Mediziner am Limit Corona: Ärzteverband Haßberge schlägt Alarm

Helmut Will

Die Ärzte im Landkreis Haßberge sind aufgrund der aktuellen Corona- Entwicklungen an ihrer Belastungsgrenze angekommen. Bei einer Diskussion in der Frauengrundhalle machen sie ihrem Unmut Luft.

Mit bei der Diskussionsrunde der Ärztevereinigung (von links): Dr. Thomas Bolibruch, Vorsitzender Dr. Arman Behdjati-Lindner, Dr. Diethelm Schorscher, Christina Bendig und Bürgermeister Jürgen Hennemann, Ebern. Foto: /Helmut Will

Ebern - Die Mediziner, die im Ärzteverein Haßberge zusammengeschlossen sind, schlagen Alarm. Das Impfen im Landkreis Haßberge gegen Covid-19 müsse effektiver werden. Bereits im Juli 2021 beklagten sie eine „gewisse Impfmüdigkeit“ der Bevölkerung und starteten deshalb schon vor vier Monaten einen Aufruf, sich gegen das Virus impfen zu lassen.

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Dass ihre Sorge nicht unbegründet war, zeigt sich an der gegenwärtigen explosionsartigen Ausbreitung des Virus. Deshalb lud der Ärzteverein mit seinem Vorsitzenden, dem Haßfurter Kinderarzt Dr. Arman Behdjati-Lindner am Sonntagabend zu einer Gesprächsrunde in den kleinen Saal der Frauengrundhalle nach Ebern ein. Im Juli des Jahres bedauerte der Ärzteverein, dass bis dato nur insgesamt 77 000 Impfungen vorgenommen waren. Viel zu wenig, so die Ärzteschaft. Zu langsam geht es auch den Bürgermeistern von Ebern und Knetzgau, die der Gesprächsrunde beiwohnten und die Eigeninitiative ergriffen haben, um das Impftempo zu erhöhen beziehungsweise um mehr Gelegenheiten zum Impfen anzubieten. Landrat Wilhelm Schneider (CSU) und sein zuständiger Mitarbeiter André Kuhn, Leiter der Verwaltungsgruppe Impfzentrum, waren ebenfalls anwesend.

Dr. Arman Behdjati-Lindner erklärte im Rahmen der Begrüßung, dass das Impfgeschehen im Landkreis mehr Fahrt aufnehmen müsse. „Wir brauchen einen gemeinsamen Kraftakt“, so der Vorsitzende. „Die Covid-19-Infektionen steigen rasant und derzeit ungebremst und die Inzidenz im Landkreis Haßberge liegt mit Stand zum 20. November bei 585“, sagte Dr. Behdjati-Lindner. Das führe dazu, dass die Krankenhäuser „volllaufen“ und daher schwerer kranke Patienten länger als sonst ambulant behandelt werden müssen, da Krankenhauseinweisungen schwierig und teilweise aus Kapazitätsgründen unmöglich sind.

Der Rettungsdienst müsse zudem zum Teil erheblich längere Fahrzeiten an entferntere Häuser absolvieren, was zu einer verringerten Verfügbarkeit der Rettungskräfte führe. „Ich habe Angst, dass das im Februar und März noch schlimmer wir“, so der Vorsitzende des Ärztevereins Haßberge. Auch in den Praxen mache sich das bemerkbar. Man stecke „in einem Dilemma“, da in der momentan intensiven Erkältungs- und Krankheitswelle die Praxen der niedergelassenen Ärzte nicht nur sehr viele Patienten zu versorgen, sondern zudem noch Covid-Abstriche und Impfungen vornehmen müssen. Jetzt sei ein Kraftakt nötig und es gelte, mit der Politik zusammen zu arbeiten. „Das Alltagsgeschäft muss aufrecht erhalten werden und wir müssen die Covid-19-Impfungen vorantreiben, um nach Möglichkeit die derzeitige Welle zu brechen. Jeder Tag, den wir verlieren, verschlimmert die Lage“, betonte Dr. Behdjati-Lindner. „Von den 500 Menschen, die mit Covid infiziert sind, versterben vier bis fünf.“

Landrat Wilhelm Schneider gab dem Mediziner in allen Belangen recht. „Ja, wir müssen schneller werden.“ Es habe ihn sehr geschmerzt, dass das BRK nicht den Zuschlag erhalten habe, weiter das Impfzentrum zu betreiben. „Wir müssen die Kapazitäten hochfahren und sind deshalb dabei, ein neues Impfzentrum auszuschreiben.“ Auf eine entsprechende Frage erklärte Schneider, dass es etwa drei Wochen dauere, bis diese „hochgefahren“ seien. Jene, die nicht zu den Impfzentren gehen könnten, müssten mit mobilen Teams aufgesucht werden. Hier dankte Schneider den Bürgermeistern für ihre Unterstützung. Künftig würden Soldaten in die Arbeit mit eingebunden, denn die Landkreisverwaltung sei überlastet, ergänzte André Kuhn. Schneider bekräftigte, dass Tempo aufgenommen werden müsse; vieles sei schon in Angriff genommen aber es müsse noch mehr möglich werden.

„Wie soll das alles passieren? Die Organisation ist aufwendig. Dezentrale Aktionen werden angeboten, die einen enormen planerischen Aufwand bedeuten und: wir haben keine Zeit“, so Christina Bendig, Impfärztin beim ehemaligen Impfzentrum in Hofheim eindringlich. Erschwerend komme die Terminvereinbarung und Dokumentation hinzu. „Der Betrieb des Impfzentrums ist ungenügend und es muss dringend erweitert werden. Der frühe Abbau der Impfzentren in Hofheim und Zeil war ein politischer Fehler, verstärkt durch den ungünstigen Betreiberwechsel“, kritisierte Bendig mit Blick auf Landrat Schneider. Dieser entgegnete, dass dies nicht aus freien Stücken geschehen sei. Man habe sich „an politische Vorgaben halten“ müssen.

Bürgermeister Stefan Paulus aus Knetzgau stieß eine rege Diskussion an, als er danach fragte, wer hafte, wenn die Gemeinde Impftermine mit Ärzten, die eventuell auch schon im Ruhestand seien, organisiere. Hier wurde deutlich, dass sich ein Arzt „als selbstständiger Unternehmer“ entsprechend versichern müsse.

Paulus und auch Eberns Bürgermeister Jürgen Hennemann kritisierten die bürokratischen Hemmnisse, die eine effektive Arbeit beim Impfen erschweren würden. „Räume zur Verfügung zu stellen, dürfe kein Problem sein, die Frage ist: Haben wir genügend ärztliches Personal und genügend Impfstoffe?“, stellte Eberns Stadtoberhaupt Jürgen Hennemann die Frage in den Raum. Im ehemaligen Impfzentrum Zeil gebe es einen Pool von etwa 60 Ärzten, beantwortete Dr. Arman Behdjati-Lindner die Frage. Er wies darauf hin, dass das geplante neue Impfzentrum stark aufgestellt werden müsse. Es seien 700 Boosterimpfungen am Tag nötig, um schnell auf ausreichende Zahlen zu kommen und dem derzeitigen Impfwillen der Bevölkerung zu entsprechen.

Dr. Diethelm Schorscher mit Praxis in Pfarrweisach merkte an, dass die ehemaligen Impfzentren in Hofheim und Zeil wieder schnell hochgefahren werden sollten, „was kein Problem sein dürfte.“ Landrat Wilhelm Schneider entgegnete, dass dies ausgeschrieben werden müsse, das gehe nicht anders, man müsse sich an die „Spielregeln“ halten. Schneider sicherte aber zu, alles zu verkürzen, wo dies möglich sei.

Die Ärztevereinigung drängte auf eine erhebliche Ausweitung der Impfzentren-Kapazitäten im Landkreis. Im Rahmen der nationalen Notlage sei die schnellstens erforderlich. Die Teststrecke müsse ihren Betrieb ebenfalls erweitern und die Last der Abstriche im Landkreis übernehmen, um im ambulanten Versorgungsbereich keine Kapazitäten zu binden.

Weiter sei eine personelle Aufstockung des Bürgertelefons und anderer Informationsmöglichkeiten erforderlich, um den Druck von den Arztpraxen zu nehmen. Es sollten „Hybridstrukturen“ erarbeitet werden, um beispielsweise übergangsweise an Wochenenden Impfungen in Arztpraxen vorzunehmen, wobei die Terminierung vom Landratsamt übernommen werden müsse.

Gefordert wurde auch eine kreisweite Überlegung, in welcher Weise wenig informierte und daher wenig geimpfte Bevölkerungsgruppen erreicht werden können. Dafür, so war man sich einig, müsse ein Ansprechpartner gefunden werden.

Im Hinblick auf die Impfstoffe führte André Kuhn vom Landratsamt aus, dass Bestellungen eine Woche dauern würden. „Impfstoffe sind bisher in keiner Weise limitiert, wir können an die Gemeinden ausliefern und wir hoffen auf Unterstützung durch die Bundeswehr in der kommenden Woche und somit auf eine Entlastung unseres eigenen Personals“, so Kuhn. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass eine Terminabsprache vieles erleichtere. Ohne diese gebe es an den Impfzentren lange Schlangen.

Herausgestellt wurde, dass die Arztpraxen teilweise an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt seien beziehungsweise dass manche dieser sogar schon überschritten hätten. Dr. Schorscher: „Mehr geht nicht mehr.“ Ärzte und ihr Personal würden sich im permanenten „Beratungsmodus“ befinden und man hoffe auf eine Entlastung durch das Bürgertelefon. „Das muss passieren, sonst ist keine normale Praxisarbeit mehr möglich“, forderte Dr. Thomas Bolibruch aus Ebern. Landrat Wilhelm Schneider sicherte Bemühungen zu, das Bürgertelefon hochzufahren, um möglichst längere Warteschleifen zu vermeiden.

Das neu geplante Impfzentrum könne vermutlich zum 12. Dezember starten, führte André Kuhn weiter aus. Hier sei eine Kapazität von 180 Impfungen pro Tag vorgesehen. Landrat Schneider ergänzte, dass man sich „nach dem Gespräch heute“ bemühen wolle, mehr Impfungen pro Tag vorzunehmen. Bürgermeister Hennemann sieht die Möglichkeit, in den Gemeinden nicht nur sonntags, sondern von Freitag bis Sonntag Impftermine anzubieten. Dem pflichtete auch Stefan Paulus aus Knetzgau bei. „Das ist denkbar, wir sollten es probieren“, so der Landrat.

Dr. Schorscher blickte abschließend auch kritisch voraus: „Was wird sein, wenn die Möglichkeit kommt, dass wir Kinder ab fünf Jahre impfen können?“ Dann würden die Kapazitätsprobleme nicht leichter ...