50 Jahre Landkreis Coburg Geplatzer Traum, erfüllte Hoffnung

Der Landkreis Coburg ist vor 50 Jahren unter Geburtswehen entstanden. Aus einer turbulenten Entwicklung heraus ist ein attraktiver Standort geworden.

Am Anfang der Gebietsreform in Bayern, die 1971 eingeleitet und am 1. Juli 1972 vollzogen wurde, stand ein Traum: der von einem Großlandkreis Coburg. Die Coburger wollten sich Lichtenfels und Staffelstein einverleiben, wie Bezirksheimatpfleger Günter Dippold beim Festakt „50 Jahre Landkreis Coburg“ am Freitagabend in der Realschule II schilderte. Es gab ein heftiges politisches Ringen um wirtschaftlich starke Gemeinden im Raum Burgkun-stadt/Weismain, und es gab böse Auseinandersetzungen um Dörfer im Seßlacher Gebiet, in denen die Zeit damals stillzustehen schien. Legendär ist der Wutausbruch des Coburger Landrats Klaus Groebe bei einer Zusammenkunft in der Regierung von Oberfranken, er wolle die „Scheißdörfer“, die zum Landkreis Staffelstein gehörten, nicht haben. Natürlich musste Dippold auch darauf eingehen.

Auf Coburger Seite waren Landrat Groebe, Oberbürgermeister Wolfgang Stammberger, Landtagsabgeordneter Siegfried Möslein und Rödentals Bürgermeister Ferdinand Fischer die Wortführer. In Lichtenfels und Staffelstein standen die Landräte Helmut G. Walther und Ludwig Schaller sowie die Landtagsabgeordnete Waltraud Bundschuh an vorderster Front. Viele der Gäste, die zur 50-Jahrfeier in die Coburger Realschule gekommen waren, hatten diese Politikerinnen und Politiker noch persönlich gekannt. Dippold schilderte das Hauen und Stechen, welcher Landkreis zerschlagen werden sollte und wer davon profitieren würde, würzte das mit Zitaten aus Protokollen und aus Zeitungen. Horst Mitzel, einer der damals aktiven Coburger Lokaljournalisten und bei der Feier am Freitag dabei, konnte sich beim einen oder anderen Zitat das Schmunzeln nicht verkneifen.

Aus der Zeit gibt es viele Anekdoten. Zum Beispiel die, dass Siegfried Möslein, der Anfang der 1970er Jahre nicht nur Landtagsabgeordneter, sondern auch Gauschützenmeister war, von der Scharfschützengesellschaft Lichtenfels von einem Ehrungsabend ausgeladen wurde, eben weil er für den „Großlandkreis Coburg“ eintrat. Der Bezirksheimatpfleger schilderte auch dies mit einem Augenzwinkern und merkte in seinem historisch fundierten, aber trotzdem kurzweiligen und unterhaltsamen Vortrag beiläufig an, dass er auch Kreisrat in Lichtenfels ist. Das umwarben die Coburger vor 51 Jahren mit dem Angebot, dort das neue Landratsamt zu bauen. Die Lichtenfelser rochen aber die Lunte und lehnten das ab. Denn wer wollte ihnen garantieren, dass die Coburger, wenn der Zusammenschluss besiegelt ist, das Verwaltungsgebäude nicht doch in ihrem angestammten Gebiet errichten?

Am Ende aller Verhandlungen, bei denen die bayerische Staatsregierung ein gewichtiges Wort mitsprach, war Coburgs Traum von einer Ausdehnung zwischen der damaligen Zonengrenze und dem Obermaintal ausgeträumt. Sie erhielten Teile des ehemaligen Kreises Staffelstein – die heutigen Gemeinden Itzgrund und Seßlach – sowie Heilgersdorf aus dem früheren Kreis Ebern. Dafür mussten sie starke Gemeinden wie Beiersdorf, Scheuerfeld und Creidlitz an die Stadt Coburg abgeben. Neustadt verlor seine Kreisfreiheit und wurde in den Landkreis eingegliedert, was die Puppenstadt sich mit einem D-Mark-Betrag in Millionenhöhe versilbern ließ, der nicht auf andere staatliche Zuschüsse angerechnet wurde. Das zauberte Martin Stingl, stellvertretender Landrat und 2. Bürgermeister von Neustadt, am Freitag ein Lächeln ins Gesicht. Und auch die Seßlacher konnten sich freuen, wurden sie doch später als „Perlen des Coburger Landes“ bezeichnet, wie der Bezirksheimatpfleger anmerkte.

Am Ende entstand ein starker Landkreis, betonte Regierungsvizepräsident Thomas Engel. Er ist in Gestungshausen, an der Grenze der Kreise Coburg und Kronach, aufgewachsen. Er wusste am Freitag ebenfalls vom Ringen um Gebiete zu berichten, in diesem Fall um die Gemeinden im Steinachtal. Außerordentlich spannende Monate seien das damals gewesen.

Die Gebietsreform vor 50 Jahren, die in Oberfranken aus ehemals 17 Landkreisen neun machte, bezeichnete Engel neben dem Anschluss Coburgs an Bayern 1920 und der Wiedervereinigung 1990 als eines von drei prägenden Ereignissen in der Region im 20. Jahrhundert. Das Ziel der Kreisreform, überschaubare, aber dennoch leistungsfähige Verwaltungseinheiten zu schaffen sei erreicht worden, betonte der Regierungsvizepräsident. Heute werde niemand mehr die Notwendigkeit dieses Projekts anzweifeln. Der Kreis Coburg mit seinen 17 Städten und Gemeinden sei ein starker Teil Oberfrankens und bilde mit der Stadt Coburg einen leistungsfähigen Wirtschaftsraum.

Bernd Reisenweber ist Vorsitzender des Kreis- und Bezirksverbands im Gemeindetag, in dem Bayerns Kommunen organisiert sind. Er würdigte die Gebietsreform, die effektive Verwaltungsstrukturen geschaffen habe. Es sei unvorstellbar, dass heute, bei den vielfältigen kommunalen Aufgaben, die zu erfüllen sind, ein ehrenamtlich tätiger Bürgermeister eine 100-Seelen-Gemeinde leiten sollte. Die Reform, die unter Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel verwirklicht wurde, habe entscheidend dazu beigetragen, dass der Landkreis Coburg im Jahr 2022 ein attraktiver Standort sei. Diese Erfolgsgeschichte wolle man auch aufseiten seiner 17 Städte und Gemeinden fortschreiben.

Bevor Landrat Sebastian Straubel eine Geburtstagstorte anschnitt und den neuen Imagefilm des Landkreises Coburg vorstellte, würdigte er die Arbeit seiner Vorgänger. Einer von ihnen saß in der Sporthalle der Realschule: Michael Busch, der heute Landtagsabgeordneter ist. Straubel skizzierte die Entwicklung des Kreises, zeigte Perspektiven auf (Neue Presse vom Freitag) und zog das Fazit: „Das Coburger Land steht für 50 prägende Jahre, aber auch für die Zukunft. Das Coburger Land ist lebens- und liebenswert. Das Coburger Land ist Heimat.“

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