Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerGlobe-TheaterStromtrasseHSC 2000 Coburg

Wissenschaft

Ringe für 180.000 Vögel jährlich

Tausende Vögel werden jährlich auf Helgoland mit einem Ring versehen. In speziellen Netzen werden sie gefangen. Bei der Erkundung der Vogelzüge setzen die Forscher künftig verstärkt auf Hightech.



Die Vogelberinger von Helgoland
Phil Keuschen, Stationshelfer am Institut für Vogelforschung auf der Nordseeinsel Helgoland, zeigt bei einer Führung einen gefangenen Vogel.   Foto: Carsten Rehder

Die Prozedur dauert nur einen Augenblick: Mit einer speziellen Zange wird der Aluminiumring um das Bein des Vogels gelegt.

Mitarbeiter des Instituts für Vogelforschung Vogelwarte Helgoland (IfV) verpassen ihm so eine Art Ausweis: Die Buchstaben-Zahlen-Kombination auf dem Ring gibt es nur einmal. Den Forschern ermöglicht sie weitreichende Erkenntnisse.

Werden beringte Vögel später irgendwo erneut gefangen und die Nummern an das IfV zurückgemeldet, kann dort unter anderem der Erfolg individueller Überlebensstrategien ermittelt und der Vogelzug mit seinen verschiedenen Facetten erforscht werden. Auch ein paar Rekorde haben die Wissenschaftler parat: Die weiteste Entfernung, die ein Vogel mit Helgoländer Ring erwiesenermaßen zurückgelegt hat, war ein Neuntöter. Er wurde rund 8580 Kilometer entfernt gesichtet. Den Tagesrekord hält eine Singdrossel, die an einem einzigen Tag knapp 1220 Kilometer zurücklegte.

Insgesamt werden jährlich etwa 180.000 Vögel mit «Helgoland-Ringen» beringt. Das IfV ist die Beringungszentrale für Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Hessen. In den knapp 110 Jahren seines Bestehens sind etwa neun Millionen Vögel mit Ringen des Instituts beringt worden, zu denen bisher etwa 700.000 Funde vorliegen.

Auf Helgoland selbst werden jährlich im Schnitt etwa 10.000 Vögel gefangen, vermessen, beringt und wieder freigelassen. «365 Tage im Jahr versuchen wir, Vögel zu fangen», sagt der Technische Leiter der Inselstation der Vogelwarte Helgoland, Jochen Dierschke. Um die Arbeit zu erleichtern, wurde schon vor etwa 100 Jahren ein spezieller Fang-Garten mit Trichterreusen angelegt.

Mehrmals täglich laufen die Mitarbeiter der Inselstation in langen Reihen durch den Garten. Dabei wedeln sie mit dünnen Baumwollbeuteln, in denen sie später die gefangenen Tiere zur Vermessungsbude bringen, und stoßen laute Zischgeräusche aus. So treiben sie Vögel, die sich zur Rast niedergelassen haben, vor sich her - in die Reuse und dann in den Fangkasten. Bis zu tausend Tiere täglich werden so gefangen.

Jeder Vogel wird vermessen: Was wiegt er, wie ausgeprägt ist die Flugmuskulatur, wie hoch der Fettanteil? Auch Besonderheiten werden notiert - wie bei der Bachstelze, die den Helfern an diesem Abend im Mai in die Reuse geht. «Die Hinterzehe links fehlt», sagt einer der Helfer. Alle Angaben gehen direkt in eine Datenbank. Die Bachstelze erhält ihren Ring mit der Nummer 90333329 und wird wieder in die Freiheit entlassen. Die Prozedur dauert in der Regel etwa eine Minute pro Vogel.

Den ersten Helgoländer Ring erhielt am 16. Oktober 1909 eine Singdrossel mit der Ringnummer 1111. Nach Ansicht Dierschkes gibt es kaum einen besseren Ort als Helgoland, um in Europa Zugvögel zu beobachten. Bei dem Weg über die Nordsee gibt es für Landvögel kaum Plätze zum Ausruhen - Deutschlands einzige Hochseeinsel ist hier eine Ausnahme. «Die Insel wird schon von weitem gesehen und daher von vielen Vögeln angeflogen», sagt Dierschke. In manchen Nächten schwirrten solche Massen durch den Lichtkegel des Leuchtturms, dass es einem Schneegestöber gleiche.

Die Vogelkundler setzen auch auf moderne Technik: Für spezielle Fragestellungen werden einige Vögel mit Sendern versehen, die Informationen über das Zugverhalten liefern. In naher Zukunft könnte ein neues Projekt die Möglichkeiten der Forscher deutlich erweitern: Das vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell initiierte Forschungsvorhaben «Icarus» zur Erfassung von Tierwanderungen soll voraussichtlich in diesem Sommer starten. An der Raumstation ISS war dafür im vergangenen Jahr eine Antenne installiert worden. Auch Dierschke wartet gespannt auf den Start des Projekts: «Icarus wird unser Wissen über den Singvogelzug revolutionieren!»

Autor

Von Birgitta von Gyldenfeldt (Text) und Carsten Rehder (Fotos und Video)
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
11. 06. 2019
15:40 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Hightech-Bereich ISS Institute Leuchttürme Max-Planck-Gesellschaft Ornithologie Ornithologinnen und Ornithologen Raumstationen Vogelschutzwarten Vögel Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Mark und Scott Kelly

11.04.2019

Zwillingsstudie zeigt Folgen eines längeren All-Aufenthalts

Fast ein ganzes Jahr verbrachte Scott Kelly auf der Internationalen Raumstation. Sein Zwillingsbruder Mark Kelly blieb währenddessen auf der Erde. Beide wurden in dieser Zeit intensiv untersucht - jetzt sind erste Ergebn... » mehr

Röntgenteleskop eRosita

14.06.2019

Teleskop eRosita auf dem Weg ins All

Milliarden Lichtjahre entfernte Galaxien - das Röntgenteleskop eRosita soll diese in bisher unerreichter Auflösung erforschen. Die deutsch-russische Mission startet in Kürze; die Erwartungen sind hoch. » mehr

Raketenstart

19.07.2019

Chinas Raumlabor stürzt kontrolliert über Südpazifik ab

Beim zweiten Mal klappte alles: Mit dem kontrollierten Absturz seines «Himmelspalasts» beendet China erfolgreich ein entscheidendes Kapitel seines ehrgeizigen Raumprogramms. Wann kommt jetzt die Raumstation? » mehr

Lebensmittel

20.05.2019

Fertiggerichte verleiten zum Zugreifen und machen dick

Fertiggerichte schmecken vielen Menschen. Und ein Experiment zeigt: Man isst einfach mehr davon als von unverarbeiteter Nahrung. Die Forscher geben auch mögliche Erklärungen, warum das so ist. » mehr

Partielle Mondfinsternis

15.07.2019

Gute Chancen für Schaulustige im Süden

Der Mond wird sich in der Nacht zum Mittwoch wieder in den Erdschatten schieben. Rostrot wird er dann am Himmel stehen. Vor allem im Süden Deutschlands können Neugierige das Spektakel bewundern. » mehr

Sorge um Amseln

19.08.2019

Amselsterben vermutlich noch schlimmer als 2018

Das tropische Usutu-Virus wird Experten zufolge in diesem Jahr vermutlich zu einem noch stärkeren Amselsterben in Deutschland führen als im vergangenen Jahr. Es sei deutlich feuchter und mückenreicher als im Vorjahr. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Kutschunfall in Weisbrunn

Kutschunfall in Weisbrunn | 21.08.2019 Weisbrunn
» 13 Bilder ansehen

Fränkische Weinkönigin besucht die Haßberge

Fränkische Weinkönigin besucht die Haßberge | 21.08.2019 Haßberge
» 8 Bilder ansehen

Jubiläumsfeier "75 Jahre Befreiung in der Normandie"

Jubiläumsfeier "75 Jahre Befreiung in der Normandie" | 21.08.2019 Trun/Ebern
» 8 Bilder ansehen

Autor

Von Birgitta von Gyldenfeldt (Text) und Carsten Rehder (Fotos und Video)

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
11. 06. 2019
15:40 Uhr



^