125 Jahre IHK Coburg „Leistungsträger und Wertepfeiler“

Wolfgang Braunschmidt

125 Jahre Industrie- und Handelskammer zu Coburg: Präsident Friedrich Herdan sieht die Institution gut aufgestellt.

„Wir setzen uns mit Verve für Infrastrukturprojekte ein“, sagt Friedrich Herdan, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg. Dazu gehört die Ausweitung des ICE-Halts am Bahnhof Coburg. Foto: Archiv IHK zu Coburg

Herr Herdan, 125 Jahre Industrie- und Handelskammer zu Coburg: ein besonderes Jubiläum?

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Friedrich Herdan: Absolut! Die Gründung der IHK zu Coburg 1896 war ein bedeutsames Ereignis, weil damit eine handlungsfähige Organisation der wirtschaftlichen Selbstverwaltung in Eigenverantwortung entstand. Zugleich begann die koordinierte, in staatliche Strukturen eingebundene Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Coburg.

 

Wie wird das Jubiläum begangen?

Da Feierlichkeiten durch die nicht gänzlich ausgestandene Pandemie leider verwehrt sind, würdigen wir das stolze Jubiläum mit einer TV-Produktion – mit Interviews, Zuspielern und musikalischer Umrahmung –, die morgen, Samstag, um 19 Uhr im Programm von TVO zu sehen ist.

Die IHK zu Coburg zählt zu den kleineren Kammern in Deutschland. Dabei ist es eine besondere Situation, dass es mit der Coburger und der IHK für Oberfranken Bayreuth in einem Regierungsbezirk gleich zwei Kammern gibt: Warum ist das so?

Unsere Mitgliedsfirmen nehmen Spitzenpositionen ein – bayern-, deutschland- und sogar europaweit – im Maschinenbau, Versicherungswesen und bei Dienstleistungen und wir sind der stärkste Wirtschaftsraum in Oberfranken. In der Steuerkraft liegt die Stadt Coburg nach München an zweiter Position in Deutschland. Dies gilt es zu verteidigen und auszubauen, deshalb gibt es eine eigene IHK. Als sich 1920 Coburg offiziell dem Freistaat Bayern anschloss, wurde die Eigenständigkeit unserer Kammer als Interessenvertreter der Coburger Wirtschaft fort- und festgeschrieben.

 

Wo liegt die Kernkompetenz der IHK zu Coburg, was bringt sie ihren Mitgliedern?

Auf Grundlage des IHK-Gesetzes haben alle Kammern in Deutschland gleiche Pflichten und Aufgaben. Als Vor-Ort-Kammer im Wortsinn haben wir in der bayerischen IHK-Flächenkammer-Landschaft ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal. Neben hoheitlichen Aufgaben, die wir genauso zu erfüllen haben, genießt Dienstleistung bei uns höchste Priori-tät und unsere 8.300 Mitgliedsunternehmen erhalten passgenaue Betreuung. So wissen wir, was unsere Wirtschaft im Innersten bewegt und handeln entsprechend.

Coburg ist ein bedeutender Wirtschaftsstandort in Bayern, der auch nach Thüringen ausstrahlt. Woraus zieht er seine Stärke, was bedeutet sie für die Region?

Unser Hightech-Standort ist geprägt von Unternehmen der Bereiche Automotive, Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik, Kunststoffverarbeitung, Möbel- und Spielwarenerzeugung, und herausragend gilt Coburg als Zentrum der Versicherungswirtschaft in Nordbayern, mit dem größten Kfz-Versicherer Deutschlands. Besondere Stärke unseres IHK-Bezirks ist neben hoher Industrie- und Dienstleistungsdichte die ausgeprägte Exportorientierung. Das strahlt auch auf unsere Nachbarregion Südthüringen aus. In dieser wirtschaft-lich starken Position erfüllen wir wichtige Scharnierfunktion zwischen zwei landesgrenzen-übergreifenden Wirtschaftsregionen Coburg und Südthüringen.

Wie definiert sich dieser Wirtschaftsraum geografisch?

Es liegt in der Historie begründet, dass unser Coburger Wirtschaftsraum im Wesentlichen der geografischen Ausdehnung des einstigen Freistaates Coburg entspricht, der 1918 aus dem Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha hervorging und sich 1920 an Bayern anschloss.

Welche Bedeutung kommt der Zusammenarbeit mit Südthüringen zu?

Die Zusammenarbeit mit der Nachbarkammer Südthüringen ist ausgezeichnet. Viele Coburger Unternehmen haben Standbeine in angrenzenden Landkreisen, wie umgekehrt Südthüringer bei uns, die Arbeitsmärkte sind eng verbunden. Die Zusammenarbeit mit unseren Partnern in Südthüringen gilt es, zielgerichtet weiter auszubauen – und zwar unter der Prämisse, dass wirtschaftliche Rahmenbedingungen beiderseits der Grenze nicht unterschiedlich vorgegeben werden, sondern den Besonderheiten der synergetischen Entwicklungen in beiden Räumen Rechnung tragen.

Mobilität – und damit zusammenhängend der Klimaschutz – ist ein zentrales Thema auch in der lokalen und regionalen Kommunalpolitik. Wie definiert sich aus Sicht der IHK zu Coburg künftig Mobilität im Wirtschaftsraum Coburg?

Klimaschutzmaßnahmen und Mobilitätslösungen müssen ausgerichtet sein nach den Strukturen jeweiliger Wirtschaftsräume. Das gilt auch für uns. Weil bei uns ein gut ausgebautes ÖPNV-Angebot wie in Ballungsräumen nicht in Sicht ist – weder in der Stadt Coburg noch im Landkreis –, spielt der Individualverkehr auch in Zukunft bei uns die Rolle Nummer 1. Ganz gleich, ob mit Verbrenner-, e-Kraftstoffbetrieben-, oder Elektromotoren, batterie- oder wasserstoffbetrieben. Die Wohn-, Arbeits- und Wirtschaftszentren in Stadt und Landkreis Coburg müssen für Bewohner, Arbeitnehmer, Kunden- und Lieferantenverkehre, letztlich in Industrie, Handel, Dienstleistung und Gesundheitsversorgung, gut erreichbar sein. Das gelingt nur in Randbereichen mit Lastenfahrrädern und E-Bikes!

Wie hängen Mobilität und Wirtschaftskraft in der Region voneinander ab?

Unsere Industrie steht für Automotive und Mobilität und ist der entscheidende Faktor der Bruttowertschöpfung und Innovationskraft in unserer Region. Mit dem größten Automobilversicherer Deutschlands, mit Maschinenbau und Automotive sowie Dienstleistungen, die in Bayern und Oberfranken Platz 1 und 2 einnehmen, ist der Wirtschaftsraum Coburg vom Automobil so stark geprägt wie kaum eine andere Region. Die Weiterentwicklung zukunftsfähiger Mobilitätskonzepte wird neue Marktsegmente anziehen oder diese neu aufteilen. Unsere Automotive-Industrie hat Kompetenz und Stärke, ganz vorn dabei zu sein. Das haben wir als IHK zu Coburg nach Kräften zu fördern.

Wo liegen in der Zukunft die Stärken des Wirtschaftsraums Coburg?

Großunternehmen ebenso wie mittelständische Betriebe, oft hidden champions, bilden das Rückgrat unseres Standortes, und selbstverständlich wird diese Struktur auch in Zukunft die besondere Stärke des Wirtschaftsraums Coburg darstellen. Durch Wissens- und Technologietransfer zwischen Coburger Wirtschaft und Hochschule mit ihren Instituten und dem „Zentrum für Mobilität und Energie“, unserem IHK-Kompetenzzentrum 4.0 für Maschinen- und Anlagenbau sowie unserer Kapazität und Expertise der dualen Fachkräftebildung erwachsen Zukunftschancen unter anderem in Automobiltechnik, Versicherungswesen, Medizintechnik, Maschinenbau, IT, Sensor-, Effizienz- und Umwelttechnologien.

Wie kann die IHK zu Coburg dazu beitragen, die Stärke des Wirtschaftsraums Coburg zu erhalten?

Aufgabe der IHK ist es, das ökonomisch Notwendige bei staatlichen Stellen und kommunalen Behörden einzufordern. Darüber hinaus haben wir gerade in jüngerer Vergangenheit verschiedenste Projekte auf- und ausgebaut und so maßgeblich zur erfolgreichen Entwicklung unseres Wirtschaftsraums beigetragen, zum Beispiel: IHK-Kompetenzzentrum 4.0 für Maschinen- und Anlagenbau, IHK-Kombimodell „1+3“ zur Ausbildung und Integration junger Geflüchteter, IHK-Weiterbildungsberater, IHK-Akquisiteur für Studienabbrecher und unser ESF-Förderprogramm „unternehmensWert:Mensch“. Und wir setzen uns natürlich mit Verve für Infrastrukturprojekte ein, wie ICE-Frequenzausbau am Bahnhof Coburg, Schienenlückenschluss sowie Straßenbau. Genannt seien die Staatsstraße 2205, die Bundesstraße 303 und die Bundesstraße 4 im Weichengereuth in Coburg. Nicht zuletzt sind Bildungseinrichtungen wie die Fachschule für Maschinenbautechnik und unser Hochschulausbau von der IHK zu Coburg maßgeblich mit vorangetrieben worden.

Welchen Beitrag erwarten Sie von der Politik?

In der Kommunalpolitik erwarten wir mehr Aufgeschlossenheit für die legitimen Anliegen unserer gewerblichen Wirtschaft in den Themen Straßenbau, Innenstadtentwicklung, Einzelhandel, Gastronomie sowie fließender und ruhender Verkehr. Von Land und Bund erwarten wir bestmögliche Rahmenbedingungen, die sich flexibel an der Entwicklung der internationalen Wirtschaft orientieren und unseren Mitgliedsfirmen in Stadt und Landkreis Coburg adäquat Chancen zur Teilhabe eröffnen.

125 Jahre IHK zu Coburg: Welche Zukunft prognostizieren Sie für die Kammer?

Aktuell leben wir in einer Zeit, die Wirtschaft wie Gesellschaft aufgrund der Mobilitäts-, Energie- und Umweltwende und nicht zuletzt der Corona-Pandemie in besonderem Maße fordert. Zugleich bietet die jetzige Situation aber auch Gelegenheit zu wirtschaftlichen Neuausrichtungen. Das fordert uns natürlich. Unterstützung erhalten wir dabei aus der Weiter-entwicklung von Digitalisierungstechniken und IT-Systemen, deren Nutzung wir in unseren Mitgliedsfirmen auf breitester Ebene andienen müssen. Generell gilt es, wachsam zu sein, damit entscheidende Weichenstellungen in unserer Wirtschaftsregion nicht verpasst werden. Die IHK zu Coburg sehe ich in der Funktion als Initiator, Treiber und stets präsenter Berater und Begleiter unserer Unternehmen. Gerade in Zeiten disruptiver Entwicklungen braucht es den Leistungsträger und Wertepfeiler: die IHK zu Coburg.

Die Fragen stellte

Wolfgang Braunschmidt