Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: CoronavirusVideosCotubeBlitzerwarner

Wissenschaft

Wissenschaftler setzen auf Quallen gegen Mikroplastik

Rötungen, Quaddeln, Schmerzen: Mit Quallen verbinden Urlauber an Ost- und Nordsee oft getrübte Badefreuden. Wissenschaftler aber sehen Chancen, Quallen als Dünger, Futter, Nahrungsmittel, für Kosmetik und als Biofilter für Mikroplastik einzusetzen.



Tote Qualle
Forscher sehen Möglichkeiten, Quallen zu verwenden - als Nahrung, Bio-Dünger, in Kosmetikprodukten und gegen Mikroplastik in Käranlagen.   Foto: Angelika Warmuth

Mit Quallen ist es wie mit Mücken: Sie werden von vielen Menschen nur als lästig und schmerzhaft empfunden. Dabei könnten die seit rund 500 Millionen Jahren in den Weltmeeren existierenden Nesseltiere eine neue Bedeutung als Ressource gewinnen.

«Wir sehen prinzipiell Chancen als Bio-Dünger in der Landwirtschaft, als Futter für Fischzuchten oder für Kosmetikprodukte», sagt die Meeresbiologin und Quallenforscherin Jamileh Javidpour. Die Professorin an der Universität Süddänemark in Odense war zuvor lange am Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel tätig.

«Besondere Hoffnungen setzen wir im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts darauf, Quallenschleim als Bio-Filter zu verwenden, um Mikroplastik aus Kläranlagen herauszufiltern», sagt Koordinatorin Javidpour. Denn Quallenschleim könne Mikroplastik aufnehmen.

Das sei im Laborversuch bereits nachgewiesen. In drei Jahren solle ein Prototyp eines Mikroplastikfilters entwickelt sein. «Ziel ist es, die Kontamination von Kläranlagen mit Mikroplastik in Zukunft zu verhindern.» Die Federführung für die Entwicklung des Filters haben Wissenschaftler von der Universität Haifa (Israel).

Die Kläranlagen in Deutschland sollen etwa 85 bis 95 Prozent des Mikroplastiks im Abwasser zurückhalten können. Das geht aus einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik hervor.

«Das variiert mit der technischen Ausstattung der Kläranlage», erläutert Leandra Hamann, Doktorandin des Instituts in Oberhausen. Größere Partikel ließen sich leichter abscheiden. «Sehr kleine Partikel, in der Wassersäule schwimmende Partikel und Fasern scheinen problematisch zu sein.»

Zur Option Quallen sagt Hamann: «Die Idee ist auf jeden Fall interessant. Auch wir forschen an der Idee, einen bionischen Filter zur Reduzierung von Mikroplastik zu entwickeln und testen unter anderem Schleim - aber nicht unbedingt Quallenschleim.»

Die große Frage sei letztendlich, wo und wie dieses Material in die Prozessschritte der Kläranlage integriert werden soll und ob dieses selektiv das Mikroplastik aufnimmt oder alle vorhandenen Partikel und Störstoffe. «Da das zurückgehaltene Mikroplastik bisher im Klärschlamm landet, wäre es schön, wenn man einen Filter entwickeln würde, der das Mikroplastik getrennt von den anderen Stoffen abscheidet, um es danach entsorgen zu können.»

Die EU unterstützt das seit 2018 bis Ende 2021 laufende interdisziplinäre «GoJelly»-Projekt nach eigenen Angaben mit fast sechs Millionen Euro. Beteiligt sind 16 Forschungseinrichtungen aus acht Ländern, darunter Israel und China.

Für die Kosmetik- und die Pharmaindustrie könnten Quallen ebenfalls als Ressource dienen. «Denn die Nesseltiere enthalten Collagen, das für Anti-Aging-Cremes verwendet wird, aber auch für Medizinprodukte», erläutert Javidpour.

Kollagen von außen zuzuführen, wie es andere Kosmetikhersteller machen, sei nicht der Ansatz beim Konzern Beiersdorf (Nivea), sagt eine Sprecherin in Hamburg dazu. «Wir setzen auf Wirkstoffe (wie zum Beispiel Vitamin C), die die hauteigene Produktion von Kollagen unterstützen.»

«Man könnte die gespeicherten Nährstoffe in Quallen auch als Bio-Dünger in der Landwirtschaft einsetzen», nennt Javidpour eine weitere Option. Versuche im Rahmen von «GoJelly» hätten gezeigt, dass aus Quallen gewonnene Nährstoffe genauso gut wirkten wie chemische Düngemittel.

Aber man dürfe sich das nicht so vorstellen, dass große Hängerladungen voll Quallen auf die Felder gekippt werden sollten. «Ziel ist vielmehr ein nachhaltiger Umgang mit den Quallen, die im Ökosystem Meer ein fester Bestandteil und Nahrung für 100 Fischarten sind.»

Quallen als Futter für Aqua-Kulturen zu nutzen, böte Javidpour zufolge ebenfalls Chancen: «Daran arbeiten wir.» Als Nahrungsmittel für Menschen werden Quallen in Asien bereits verwendet. «Bei einem Besuch in China habe ich täglich Quallensalat gegessen», erzählt Javidpour.

Und wie schmeckt Qualle? «Nach Meer und ziemlich salzig», findet die Wissenschaftlerin. Die asiatische Zubereitung entspreche nicht dem europäischen Geschmack. Um für Europäer Quallen als Lebensmittel interessant zu machen, ist im Rahmen von «GoJelly» ein Kochbuch mit Rezepten eines italienischen Kochs geplant. «Vielleicht kommen dazu auch noch Desserts mit Erdbeer- oder Schokoladengeschmack.»

Veröffentlicht am:
06. 07. 2019
09:49 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abwasser Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten Beiersdorf AG Doktoranden Forschungseinrichtungen Institute Kosmetik-Hersteller Medizinprodukte Nivea Nährstoffe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Die Pandemie und die Psyche

08.06.2020

Wohl mehr schwere depressive Symptome in Corona-Pandemie

Mehrere Studien beschäftigen sich derzeit mit dem psychischen Wohlbefinden in der Corona-Krise. Nach ersten Ergebnissen eines Projektes der Privaten Hochschule Göttingen sind vor allem junge Menschen stark belastet. » mehr

Aerosole

01.06.2020

Die große Corona-Unbekannte: Welche Rolle spielen Aerosole?

Der große Tropfen Schnodder sinkt schnell zu Boden, so viel ist klar. Doch das Coronavirus ist winzig und kann in Mini-Tröpfchen auch länger in der Luft stehenbleiben. Diese Aerosole rücken immer mehr in den Fokus der Fo... » mehr

Robert Koch-Institut

18.03.2020

RKI: Corona-Impfstoff im Frühjahr 2021 realistisch

Die Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus läuft auf Hochtouren. Doch bis zur Zulassung ist es ein langer Weg. Denn der Impfstoff muss eines unbedingt sein: sicher. » mehr

Mundschutzmaske

06.05.2020

Wie verteilt sich das Virus?

So adrett das Coronavirus in mancher Abbildung wirkt, so unsichtbar ist es doch fürs menschliche Auge. Was man aber sehen kann, ist der klassische Übertragungsweg: die Tröpfcheninfektion. Studien hierzu verbreiten sich s... » mehr

Coronatest

02.06.2020

Russland beginnt klinische Tests mit Impfstoff bei Soldaten

Weltweit wird an einem wirksamen und verträglichen Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht. Nun startet Russland erste klinische Tests zunächst an Soldaten. » mehr

Gletscherschwund in den Alpen

25.06.2020

Studie zeigt dramatischen Gletscherschwund in den Alpen

Die Alpen werden sich durch den Klimawandel wohl stark verändern. Vielerorts ist das schon jetzt zu spüren. Eine Studie stellt vor allem bei den Schweizer Gletschern einen großen Eisverlust fest. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lagerhalle in Geiselwind brennt völlig aus Geiselwind

Lagerhalle brennt völlig aus | 23.06.2020 Geiselwind
» 31 Bilder ansehen

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen Redwitz an der Rodach

BMW und Motorrad stoßen auf der B 173 zusammen | 23.06.2020 Redwitz an der Rodach
» 8 Bilder ansehen

Motorradunfall bei Sonnefeld

Motorradunfall bei Sonnefeld | 23.06.2020 Sonnefeld
» 7 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
06. 07. 2019
09:49 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.