf Kühe mit hoher Milchleistung erteilt, jedoch standen diese nie in Ställen hiesiger Bauern - Verbraucher lehnen Gentechnik hierzulande weitgehend ab.

Bei den nun in der ursprünglichen Form nicht mehr gültigen Patenten (EP1456346 und EP1572862) wurden DNA-Stücke von Insekten ins Erbgut von Affen geschleust. Solche Affen könnten etwa bei der Entwicklung von Krebstherapien genutzt werden. Die Patente beanspruchten auch Mäuse, Ratten, Katzen, Hunde, Rinder, Schweine, Pferde und Schafe als Erfindung.

Das EPA hat laut Then Hunderte Patente auf Versuchstiere erteilt. Besonderen Protest hatte aber ausgelöst, auch Menschenaffen als Erfindung zu behandeln. «Schimpansen sind unsere nächsten Verwandten, die 98,6 Prozent der Zusammensetzung unseres Erbgutes mit uns teilen», sagte die Affenforscherin Goodall, die über Jahre das Leben von Schimpansen in freier Wildbahn beobachtet hat.

Das weltweit erste Patent auf Leben war 1980 in den USA erteilt worden, auf ölfressende Bakterien. Nach jahrelangem Streit entschied der Supreme Court, es tangiere das Patentrecht nicht, dass die Organismen Lebewesen seien. Als erstes Tier wurde in Europa dann vor fast 30 Jahren die Harvard-Krebsmaus patentiert. Sie erkrankte wegen eines veränderten Gens an Krebs und sollte der Forschung dienen.

Der anfängliche Run auf Patente auf Lebewesen hat sich etwas gelegt - möglicherweise auch wegen hoher Patentgebühren. Außerdem sind die neu hergestellten Lebewesen sehr speziell. Die Krebsmaus etwa hatte nur ein Krebsgen - allein bei Brustkrebs können aber Dutzende Gene eine Rolle spielen. Die Bedeutung der Maus für die medizinische Forschung blieb gering. Als das EPA im Juli 2004 das Patent endgültig bestätigte, war der Patentschutz gerade schon erloschen.

Die Gegner sehen den von der Beschwerdekammer gewiesenen Weg nun auch für andere Fälle bindend. Denn noch immer gibt es weitere Tierpatente - auch auf Affen. 2010 war etwa ein Patent auf Affen mit Epilepsie vergeben worden (EP1852505). Testbiotech kämpft laut Then gerade gegen ein Patent der Max-Planck-Gesellschaft, in dem Versuchstiere bis hin zu Primaten beansprucht werden (EP2328918).

Selbst wenn derartige Patente fallen - für Versuchstiere ändert sich zunächst nichts. Denn die genetischen Manipulationen und die Forschung mit diesen Tieren bleiben davon unberührt.

© dpa-infocom, dpa:200702-99-645364/2

Veröffentlicht am:
02. 07. 2020
10:56 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Erbinformationen Forschung Gene (Erbanlagen) Genetik Genom-Technik Jane Goodall Max-Planck-Gesellschaft Medizinische Forschung Patentämter Tiere und Tierwelt Tierversuche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Entspannte Kuh

18.10.2020

Nette Worte entspannen die Kuh - Bauern könnten profitieren

Bauern, die mit Berta und Co. reden, machen es wohl richtig: Kühe reagieren deutlich auf freundliche Worte und Streicheleinheiten, wie eine Studie zeigt. Das Gefühlsleben von Nutztieren könnte ein unterschätzter Faktor s... » mehr

Neandertaler

30.09.2020

Neandertaler-Gene erhöhen Risiko für schweren Corona-Verlauf

Verschiedene Risikofaktoren können sich auf den Verlauf einer Corona-Infektion auswirken. Eine neue Studie legt nahe, dass das auch mit unseren Urahnen zu tun haben könnte. » mehr

Entenküken

23.06.2020

Forscher wollen Lockdown-Auswirkungen auf Tiere untersuchen

Der Corona-Lockdown könnte auch das Verhalten von Wildtieren verändert haben. Dieser Annahme möchten Forscher aus Konstanz nun nachgehen. Der Direktor spricht von einem «unfassbaren wissenschaftlichen Geschenk». » mehr

Proteste gegen Tierversuche

21.04.2020

Umstrittene Tierversuche für Corona-Impfstoffe unverzichtbar

Mit Bildern von leidenden Hunden oder Affen machen Aktivisten gegen Tierversuche mobil. Doch gerade in der Corona-Krise bekommen die Tierschützer Gegenwind. Wissenschaftler sagen: Einen Impfstoff ohne Tierversuche wird e... » mehr

Bild mit Video von Qin Jinzhou

09.05.2019

Ethikrat: Eingriffe in Erbgut von Nachkommen unzulässig

Die Möglichkeiten für Genmanipulationen an werdenden Menschen nehmen rasant zu. Doch was ist überhaupt zu verantworten? Wissenschaftler, die den Bundestag beraten, mahnen - vorerst - zu Zurückhaltung. » mehr

Medizinischer Mundschutz

13.10.2020

Mitgefühl hilft beim Einhalten von Corona-Regeln

Wie kann die Corona-Pandemie erfolgreich bekämpft werden? Und wie schaffen Regierungen es, dass die Bevölkerung mitmacht? Eine Studie aus Dänemark zeigt, dass man vor allem auf einen Faktor setzen sollte. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Flensburg - HSC 2000 Coburg

Flensburg - HSC 2000 Coburg | 25.10.2020 Flensburg
» 114 Bilder ansehen

BBC vs. Oberhaching

BBC - Oberhaching | 25.10.2020 Coburg
» 32 Bilder ansehen

Tödlicher Bahnunfall in Kronach Kronach

Tödlicher Bahnunfall in Kronach | 24.10.2020 Kronach
» 4 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
02. 07. 2020
10:56 Uhr



^